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Nächstes Ziel: Abschlussprüfung. Mansoor Khan zeigt Michaela Buchholtz von der Stiftung Startchance, was er in der Berufsschule lernen muss, um Schneider zu werden.

Schüler coachen Schüler

Stiftung hilft Jugendlichen, ihre Ziele zu erreichen

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Mansoor Khan fährt jeden Freitag mit der S-Bahn von Freising nach Starnberg. Um zu büffeln. Der junge Afghane macht eine Ausbildung zum Schneider. Dabei bekommt er Hilfe von der Stiftung Startchance. Sie unterstützt nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Schüler aus bildungsfernen Schichten dabei, ihre Ziele zu erreichen.

Mansoor Khan tippt hochkonzentriert Zahlen in seinen Taschenrechner. Er berechnet gerade Garnlängen. Mal vierfach gedreht, mal doppelt gedreht – in jedem Fall mit einer komplizierten Gleichung verbunden. Der 20-Jährige notiert mit einem Eifer Zahlen auf seinen Block, als würde sein Leben davon abhängen. Ein klein wenig ist es vielleicht auch so. Denn für den jungen Afghanen geht es nicht nur um vierfach gedrehtes Garn und seine Abschlussprüfung nach der Ausbildung zum Schneider – für ihn geht es um seine Zukunft in Deutschland. Ein größeres Ziel gibt es in seinem Leben seit Jahren nicht.

„Ich habe sehr viel Glück gehabt“, sagt Khan. Nicht nur auf der Flucht nach Deutschland. Er hat in Freising eine Familie gefunden, die ihm ein Zimmer vermietet hat und in Pasing eine Schneiderin, die ihm in ihrem Betrieb eine Ausbildung ermöglichte. Und er hat von der Stiftung Startchance erfahren, die ihm dabei hilft, die Berufsschule und seine Prüfungen zu schaffen. „Die Schule ist für mich sehr schwer“, sagt er. „Vor allem das Fachrechnen.“ Er weiß, dass er die Prüfungen nur mit viel Fleiß schaffen kann – und mit Hilfe. Deshalb steigt er jeden Freitagmittag in eine S-Bahn, fährt von Freising nach Starnberg und trifft sich dort mit Sonja Bauer.

Sie ist Lehramtsstudentin – und eine von insgesamt 61 Coaches, die Schülern oder jungen Flüchtlingen dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen. Einige der Coaches sind selbst Schüler. Sie helfen jüngeren Mitschülern mit dem Lernstoff. Insgesamt 105 Schüler aller Schularten bekommen aktuell Hilfe der Stiftung Startchance. Das kostenlose Angebot gibt es an vier Standorten in Oberbayern: zweimal im Kreis Starnberg, in Geretsried (Kreis Bad-Tölz-Wolfratshausen) und in Schäftlarn (Kreis München). Etwa ein Drittel der Schüler sind Flüchtlinge, berichtet die Lehrerin Michaela Buchholtz. Die anderen Schüler kommen aus Familien mit geringem Einkommen oder aus bildungsfernen Schichten. Dass viele der Jugendlichen zu Hause vernachlässigt werden, erkennt sie schon daran, wie ausgehungert sie zu dem Nachhilfe-Unterricht kommen. Es gibt immer Obst für die Schüler, manchmal auch Kekse. Und die Stiftung organisiert nicht nur die Nachhilfe, sondern auch gemeinsame Ausflüge. Erfolgsgeschichten habe es jede Menge gegeben, seit die Stiftung vor fünf Jahren gegründet wurde, erzählt Buchholtz. „Die Idee war, dass jeder, der weiterkommen möchte, eine Chance dazu bekommen soll.“ Natürlich gebe es auch Schüler, die irgendwann nicht mehr zum Coaching kommen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Dann rückt für sie ein anderer Jugendlicher nach – denn Wartelisten hat Michaela Buchholtz eigentlich immer.

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Mansoor Khan hatte vor zwei Jahren von einer Mitschülerin aus der Berufsschule von dem Startchance-Angebot erfahren. „Ich habe damals gefragt, ob ich einmal mitkommen darf“, erzählt er. „Mein Herz hat sehr geklopft, als ich das erste Mal in die Schule gegangen bin.“ Inzwischen ist die Aufregung dem Ehrgeiz gewichen. Der 20-Jährige lernt meist gemeinsam mit Sonja Bauer.

Und die beiden sprechen längst nicht mehr nur über vierfach gedrehtes Garn miteinander. „Vor einer Woche habe ich das erste Mal seit meiner Flucht mit meinen Eltern telefonieren können“, erzählt Khan ihr an diesem Nachmittag. Sie leben in einem Flüchtlingslager zwischen dem Iran und Pakistan. „Meine Mutter war Schneiderin“, erzählt er. „Sie wäre sehr stolz, wenn sie erfährt, dass ich die Ausbildung mache.“ Noch hat er es ihr nicht erzählt. Er will erst seine Abschlussprüfung schaffen. Dann dürfte er noch für mindestens zwei weitere Jahre in Deutschland bleiben. Dafür lernt der 20-Jährige in jeder freien Minute. „Meine Freunde haben mir erzählt, dass ich sogar, wenn ich schlafe, noch rechne und dabei rede.“

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