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Über 100 Störfälle: 60 Kilometer hinter der bayerischen Grenze steht das tschechische Kernkraftwerk Temelin. Jetzt soll es ausgebaut werden.

Der strahlende Nachbar

Temelin - Während Deutschland über die Laufzeiten von Kernkraftwerken streitet, baut man kurz hinter der Grenze neue Anlagen: Das anfällige AKW Temelin in Tschechien bekommt zwei zusätzliche Reaktoren. Die Zeit für Beschwerden aus Bayern wird knapp.

In Temelin steht eine kleine Kapelle. Sie ist gelb gestrichen, hat eine Holztür und einen kleinen Turm mit spitzem Dach. Eine kleine Kapelle für ein kleines Dorf. 757 Menschen leben in dem tschechischen Örtchen, rund 60 Kilometer hinter der bayerischen Grenze. In dem Kirchlein können sie beten. Dafür, dass bloß nichts passiert.

Ein paar tausend Meter entfernt ragen vier riesige Kühltürme in den Himmel. Sie gehören zum größten Kraftwerk Tschechiens. Und bald soll es noch größer werden. Seit Ende 2007 will der Energiekonzern CEZ zwei zusätzliche 1000-Megawatt-Reaktoren bauen. Jetzt wähnt man sich fast am Ziel.

So weit ist das Atomkraftwerk Temelin nur von Bayern entfernt.

Eine der letzten Hürden stellt die EU in den Weg. Sie verlangt, dass die Dokumente zur „Umweltverträglichkeitsprüfung“ eine Zeitlang öffentlich zugänglich sind. Seit gestern sind sie im bayerischen Umweltministerium, in diversen Landratsämtern und im Internet einzusehen. Wer einen Blick riskiert, kann sich unter Punkt 3.2 über die „Sterblichkeit im produktiven Alter“ informieren. Etwas weiter unten geht es um „verlorene Jahre potenziellen Lebens“. So makaber diese Punkte auch klingen – das Papier voller Tabellen und Formeln hat vor allem eine Botschaft: Alles ist sicher.

Über 100 Vorfälle im AKW bekannt

Dabei ist Temelin alles andere als störungsfrei. Weit über 100 Vorfälle sind bekannt. So traten zum Beispiel im Juni 2004 rund 3000 Liter radioaktiv verseuchte Kühlflüssigkeit aus. Ein Vertreter der tschechischen Behörden sprach damals von einer „klassischen technischen Panne“. Drei Jahre später, am 19. Mai 2007, kam es im Block 1 zu einer ungeplanten Abschaltung des Reaktors. Radioaktiv kontaminierter Dampf soll dabei in die Atmosphäre geblasen worden sein. Störfall Nummer 106 war das. Ein strahlender Nachbar an Bayerns Grenze.

Trotz der Störfälle unterstützt das Mitte-Rechts-Bündnis in Tschechien den geplanten Ausbau. Der Energiekonzern CEZ liegt zu 68 Prozent in staatlicher Hand. Mit einem Jahresumsatz von 9,41 Milliarden Dollar ist CEZ eines der mächtigsten Unternehmen des Landes – und einer der größten Energieversorger Europas. Laut ARD-Recherchen leistet sich der Konzern „paramilitärische Einheiten“, um Geld von säumigen Kunden einzutreiben. Die Umweltschützer kämpfen gegen einen Konzern, der nicht zimperlich mit seinen Gegnern umgeht.

Radioaktiver Fallout bedroht auch München

Hubert Weiger ist so ein Gegner. „Bayern ist von Temelin massiv betroffen“, warnt der Vorsitzende des Bund Naturschutz. Bei einem GAU, sagt er, würde der radioaktive Fallout auch über München niedergehen. Millionen Leben seien dann bedroht. Der geplante Ausbau erhöhe das Risiko zusätzlich. „Je größer die Anlage, desto größer das Gefährdungspotenzial.“ Die Bevölkerung müsse jetzt ein Signal setzen und Einspruch bei der tschechischen Regierung einlegen. Die Beschwerden in deutscher Sprache nimmt auch das bayerische Umweltministerium entgegen.

Der Widerstand wächst. Nicht nur gegen Temelin, auch gegen Isar 1 bei Landshut. Rudolf Anschober, Umwelt-Landesrat in Oberösterreich, zählt beide Meiler zu den „riskanteren Anlagen“. Die Reaktortypen SWR 69 hätten „Mängel in der Grundauslegung“. Selbst in der CSU, die sich für eine Verlängerung der Laufzeiten einsetzt, macht sich Ärger breit (siehe Kasten). Nicht zuletzt deswegen, weil die Notwendigkeit der Anlagen zunehmend infrage gestellt wird. Isar 1 produziert rein rechnerisch nur noch für den Export, sagen die Grünen. „Und damit für die Firmenkasse von E.on.“ Auch die zwei neuen Reaktoren von Temelin sind für den Stromverkauf gedacht, sagen Kritiker. Schon jetzt exportiert CEZ rund ein Viertel der Energie ins Ausland. „Tschechien braucht den Strom nicht“, sagt Weiger. „Und Bayern erst recht nicht.“ Mit Neubauten und verlängerten Laufzeiten sollen vor allem „die Freunde von der Atomindustrie bedient werden“, kritisiert Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir.

Bis zum 31. August haben die Bayern noch Zeit, sich einzumischen. „Protest lohnt sich“, sagt Weiger. Dass die Reaktoren gebaut werden, sei zwar kaum noch zu verhindern. Aber die Betriebsgenehmigung – die könne man CEZ vielleicht noch vermiesen.

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