Im Seniorenheim

Sterbehilfe: „Die Dunkelziffer ist hoch“

Scheßlitz – Ein Praktikant hilft einer 100-Jährigen beim Sterben – und keiner merkt‘s? Das ist nicht untypisch, sagen Experten. Nirgendwo könne so leicht getötet werden wie in Pflegeheimen.

Im Herbst wäre seine Ausbildung losgegangen, Altenpfleger wollte der 17-Jährige werden. Vor einem Jahr hat er die Hauptschule geschafft, im Mai ging er für ein paar Wochen ins Seniorenheim St. Elisabeth in Scheßlitz bei Bamberg. Schnupperpraktikum. Jetzt sitzt der 17-Jährige in einer geschlossenen Einrichtung. Er soll aus Mitleid eine 100-Jährige getötet haben – angeblich auf deren Wunsch. Der Fall wirft viele Fragen auf.

Das Heim verweigert die Auskunft, die Ermittlungsbehörden halten sich bedeckt: Oberstaatsanwalt Bernd Lieb verweist auf das schwebende Verfahren – derzeit wird das Umfeld des mutmaßlichen Täters und Opfers untersucht. Die zentrale Frage wird sein: Äußerte die Hochbetagte auch anderen Personen gegenüber einen Todeswunsch?

Fest steht, dass die 100-Jährige vor ihrem Tod bettlägerig und altersschwach, aber nicht dement oder schwer krank ist. „Der Praktikant hatte keine Pflegeaufgaben“, sagt Lieb, regelmäßigen Kontakt zu der Frau aber schon: Er gibt ihr zu trinken, wäscht sie, ratscht mit ihr. Am Morgen des 27. Juni liegt die Seniorin tot im Bett. An eine unnatürliche Todesursache denkt in dem Heim, das zur „Gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft des Landkreises Bamberg“ gehört, offenbar niemand. Die Verstorbene wird beerdigt. „Gott bestimmt die Zahl unserer Tage“, lassen die Angehörigen in die Todesanzeige schreiben – es sind entfernte Verwandte. Kinder hatte die Frau nicht. Doch plötzlich dreht sich der Fall.

Seinen Freunden gegenüber macht der Praktikant Andeutungen – einer geht zur Polizei. Die Beamten lassen die Leiche exhumieren. Tatsächlich: Die Seniorin wurde getötet. Wie, dazu schweigen die Ermittler. Aber: „Die Hinweise sind deutlich“, sagt Oberstaatsanwalt Lieb. Warum fielen sie dann nicht direkt nach dem Tod auf? „So deutlich waren sie nicht“, so Lieb.

War die Leichenschau nicht kritisch genug? Das wäre laut Professor Karl-Heinz Beine typisch. Der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Uni Witten hat sich wie kaum ein anderer Wissenschaftler mit Krankentötungen in Kliniken und Heimen beschäftigt. Alle Tötungen in Heimen, die seit den 1970ern weltweit vor Gericht landeten, hat Beine analysiert: Mindestens 326 Patienten wurden von Pflegern umgebracht. Die Dunkelziffer sei deutlich höher – „weil in einem Heim oder Krankenhaus der Tatort gleichzeitig der Arbeitsplatz ist und ein Ort, an dem sowieso gestorben wird“, sagt der Experte. Sterbehilfe fällt dort nicht unbedingt auf. Zudem erwarte solche Taten niemand von Pflegern, die ja helfen sollen. Der Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, meint sogar: „So leicht, wie in Pflegeheimen kann nirgendwo getötet werden.“ Aufsehenerregendes Beispiel: 2006 wurde ein Pfleger aus dem Allgäu wegen Mordes in zwölf und Totschlags in 15 Fällen verurteilt – er hatte Senioren über längere Zeit hinweg unbemerkt zu Tode gespritzt.

In Scheßlitz gibt es laut Staatsanwaltschaft keine Todesserie. Über den psychisch bislang unauffälligen Verdächtigen wird derzeit ein Gutachten erstellt. Noch schließt die Staatsanwaltschaft nicht aus, dass der Praktikant ein Verbrechen begangen hat und die Seniorin gezielt tötete. Frühestens in vier Monaten könnten die Ermittlungen abgeschlossen sein. Wird der 17-Jährige wegen Tötung auf Verlangen verurteilt, droht ihm eine Jugendstrafe von bis zu fünf Jahren.

Von Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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