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Kulturgut: Volksmusik gehört zu Bayern wie das Salz auf die Butterbrezn. Und sollte deshalb im UKW-Radio zu hören sein, finden viele BR-Hörer.

Volksmusik-Gipfel des Münchner Merkur

Streit um BR-Volksmusik: "Das Bairische in ein Reservat abgeschoben"

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München – Seit Monaten schwelt dieser Streit: Bayern 1 streicht die Volksmusik aus dem Programm – ab nächster Woche läuft sie nur noch im Digitalradio. Die Hörer macht das narrisch, der BR verteidigt sich. Wir haben beide Seiten zu einem Gespräch eingeladen.

Wenn’s was zu feiern gibt im Verlagsgebäude, dann trifft man sich im Buttersack-Zimmer. „Heut’ gibt’s aber nichts zu feiern“, raunt Walter Mayerl seinen Sitznachbarn zu. Ihm ist nicht nach Friede-Freude-Eierkuchen. Er ist da, um sich zu beschweren. Bei Martin Wagner persönlich. Der ist seit zwei Jahren Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks und als solcher gerade dabei, grundlegende Programmänderungen vorzunehmen. Wagner nennt es: „Den Bayerischen Rundfunk in die Zukunft führen.“ Mayerl findet: „Das Bayerische wird nach und nach aus Fernseh- und Radioprogramm verbannt.“ Dem angeblichen Fortschritt geopfert.

Aber der Reihe nach.

Wochenlang erreichten uns sich die Leserbriefe in unserer Redaktion gestapelt. Der Auslöser: die Ankündigung des BR, ab diesem Pfingstwochenende die Volksmusiksendungen von Bayern 1 ins Digitalprogramm BR Heimat wandern zu lassen. Auch der BR erhielt viele Protestbriefe. Und das ist noch nicht vorbei: Am heutigen Freitag liefert Helmut Freund von der Bayernpartei eine Liste mit 22 000 Namen im Funkhaus ab. Dahinter stehen 22 000 Personen, die ihre Volksmusik im stinknormalen UKW-Radio behalten wollen.

"Man hört nichts mehr von Bayern und denkt, man ist in Idaho"

Engagiert und respektvoll diskutierten Merkur-Leser mit Hörfunkdirektor Martin Wagner, Georg Anastasiadis (stellvertretender Chefredakteur MM), Programmbereichsleiter Walter Schmich und BR Heimat-Wellenchef Stefan Frühbeis (Bild rechts, v.li.).

Jede Menge Gegenwind also, den der BR mit Podiumsdiskussionen und Zuhörergesprächen versucht zu entkräften. Am Mittwoch passiert das in unserem Verlagshaus. Der Hörfunkdirektor kam, um mit einigen unserer Leser zu diskutieren. Auch Walter Schmich (Programmbereichsleiter Bayern 1, Bayern 3 und Puls), Stefan Frühbeis (Wellenchef BR Heimat) und Manfred Schmitz (BR-Technik) hatten sich die Zeit genommen. Der BR will ein Zeichen setzen, dass er seine Kritiker ernst nimmt. Aber an seiner Entscheidung festhält. Die BR-Vertreter möchten an diesem Vormittag vor allem eines: für einen Kurs überzeugen, der ihrer Meinung nach auf Erfolg ausgerichtet ist – und daher ohnehin nicht mehr geändert wird.

Zufrieden berichtet Wagner, dass BR Heimat, gestartet im Februar 2015, inzwischen eine Tagesreichweite von knapp zwei Prozent erreiche – „also rund 200 000 Hörer, allein in Bayern“. Das sei ein größerer Erfolg, als zuvor erhofft. Und überhaupt – woher komme der viele Ärger? Wo es doch jetzt einen Sender gibt, der 24 Stunden lang Volksmusik sendet. „Ein faires Angebot, mit dem wir jetzt schon 200 000 Menschen eine Freude gemacht haben“, betont er.

Schön und gut. Aber was ist mit denen, die sich kein Digitalradio anschaffen können oder wollen? Die BR-Verantwortlichen haben eine Auswahl von Geräten und Adaptern auf Stehtischen drapiert. Ein Leser deutet verärgert darauf: „Jetzt ist jeder gezwungen, sich so ein Gerät anzuschaffen. In meinen Augen ist das ein Verkaufstrick.“ Thomas Greiner aus Antdorf hat sich informiert: Wenn er die Radios in seinem Haus austauschen wollte, noch dazu das Autoradio umrüsten würde, summiere sich das für ihn auf 290 Euro. „Das ist ein Zwang der Hörerschaft, sich in Unkosten zu stürzen und sich darüber zu informieren, wie das technisch funktioniert“, kritisiert er. Klar werde man irgendwann umstellen müssen, aber: „Das kommt zu früh.“

"Den Älteren ist das viel zu technisch!"

Für Stefan Frühbeis, den Wellenchef von BR Heimat, ein bekanntes Argument. „Ich weiß schon, man nimmt den Leuten die Gewohnheiten, und das mag der Bayer überhaupt nicht“, sagt er. Und dennoch: Dass das Ende von UKW nur noch eine Frage der Zeit ist, sei klar. Warum dann nicht jetzt schon damit beginnen?

