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Noch handelt es sich lediglich um Warnstreiks. Doch der Ton zwischen Bahn und Gewerkschaft wird immer schärfer.

Jetzt droht ganztägiger Bahnstreik

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München - Am Freitag ließen die Lokführer zum dritten Mal ihre Züge stehen. Noch handelt es sich lediglich um Warnstreiks - noch! Ab Dienstag könnte es ganztägige Streiks geben.

Rund ein Dutzend Lokführer frieren vor dem Münchner Hauptbahnhof. Sie wippen auf und ab, reiben sich die Hände. Seit zwei Stunden streiken sie in der Kälte. „Ich wär’ jetzt auch lieber in meiner warmen Lok“, sagt Thomas (33) und zuckt mit den Schultern. Er und seine DB-Kollegen warten auf Norbert Quitter, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden ihrer Gewerkschaft, der GDL. Quitter reist per S-Bahn an – und kommt zu spät.

Eigentlich wollten sie ja nicht schon wieder streiken, zum dritten Mal innerhalb von zwei Wochen. „Aber dann hat uns die Bahn ein Ultimatum gesetzt und uns aufgefordert, unsere Urabstimmung abzubrechen“, wütet Quitter, nachdem er den Streikposten erreicht hat. „Auf diese Dreistigkeit mussten wir reagieren.“

Haben sie dann auch. Von 8.30 bis 11.30 Uhr. In München fiel die S 3 über eine Stunde komplett aus. Die anderen S-Bahnen kämpften im Schnitt mit 15 Minuten Verspätung, bestätigt ein Bahnsprecher. Im Fernverkehr wurde etwa jeder dritte Zug bestreikt. Auch im Regionalverkehr fielen Züge aus.

All das ist aber nur ein milder Vorgeschmack auf das, was ab der kommenden Woche auf die Reisenden warten könnte. Aktuell läuft die Urabstimmung unter den GDL-Mitgliedern. Am Montag endet die Frist, dann werden die Stimmen gezählt. „Ich rechne mit einer großen Mehrheit für den Arbeitskampf“, prognostiziert Quitter. Ganztägige Streiks seien dann nicht mehr ausgeschlossen.

Intern rechnet die Führungsebene der S-Bahn München bereits mit diesem Szenario. Wie bereits beim großen Bahnstreik 2007, soll ein Not-Fahrplan wenigstens etwas Ordnung ins Chaos bringen. Dann hätten die Fahrgäste wenigstens Klarheit, welche Züge fahren – und welche nicht. Der Münchner S-Bahn-Chef Bernhard Weisser sieht sein Unternehmen jedoch unverschuldet in den Streik verwickelt. Hauptadressaten seien die Privatbahnen, die in der Regel weniger zahlten als die DB. Auch dies mache diesen Arbeitskampf so schwierig.

Und er wird immer schwieriger. Sechs in einer Tarifkommission zusammengeschlossenen Bahnkonkurrenten wollen jetzt nicht mehr gemeinsam mit der GDL verhandeln. Die Gewerkschaft verfolge eine „Verweigerungsstrategie“. „Wir werden uns nicht zum Spielball von konkurrierenden Gewerkschaften machen lassen“, ärgert sich die Verhandlungsführerin Ulrike Riedel von dem Bahnunternehmen Benex. Künftig müsste die GDL also mit jedem Unternehmen einzeln verhandeln.

Dabei will die Gewerkschaft genau das Gegenteil erreichen: Ein Lokführer bei der DB verdient pro Monat im Schnitt rund 2700 Euro brutto. Die Konkurrenten bezahlen bis zu 30 Prozent weniger, sagt die GDL. Gleiche Arbeit, weniger Geld. Deswegen will man durchsetzen, dass alle Lokführer auf DB-Niveau verdienen.

Für die Bahn sind die Streiks daher schlicht „widersinnig“. Man habe der GDL den Entwurf eines Rahmentarifvertrags vorgelegt, der angeblich alle von der Gewerkschaft geforderten Kernelemente umfasse. „Wir sind seit Tagen bemüht, die von der GDL einseitig abgebrochenen Verhandlungen wieder in Gang zu bringen“, beteuert DB-Personalvorstand Ulrich Weber. „Die einen werden bestreikt, weil sie nichts vorlegen, die DB wird bestreikt, obwohl sie etwas vorgelegt hat.“ GDL-Chef Claus Weselsky reagiert darauf geradezu empört: „Das ist kein Angebot, sondern ein Stück aus dem Tollhaus.“

Während alles auf eine Ausweitung der Streiks ab der kommenden Woche hinausläuft, sind die Bahnreisenden schon jetzt die Leidtragenden. Die Stimmung am Münchner Hauptbahnhof war gestern recht gelassen, nur vereinzelt hörte man laute Beschwerden. Das könnte sich nach der Urabstimmung ändern.

von Thomas Schmidt

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