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Das Funkhaus am Rundfunkplatz. Für den Umzug des BR entsteht in Freimann ein Neubau für 160 Millionen Euro.

Keine Volksmusik mehr auf B1, Fernsehreform

Störgeräusche im Funkhaus des BR

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  • Carina Zimniok
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  • Stefan Sessler
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    Rudolf Ogiermann

München - Bayern 1 schafft die Volksmusik ab – und verärgert seine Hörer. Doch auch andere heimatnahe Formate stehen auf der Kippe. Das Bayerische Fernsehen steht vor dem Umbruch. Es gibt Widerstand –auch im Funkhaus selbst.

Es ist eine wütende Allianz. Angeschlossen haben sich ihr bereits Hansi Hinterseer, Heimatminister Markus Söder, Heino, Teile der SPD, diverse bayerische Blasmusik-Chefs, so ziemlich jeder Trachtler und bayerische Volksmusikfreunde aller Couleur. Der Grund für diese ungewöhnliche weiß-blaue Achse: Der Bayerische Rundfunk plant einen Eingriff am offenen Volksmusik-Herzen. Im Programm von Bayern 1 soll demnächst keine Volksmusik mehr zu hören sein.

Das Radioland Bayern brodelt

Seit das Anfang dieser Woche bekannt wurde, brodelt das Radioland Bayern. Man könnte jetzt fragen: Gibt’s denn keine größeren Probleme im Freistaat als eine Stunde Volksmusik mehr oder weniger im Radio? Nun: Der BR ist ein Nationalheiligtum wie Ludwigs Schlösser und das Reinheitsgebot – da muss sich nicht unbedingt was ändern, denken viele. Es kann ruhig auch mal was bleiben, so wie es ist. Und jetzt noch eine schlechte Nachricht für Traditionalisten: Nicht nur beim Radio, auch im Fernsehen wird vieles anders. Zu Lasten so mancher bayerischen Sendung, grummelt es aus dem Hochhaus am Rundfunkplatz 1. Dort ist, so sagt’s einer gradheraus, „die Stimmung beschissen“. Und zwar überall.

Zunächst zum Radio: Warum schlägt die Posse um Bayern 1 so haushohe Wellen? Vielleicht, weil es nicht nur um die Frage geht, ob man sich jetzt ein Digitalradio kauft oder eben nicht, um auf BR Heimat 24 Stunden am Stück Leitzachtaler Buam und Fischbachauer Tanzlmusi hören zu können. Es geht um Heimatgefühl, es geht um das Gefühl vieler Volksmusikfreunde, dass sie auf die Resterampe gekommen sind. „Die Volksmusik war die letzte Bastion gegen den Mainstream der Durchhörbarkeit“, sagt Enrico de Paruta, langjähriger BR-Hörfunkmoderator. Durchhörbarkeit – darauf legen vor allem die Werbekunden Wert. An die Streichung der Volksmusik, sagt de Paruta, habe sich bis jetzt noch keiner so richtig gewagt. „Volksmusik galt wie das sonntägliche Zwölfuhrläuten auf Bayern 1 als unantastbar.“

"Wir sind nicht abgehoben"

BR-Intendant Ulrich Wilhelm verteidigt die neue Strategie. „Mich schmerzt es, wenn es in Zuschriften nun heißt, wir würden uns aus der Volksmusik zurückziehen“, sagte er. Der BR investiere sogar mehr Geld in Volksmusik. „Wir sind uns bewusst, dass Volks- und Blasmusik Teil unserer Identität ist. Wir sind nicht abgehoben.“

Ulrich Wilhelm ist seit 2011 Intendant beim Bayerischen Rundfunk.

Das sehen nicht nur viele Hörer anders, auch unter den Redakteuren im Sender wird das Volksmusik-Thema leidenschaftlich diskutiert. „Die konservative Hörerschaft ist nicht unbedeutend“, warnt einer. „Das wird dazu führen, dass noch mehr Leute Radio Salzburg hören werden“, ein anderer. Wenn so ein gravierender Einschnitt vorgenommen werde, müsse man das besser kommunizieren. Der Groll des Fußvolks speist sich allerdings weniger aus dem Volksmusik-Verlust auf Bayern 1, sondern richtet sich an die Spitze. Im Sender gibt es Unzufriedenheit mit dem Intendanten und seinen Reformen. Einer sagt zur schlechten Stimmung: „Das hängt stark damit zusammen, wie Wilhelm den Laden führt.“

