„Früher war der Laden halb voll“: Marijan Horak, der Wirt der „Giasinger Schlümpfe“. bod

Streit um Rauchverbot geht weiter: Ein Jahr nikotinfrei

München - Seit einem Jahr gilt das strikte Rauchverbot in Bayern. Gequalmt wird jetzt vor der Kneipentür. Es hat sich eingespielt, sagen manche. Andere glauben, dass das Gesetz einige Lokale in den Ruin getrieben hat.

Marijan Horak steht allein vor seiner Kneipe in Giesing und raucht. Der Wirt der „Giasinger Schlümpfe“ kann sich Zeit lassen, drinnen sind keine Gäste. Es ist 19 Uhr. „Früher um die Zeit war der Laden mindestens halb voll“, sagt der 52-Jährige. Das sei sogar noch nach dem Rauchverbot vom 1. August letzten Jahres so gewesen - Marijan Horak hielt sich zunächst nicht daran. Doch seit ihn heuer im April einer hingehängt hat, sagt er, traut er sich nicht mehr, die Leute an der Theke rauchen zu lassen. Seitdem würden viele Gäste gar nicht mehr kommen oder schon nach einem Bier wieder gehen. „Der Frankenberger, der ist doch. . .na, des sag ich lieber nicht“, knurrt Horak.

Sebastian Frankenberger, Initiator des Volksbegehrens für das Rauchverbot und inzwischen ÖDP-Bundesvorsitzender, hat nicht nur bei Horak einen schlechten Stand. „Die Straße rauf und runter haben seit dem Rauchverbot fünf Kneipen zugemacht“, behauptet Horak und nippt an seinem Bier. „Der Frankenberger wollte letzten Monat ein paar Meter weiter was trinken. Dann haben’s ihn rausgeschmissen - Lokalverbot“, erzählt der Giesinger Wirt und grinst. Für Horak ein wenig Genugtuung. Doch bleiben auch seine Stammgäste weiter aus, weiß er nicht, wie lange er noch aufsperrt.

Vor gut einem Jahr hatten in Bayern 61 Prozent der Wähler in einem Volksentscheid für ein komplettes Rauchverbot gestimmt, zum 1. August wurde es amtlich. Im Vorfeld tobte ein heftiger Streit zwischen Gegnern und Befürwortern. Die Wirtshauskultur, dieses hohe bayerische Gut, stirbt weg, Bayern wird zum Verbotsstaat, sagten die einen. Bedienungen, Musiker, Nichtraucher, Kinder müssen vor dem Rauch, vor Krebs, geschützt werden, erwiderten die anderen.

An der Spitze der Parteien standen sich zwei Männer gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Für die Raucher Franz Bergmüller, 46, der Ur-Wirt aus Feldkirchen-Westerham (Kreis Rosenheim). Für die Nichtraucher Sebastian Frankenberger, 29, der Ex-Ministrant und strikte Alkohol- und Nikotin-Verächter aus Passau. Die zwei duellierten sich vergangenes Jahr die Medienlandschaft rauf und runter. Mit Vorwürfen, Studien, Statistiken und Zahlen.

In der Öffentlichkeit wurde es nach dem Entscheid ruhiger um die beiden. Für Frankenberger ist die Causa Rauchverbot mittlerweile abgehakt: „Nichtrauchen ist in Kneipen jetzt Normalität.“ Er tingelt seitdem durch die Lande, wirbt für seine ÖDP, sein neues Buch und neue Volksbegehren. Meistens mit Polizeischutz. „Die Anfeindungen waren extrem. In den Monaten nach dem Volksbegehren bekam ich hunderte E-Mails und Anrufe am Tag, mit Drohungen und Beleidigungen“, erzählt Sebastian Frankenberger. Mittlerweile sind es nur noch fünf am Tag, sagt der Passauer. Kneipen sind für ihn trotzdem verbrannte Erde, er bekomme dort nur selten etwas zu trinken.

Franz Bergmüller, selbst Nichtraucher, ist indes hinter den Kulissen aktiv und hält die bayerische Justiz seit vergangenem August mit mehreren Klagen auf Trab. Er will eine Ausnahmeregelung durchsetzen, die den Raucherclubs verdächtig nahe kommt. „Beim Oberverwaltungsgericht in München wollen wir bis zur letzten Konsequenz klären, wie bei einer ,Geschlossenen Gesellschaft‘ verfahren wird“, sagt Bergmüller. Er will durchsetzen, dass unter diesem Begriff auch in Kneipen wieder geraucht werden darf. „Dieses Mal aber mit strengeren Auflagen als bei den ehemaligen Raucherclubs“, so Bergmüller. Bislang wurden seine Klagen von den Richtern abgebügelt. „In Bayern will keiner mehr dieses Fassl aufmachen“, sagt er. Neuen Aufwind erhofft er sich am kommenden Montag. Dann stellt die Allianz der Raucher-Befürworter eine Studie des Münchner Instituts für Marktforschung vor, die die aktuelle Entwicklung der kleinen Kneipen und Bierstüberl zeigen soll. Zahlen verrät Bergmüller noch nicht. Aber: „Die Tendenz zeigt, dass immer mehr dicht machen bei uns.“ Sebastian Frankenberger sieht das anders: „30 Prozent sterben aus, 30 Prozent kommen hinzu. Das ist die seit Jahrzehnten gültige Fluktuation in der Szene-Gastronomie.“

In der Giesinger Kneipe ist es mittlerweile 20.30 Uhr. Marijan Horak steht wieder hinter der Bar und trinkt von seiner Halben. Vor einem Jahr, als man bei den „Schlümpfen“ die letzten legalen Zigaretten geraucht hat, hat der Wirt schon prophezeit: „Jetzt beginnt das Kneipen-Sterben.“ Der Tod seines Stüberls kam nicht sofort, noch kämpft er ums Überleben.

Aber an diesem Abend hat sich noch immer kein Gast blicken lassen. Aus der Jukebox säuselt der amerikanische Schnulzen-Sänger Paul Anka seine Zeile „Hello, is it me you are looking for? - Hallo, bin ich es, den Du suchst?“ Um 22 Uhr will Horak zusperren.

Patrick Wehner

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