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Soll es per Gerichtsurteil nur noch nach Einheitsrezept geben: den Bayerischen Obazden.

Streit um Obazden: Bald nur noch Einheits-Baz?

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München - Bislang fiel der Obazde nur dann unangenehm auf, wenn ihn jemand nicht richtig aussprechen konnte. Nun aber ist er ein Fall fürs Gericht. Denn zukünftig soll es nur noch einen Baz geben.

In Freising, sagt man, wurde er erfunden, der Obazde. Katharina Eisenreich, findige Wirtin im Weihenstephaner Biergarten, wollte sich nicht länger über ihren Käse ärgern. Camembert und Brie waren schon wieder so stark gereift, dass Eisenreich sie nicht mehr verkaufen konnte. Kühlschränke, die hatten sie damals höchstens in München. Also „verbazte“ die Wirtin die zwei Sorten, würzte alles noch ein wenig – und fertig, der Obazde war geboren. Seitdem hat sich der käsige Baz seinen Weg durch die bayerischen Biergärten, ja durch die Welt gebahnt, sogar hinein in die Spezialitäten-Datenbank des Landwirtschaftsministeriums. Viele mögen ihn, nicht jeder kann ihn aussprechen – und jeder bereitet ihn ein bisschen anders zu. Das soll sich ändern.

Geht es nach der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft, gibt es zukünftig nur noch einen Obazden. Der muss unter anderem mit Zwiebeln und mit Kümmel gemacht werden und in Bayern hergestellt sein. Und er darf nur mit einem speziellen Hitze-Verfahren (Thermisierung) haltbar gemacht werden. Ein Gesamt-Rezept, wie es eines ihrer Mitglieder, die Firma Alpenhain aus dem Kreis Rosenheim, verwendet. Dazu hat die Landesvereinigung beim Patentamt in München einen Antrag eingereicht, dem das Amt stattgegeben hat. Seitdem herrscht Streit im Obazda-Himmel über Bayern. „Unrichtig und überflüssig“, schimpft Oliver Kugler, Geschäftsführer von Kugler Feinkost in Grasbrunn bei München über diese Entscheidung. Seine Firma produziert rund 222 000 Kilogramm Obazda im Jahr, konserviert ihn aber nicht durch Erhitzung wie Alpenhain, sondern mit Konservierungsstoffen. Heißt: Gemäß der Entscheidung des Patentamts dürfte Kugler seinen Obazden zukünftig nicht mehr Obazden nennen. „Wir würden die Produktion wohl einstellen“, sagt Kugler, „denn bei der Thermisierung werden alle Bakterien abgetötet, das schadet dem Geschmack.“ Er befürchtet einen fragwürdigen Monopolisierungseffekt. Alpenhain sei schon jetzt der größte Produzent des Obazden. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, Alpenhain hätte die Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft vor den Karren gespannt. Die Landesvereinigung weist diesen Vorwurf zurück.

Aber halt, noch ist nichts entschieden. Gegen das Obazda-Diktat klagt mittlerweile eine Firma vor dem Bundespatentgericht, im September findet eine Anhörung statt.

„Pflaum’s feine Frische“ produziert zirka 200 Tonnen Obazden im Jahr. Ihr Manko: Sie stellen den Baz zwar in Leutkirch im Allgäu her – das liegt aber im baden-württembergischen Teil. Wenige Kilometer entfernt von der nun reglementierten Obazda-Grenze zu Bayern. „Wir müssten unser Produkt dann umbenennen, obwohl wir seit 20 Jahren Obazden herstellen“, sagt der Geschäftsführer Ulf Pflaum. Von der geographischen und auch geistigen Nähe zum bayerischen Käse-Baz ließ sich das Münchner Patentamt aber nicht beeindrucken. Pflaum lasse zwar weiß-blaue Rauten auf sein Produkt drucken, und Leutkirch werde „nicht selten fälschlicherweise zu Bayern“ gerechnet, heißt es im Beschluss des Amts. Aber auch die Tatsache, dass Pflaum bis vor acht Jahren noch in Unterföhring bei München produziert hat, reicht nicht aus. Die Bezeichnung „Bayerischer Obazda“ und „Obazda“ mitsamt seinen von der Milchwirtschaftsvereinigung geforderten Spezifikationen ist nun geschützt. Bis der Beschluss aber rechtskräftig ist, könne es noch ein paar Jahre dauern, hieß es aus dem Patentamt.

„Nicht nur wir wollen das nicht, sondern auch den bayerischen Wirten wird das nicht gefallen“, knurrt Ulf Pflaum. Dass diese von dem Beschluss zukünftig genauso betroffen sind wie die industriellen Hersteller, bestätigte ein Jurist des Münchner Patentamts auf Anfrage. Obazda könnte somit in ein paar Jahren nur noch dann Obazda heißen, wenn er wie bei der Firma Alpenhain hergestellt wurde.

Und was sagt die Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft? „Wir wollen nicht, dass der Obazde irgendwann in China produziert wird“, meint Geschäftsführerin Maria Linderer. Und überdies: Solange sich die Wirte an die Rezeptur hielten, könnten sie ihn ja auch Obazda nennen. Der historische Ursprung liege in Bayern, und der sei genauso zu schützen wie die ursprünglichen Zutaten, zu denen Konservierungsstoffe nicht zählten. Ob die Obazda-Erfinderin Katharina Eisenreich ihren Baz thermisiert hat, ist nicht überliefert.

Patrick Wehner

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