Gegenfrage von Roman Messerer vom Bairisch-Alpenländischen Volksmusikverein: „Warum tut man nicht moderne Sender ins Digitale? Dann hätte man gleich Millionen Hörer! Warum lässt man den Älteren nicht ihre alten Dampfradios?“ So einfach sei es eben nicht, entgegnet Wagner. Spezielle Angebote wie das 24-Stunden-Volksmusik-Programm funktionierten am besten auf dieser Sonderschiene. Im UKW erwarte man die Abwechslung. Zu der doch aber auch bitteschön die Volksmusik gehöre, betont Messerer energisch. Denn dass der Digitalsender große Klasse sei, das bezweifle ja niemand.

Die Frage: Warum wird die Volksmusik künftig nicht mehr auf Bayern 1, sondern im Digitalradio Bayern Heimat gesendet?

Als Wagner beginnt, all die Vorzüge der verschiedenen BR-Programme aufzuzählen – „Kulturell kann uns keiner was vormachen! Wir sind das größte Kulturinstitut Bayerns“ – unterbricht er ihn: „Das wollen wir auch gar nicht abstreiten. Über Ihre Arbeit beschwert sich ja niemand, doch es braucht auch im UKW-Radio ein Schaufenster für Zufallshörer!“ Walter Mayerl aus Valley, der neben ihm sitzt, nickt heftig: „Das Bairische wird in ein Reservat abgeschoben. Touristen oder Ausländer, die heute Bayern 1 hören, hören überhaupt nichts mehr von Bayern – die denken, sie sind in Idaho!“ Amerikanische statt bayerische Volksmusik – ist das wirklich die richtige Prioritätensetzung, Herr Hörfunkdirektor?

Der Volksmusik-Gipfel - Bilder

Auch da hält Wagner dagegen. Man treffe solche Programmreformen ja nicht aus dem Bauch heraus. Regelmäßige Hörerbefragungen würden ergeben, dass die Bayern 1-Nutzer vor allem die Hits ihrer Jugend hören wollten – amerikanische Oldies. Kopfschütteln bei Christel Kühnel aus Lorenzenberg. Wer denn die Menschen seien, die da befragt würden? „Ich kenne nur unzufriedene Hörer“, sagt sie. Vor allem die Älteren würden durch die Umstellung völlig ausgegrenzt. „Das ist denen viel zu technisch!“

Die Mama kann wieder besser schlafen, weil sie ihre Musi hören kann

Der Volksmusik-Gipfel - Bilder

Höchste Zeit für eine rührende, und wahre Geschichte. Frühbeis erzählt sie immer wieder gern, weil sich mit ihr so wunderbar alle Bedenken gegenüber Neuem zerschlagen ließen. Ein 103-Jähriger bekam von seinem Sohn ein Digitalradio geschenkt und erklärte ihm, wie man es richtig einstellt. Der Sohn ist 80. „Und wenn die das können, dann kann’s wirklich jeder“, prognostiziert Frühbeis, nimmt ein Digitalradio von BR Heimat, drückt aufs Knöpfchen – der Sendersuchlauf beginnt und endet automatisch beim Volksmusiksender. „So einfach ist das.“ Programmbereichsleiter Walter Schmich hat auch noch etwas, das sich kein Werbetexter besser hätte ausdenken können: Seine Mutter hatte immer ihr altes UKW-Radio, jahrzehntelang hat sie den Sender nicht umgestellt, aus Angst, Bayern 1 dann nicht wiederzufinden. Zu Weihnachten schenkte er ihr ein Digitalradio. Seither kann die Mama wieder besser schlafen, weil sie ihre Musi am Abend hören kann. Und noch dazu auf dem Display sieht, wie die gespielten Lieder heißen. „Das beste Weihnachtsgeschenk seit Jahren“, sagt Schmich und lächelt.

„Wenn’s denn funktioniert“, murrt Walter Mayerl. Auch er hat sich ein Digitalradio zugelegt; der gute Wille war da – der Empfang leider nicht. „Wo wohnen Sie?“, fragt BR-Techniker Manfred Schmitz. „In Valley.“ Dort gibt es Schmitz zufolge tatsächlich teilweise Probleme, im Haus das Digitalradio zu empfangen, draußen sei es besser. „Ja, ich möchte aber nicht zum Radiohören nach draußen auf die Straße gehen“, merkt Mayerl an. Lachen in der Runde. Und ein Vorschlag zur Güte vom Hörfunkdirektor: „Darf Herr Schmitz Sie besuchen? Bisher konnte er noch alle technischen Probleme lösen.“ Darf er. Demnächst kommt er nach Valley, um zu helfen.

Auch andere Hörer mit Empfangsproblemen können Hilfe vom BR erhalten. Denn es gibt auch einige Tricks, damit das Umrüsten nicht so teuer wird, wie von vielen unterstellt. Der Sender selbst hingegen hat viel Geld investiert, um BR Heimat möglich zu machen. „Wir haben ein Paradies eröffnet für die Freunde der Volksmusik, kein Reservat“, betont Wagner. Und lädt alle ein, es kennenzulernen. Wie viele dieser Einladung folgen werden, werden die Hörerzahlen zeigen – und die Geschenke unterm Christbaum.

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