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Der angeklagte John Demjanjuk verfolgte den Prozess am zweiten Verhandlungstag im Liegen.

Zweiter Prozesstag

Stilles Gedenken im Demjanjuk-Prozess

Zweiter Prozesstag gegen John Demjanjuk: Der Staatsanwalt verliest die schreckliche Anklage. Der 89-Jährige hört liegend und schweigend zu. Und am Rande des Verfahrens erzählt ein Nebenkläger von seiner ermordeten Familie.

Reglos und zum Teil in sich gekehrt lauschten die 22 holländischen Nebenkläger im Landgericht München II der Verlesung ihrer ermordeten Angehörigen. Aus den so genannten Westerbork-Listen trug Vorsitzender Richter Ralph Alt die Namen von Eltern und Geschwistern vor. Sie alle waren über das niederländische Durchgangslager Westerbork in das Vernichtungslager nach Sobibor (Polen) gebracht worden. Dort soll der Angeklagte Demjanjuk 1943 als Wachmann geholfen haben, die 27.900 größtenteils aus Holland stammenden Juden zu töten.

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Für viele der Nebenkläger war die Verlesung der Namen durch einen deutschen Richter eine echte Wohltat. Manch einer bezeichnete später den Vortrag als „Gebet“. Er war aber auch für viele ein schmerzlicher Moment. In Gedanken waren sie bei ihren Angehörigen. So auch Max Degen aus Holland. Der 67-jährige Rentner hatte als fünf Monate altes Baby Vater, Mutter und den drei Jahre alten Bruder verloren. Zwei Jahre wurde er als kleines Kind unter einem fremden Namen versteckt. Schließlich nahmen ihn Pflegeeltern auf, die ihn liebevoll großzogen Mit fünf Jahren klärten sie ihn über seine wahre Herkunft auf. „Ich wollte das gar nicht wissen“, erzählte der pensionierte Kranbauer am Rande des Prozesses. „Mein Pflegevater war so lieb.“

Eine andere Geschichte

Erst 1960, als er mit 18 Jahren seinen Einberufungsbefehl bekam, sah er plötzlich ein, dass er „eine andere Geschichte hatte“. Dieser widmete er sich fortan. In den folgenden Jahren erhielt er immer mehr Informationen, zuletzt im Sommer 2008 in Australien, wo er auf einen früheren Bekannten der Familie traf. Der klärte ihn über seinen Weg als Kleinkind auf. Mit seiner Frau hatte der heute 67-Jährige lange überlegt, ob er sich dem Prozess als Nebenkläger anschließen sollte. Doch seine beiden erwachsenen Söhne unterstützten ihn in der Entscheidung, es schließlich zu tun.

Wie vielen anderen aus der holländischen Delegation geht es Degen nicht nur um die Strafe für den Angeklagten. Er wünscht sich einen fairen Prozess, und er will noch einmal erzählen dürfen, was Vater und Mutter passiert ist. Gestern trug er die Kopie eines Hochzeitsfotos von 1937 mit sich. Es ist eines der wenigen Erinnerungs-Stücke an seine Eltern, die er besitzt. Dazu gehört auch eine Karte von Mutter und Vater aus dem Durchgangslager Westerbork. Sie datiert vom 1. April 1943. Mit „1000 Küssen“ verabschiedeten sie sich von ihrem Buben. Acht Tage später wurden sie und Sohn Isaias in Sobibor getötet.

„Er war in der Mitte der Hölle“

Der Angeklagte Demjanjuk, der gestern wegen Kreuzschmerzen auf einer Trage liegend den Prozess verfolgte, wird in den kommenden Wochen zahlreiche dieser beklemmenden Berichte hören müssen. Er selbst wird nach Aussagen seines Verteidigers keine Angaben machen. „Es wäre eine gute Chance für ihn, sein Gewissen zu erleichtern“, meinte Nebenkläger Paul Hellmann dazu. „Wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde diese letzte Chance nutzen.“ Er stelle es sich schwer vor, sterben zu müssen und nie über das Schreckliche gesprochen zu haben.

Ähnlich argumentierte auch der Sobibor-Überlebende Thomas Blatt. Er hofft, dass der 89-Jährige doch noch selbst sprechen werde. „Er war in der Mitte der Hölle – er soll erzählen.“ Dieses höllische Treiben hatte zuvor Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz zusammengefasst. 20 Minuten dauerte die Verlesung der Anklage, die die Grausamkeiten von Sobibor beschrieb. Demnach hatte Demjanjuk freiwillig an der Tötung der Juden teilgenommen und sie nach der Ankunft in die Gaskammern getrieben. Der Prozess dauert an.

von Angela Walser

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