Vom Regierungssprecher zum Intendant

Wilhelm, CSU-Mitglied, ist seit 2011 Intendant beim BR, zuvor war er Angela Merkels Regierungssprecher. Er ist von Berlin zurück in seine Heimat München gegangen, um den BR neu aufzustellen. Fernsehen, Radio, Internet. Doch je moderner der BR wird, desto bedrohter scheinen die alteingesessenen Formate. „Da ist keine Struktur drin bei all den Reformen“, schimpft ein Kollege. Manch eine TV-Redaktion will gar nicht darüber nachdenken, ob sie im neuen Domizil in Freimann, das der Sender 2021 beziehen will, noch ein Platzerl bekommt. Da geht es eher drum: Gibt’s uns im Frühjahr noch?

Im April wolle der Sender sagen, wo es lang geht, das hört man immer wieder. Aber gerade aufwändige Fernseh-Produktionen haben einen langen Vorlauf, Gäste für Shows müssen gebucht, freie Autoren beauftragt werden. Es wabern Gerüchte durchs Funkhaus: Heimatnahe Sendungen wie „Wirtshausgeschichten“ oder „Der Letzte seines Standes?“ sollen vom Sendeplatz fliegen. Die bange Frage ist: Wohin? Und in diesem Vakuum ärgern sich Redakteure und Moderatoren über die ständigen Wiederholungen, über das Programm „aus der Konserve“.

Der BR hat Erfolg

Die Frage aller Fragen: Wie bayerisch und dabei wie beliebt muss das öffentlich-rechtliche Bayerische Fernsehen sein? Erfolg hat der BR, keine Frage. Der Marktanteil lag 2015 bei 7,5 Prozent, 0,4 Prozent mehr als 2014. Immerhin Platz drei unter allen Dritten. Gut läuft bayerisches Kabarett, Günter Grünwald mit seiner „Freitagscomedy“ zum Beispiel. Gerade die Unterhaltungsredaktion beweist immer mal wieder Mut zu frischen Formaten: Als Ersatz für „Ottis Schlachthof“ schickten sie Michael Altinger und Christian Springer mit ihrem „Schlachthof“ und Helmut Schleichs „Schleichfernsehen“ ins Rennen. Allerdings machen die längst nicht soviel Furore wie einst Ottfried Fischer. Mit anderen bayerischen Showideen ist der BR sogar richtig auf die Nase gefallen. So wurde Hubertus Meyer-Burckhardts „Kipfenberg oder die Seele Bayerns“ ebenso schnell entsorgt wie die Late Night Show „Freitag auf d’Nacht“. Die damalige Fernsehdirektorin Bettina Reitz sagte im Interview mit unserer Zeitung zur Marschroute: „Wir wollen das Programm verjüngen.“ Aber: Die Alten dürften auf keinen Fall verprellt werden.

Dieser schmerzhafte Spagat gelingt eben nicht immer, das hat auch das Beispiel „Musikantenstadl“ gezeigt, den der BR mitverantwortet. Aus dem wurde die „Stadlshow“ mit einem jungen Moderatorenduo. Das Publikum schaltete ab, die „Stadlshow“ wurde nach nur einer regulären Ausgabe eingestellt. Für Ex-Moderator Andy Borg, der den Machern mit 55 Jahren zu alt war, liegt die Schuld bei denen, „die die Entscheidung getroffen haben, den ,Stadl‘ zu verjüngen“. Sie hätten sich aktiv gegen die Zuschauer gestellt, die sich nicht gern vorschreiben ließen, was sie sehen wollen. Was sie seit fast zehn Jahren unbedingt sehen wollen: das tägliche „Dahoam is dahoam“, das sogar den RTL-Klassiker „GZSZ“ hinter sich lässt. Von den eher experimentellen Heimatkrimis wie „Sau Nummer vier“ verabschiedete sich der BR – wegen der hohen Kosten.

