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Das Einkleiden der Sternsinger ist nur eine Aufgabe des Tutzinger Pastoralreferenten Stefan Petry (links). Der Rentner Max Körte begleitet und beaufsichtigt die kleinen Könige.

300.000 Kinder in ganz Deutschland

Sternsinger: Wer zieht eigentlich die Fäden dahinter? 

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Die Sternsinger stehen für eine riesige Solidaritätsaktion. In den Pfarrgemeinden ist sie mit enormer Organisation verbunden. Wer zieht eigentlich die Fäden hinter den kleinen Heiligen Drei Königen? 

Tutzing – Als die Heiligen Drei Könige ihre Kronen verloren, war Max Körte mittendrin. Tatort: die 10 000-Einwohner-Gemeinde Tutzing am Starnberger See im Januar 2017. Körte konnte sich kaum wehren, auch er wurde getroffen in der Schneeballschlacht, in der sich Sternsinger gegenseitig die goldenen Papierkronen vom Kopf schossen.

Max Körte, 76 Jahre alt, steckt ein paar Schneebälle für ein höheres Ziel ein. Der Rentner geht wie tausende andere in Bayern als ehrenamtliche Begleitperson mit jungen Sternsingern von Tür zu Tür. Heuer zum vierten Mal. „Die größte Aufgabe ist, die Kinder bei Laune zu halten“, sagt er. „Sie hatten einfach keine Lust mehr auf Singen.“ Deshalb wurde Körte eben kreativ.

300.000 Kinder in ganz Deutschland

Die verkleideten und geschminkten Schüler stehen bei der weltweit größten Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder rund um den Dreikönigstag am 6. Januar im Fokus: Mit Liedern und Gedichten sammeln sie Spenden und bringen den Segen fürs neue Jahr – einige sogar zu Kanzlerin Angela Merkel nach Berlin. Doch damit 300.000 Kinder in ganz Deutschland und gute 60 in Tutzing losziehen können, muss einiges hinter den Kulissen passieren. Ohne groß angelegte Koordination und Begleiter wie Max Körte geht es nicht. „Ich hab ja Zeit für so etwas“, sagt er fröhlich. Im Berufsleben arbeitete er 40 Jahre lang für die Lufthansa. Als Flugkapitän lernte er die Welt kennen. Als Sternsinger-Begleiter stößt er auf viele neue Gesichter in seinem Heimatort. „Das ist total bereichernd. Zugezogene freuen sich besonders, wenn es klingelt.“ Die Tutzinger Pfarrgemeinde St. Joseph will alle Haushalte erreichen. 15 Gruppen sind zwischen 4. und 7. Januar unterwegs, jede in einer anderen Ecke im Ort.

„Christus segne dieses Haus“

Vier Kilometer hin und zurück legen Körtes Sternsinger im Zentrum zurück. Für den Ex-Kapitän ist das zwar kein Langstreckenflug, fühlt sich aber ein bisschen so an. Sechs Stunden lang muss er die Kinder beaufsichtigen, wenn sie den Segen „20*C+M+B+18“ (lateinisch „Christus Mansionem Benedicat“ für „Christus segne dieses Haus“) mit der Kreide an die Haustüren schreiben. Natürlich nur dort, wo erwünscht: „Manche sagen auch, sie mögen keinen Weihrauch und knallen die Tür zu.“ Das aber, so Körte, seien die wenigsten. „Flüchtlinge freuen sich immer besonders über den Besuch – und alte Menschen, die nicht mehr rauskommen. Manche bereiten sich sogar vor. Die Süßigkeiten und Geldspenden liegen dann schon parat.“

Stefan Petry lernt mit den kleinen Königen nicht nur Liedtexte auswendig und sucht Kostüme aus – er bekommt auch Anrufe von Tutzingern, die unbedingt wissen wollen, wann denn die Sternsinger endlich bei ihnen klingeln. Der 45-Jährige ist seit zwölf Jahren Pastoralreferent und örtlicher Chef-Organisator. „Es ist ein enormer organisatorischer Aufwand, bis alles steht“, sagt er. Zum Beispiel, weil die Kinder mit ihren Freunden in eine Gruppe wollen, aber nicht immer am gleichen Tag Zeit haben. Für Petry beginnt das Sternsingen immer im Dezember mit der „Werbephase“, wie er es nennt. Der Religionslehrer verkleidet sich dann als König – damit seine Schüler das auch werden wollen. Im Unterricht zeigt er den aktuellen Film zur Aktion, für den der Reporter Willi Weitzel („Willi will’s wissen“) diesmal nach Indien gereist ist. Er handelt unter anderem von Kindern, die von fünf Uhr morgens bis acht Uhr abends Glasringe für billigen Modeschmuck einschmelzen müssen.

„Ich habe ja selbst nichts, und für mich sammelt auch niemand“

„Kinder haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden“, sagt Petry. „Es trifft sie, wenn es Gleichaltrigen nicht gut geht.“ Und auch Erwachsene: Fast 47 Millionen Euro sammelte das Kindermissionswerk, seit 1959 Träger der Aktion, im vergangenen Jahr ein. Mit dem Geld unterstützt es rund 1600 Projekte für Kinder in Not. Doch bedürftig ist nicht nur der Nachwuchs in Entwicklungsländern: „Ich habe ja selbst nichts, und für mich sammelt auch niemand.“ Sätze wie diesen hört Petry, der selbst Sternsinger begleitet, auch hin und wieder. „Die Kinder wünschen dann einfach ein frohes neues Jahr und gehen wieder.“

Damit die Sternsinger richtig reagieren und wissen, was sie da eigentlich tun, schult Petry sie bei zwei Infotreffen. Außerdem bekommen sie einen Ausweis mit, den der Tutzinger Pfarrer Peter Brummer unterschreibt. Denn der Brauch wird schon mal missbraucht: Warnungen vor falschen Sternsingern machen in Bayern jedes Jahr die Runde. Pfarrer Brummer, der schon als Ministrant die Krone von Haus zu Haus trug, motiviert die echten Sternsinger folgendermaßen: „Ihr seid keine Bettler. Ihr seid nicht irgendwer. Ihr seid Könige.“

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