Jetzt wird am Programm gespart

Denn der Sender muss sparen: Da ist der 160-Millionen-Euro-Neubau in Freimann, steigende Ausgaben und Rücklagen für die Altersversorgung von einem ganzen Schwung an Mitarbeitern kurz vor der Pension, die in Zeiten guter Personalausstattung eingestellt wurden. Und nicht zuletzt tendiert die Bereitschaft der Politik, den Öffentlich-Rechtlichen die Millionen über den Tisch zu schieben, gegen Null. Also wird am Programm gespart. Sogar stolze Aushängeschilder wie die „Rundschau“ sind keine Tabus: Der BR will noch heuer die Hamburger „Tagesschau“ von der ARD übernehmen. Dadurch könne sich die „Rundschau“ auf ihre Kernkompetenz konzentrieren, die vertiefende Berichterstattung aus allen Landesteilen, heißt es dazu aus dem Funkhaus. Eine bemerkenswerte Entscheidung. Als der kürzlich verstorbene, langjährige Fernsehdirektor Helmut Oeller einst eigene Nachrichten einführte, wurde das in der ARD-Familie als Kampfansage gewertet.

Wilhelm, „der Göttliche“

Soweit zur inhaltlichen Ausrichtung. Wäre noch das Stimmungsproblem. In Gesprächen mit BR-Mitarbeitern dauert es selten lange, bis der Name Wilhelm fällt. Denn während manche Zuschauer und Hörer das Gefühl haben, ihr BR entferne sich von ihnen, sagen seine Mitarbeiter: „Der große Weltenlenker ist unnahbar geworden.“ Wenn der Intendant, so spotten sie in der Belegschaft, mit dem Auto in der Tiefgarage ankommt, steige er dort in den Aufzug und lege einen Schalter um, um direkt in seine Etage zu fahren. Damit er ja niemanden treffe. Gemotzt wird über seinen personalintensiven Stab, die „Hauptabteilung Intendanz“. Termine – und das gilt sogar für Mitarbeiter, die im Funkhaus was zu sagen haben – gebe es nur nach langer Wartezeit, persönliche Antworten auf E-Mails gar nicht. Hintenrum wird Wilhelm als „der Göttliche“ veralbert. „Der hat sich kanzleramtsähnliche Strukturen aufgebaut“, ätzt einer. Genervt schreibt ein TV-Reporter in einem internen Bericht: „Ich habe immer öfter das Gefühl, dass viele im Haus nicht mehr wissen, wie unser Geschäft tatsächlich abläuft.“

Unmut stiftet auch eine Personalie, die in Österreich für krachende Schlagzeilen sorgt. Reinhard Scolik, langjähriger Manager beim ORF, wird ab März BR-Fernsehdirektor, also der Nachfolger von Bettina Reitz. Obwohl Scolik freiwillig geht, bekommt er vom ORF offenbar eine Million Euro „Abfertigung“. „Ein goldener Handschlag“, empören sich die Medien, vor allem, da Scolik (Jahresgehalt 250 000 Euro) die ORF-Personalkosten massiv gedrückt hat. Beim BR heißt es: „Jetzt kommt da ein Sparer, wo wir doch dringend einen Gestalter bräuchten.“

„Endlich geht was voran in diesem verkrusteten Haus“

Es gibt aber auch Kollegen, die Wilhelms Modernisierungskurs unterstützen – aber sogar die wollen anonym bleiben: „Endlich geht was voran in diesem verkrusteten Haus“, sagt eine Redakteurin. „Der Tanker bewegt sich, und das ist auch gut so.“ Andere Häuser seien bereits viel weiter, und auch der BR müsse sich den neuen Nutzungsgewohnheiten stellen, um junge Hörer und Zuschauer nicht zu verlieren. Wilhelm will nun älteren Menschen die Scheu vor dem Digitalradio zu nehmen. „Dafür braucht man keine vertieften Internetkenntnisse.“ Bei Geräten mancher Hersteller sei gar eine Taste speziell für BR Heimat markiert. Die Umstellung ist für den 15. Mai geplant.

Auf Bayern 1 gibt es ab dann eine „Mischung aus den beliebtesten Oldies und den größten Hits“, so definiert der Sender die neue Musikfarbe und stützt sich auf Studien, denen zufolge die Mehrheit englischsprachige Lieder bevorzugt und deutsche Schlager ablehnt. Bayern 1 soll sogar den jetzigen Bayern-3-Fans künftig eine Heimat bieten.

Der Sender, so schreibt ein Leser an unsere Zeitung, solle doch am besten gleich das „Bayerisch“ aus dem Namen streichen. Und manche heimatliebenden Hörer haben dem BR die große Reform von 1996 noch nicht verziehen, als man den Schlager strich. In einem Brief beschwert sich ein Leser erst neulich über das „entsetzliche englische Gekreische“. Manche Wunden heilen nie.

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