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Messgerät und Abschirmgitter: Die Münchnerin Eva Weber glaubt, dass die Strahlung auch Bäume und Sträucher in ihrem Garten angreift.

Streitthema Mobilfunk

Das große Leiden unterm Funkmast

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Schwindel, Schlaflosigkeit, Gehirntumore – macht Handystrahlung krank? Nein, sagen Behörden. Doch Millionen Menschen halten sich für „elektrosensibel“ und protestieren gegen Funkmasten und W-Lan. Ein Kampf um die Zukunft der Kommunikation.

München - In der Nacht, in der sich alles ändert, schreckt Eva Weber schweißgebadet auf. Im Kopf seltsame Töne. Schwindel. Übelkeit. Sie wankt durchs Schlafzimmer. Irgendwas ist anders. Das Brummen. Irgendwo muss doch dieses Brummen in ihrem Kopf herkommen. Weber schleppt sich mit einer Taschenlampe in den Keller, horcht an der Heizung. Nichts. Der Morgen kommt. Schwindel, Übelkeit und das Brummen im Kopf bleiben.

Die Horrornacht liegt zwölf Jahre zurück. Eva Weber sitzt an ihrem Küchentisch in einem Häuschen im Münchner Stadtteil Untermenzing. Eine schwarze Schirmmütze bedeckt die halblangen, grauen Haare. Besser geht es ihr noch immer nicht. Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationslücken. „Wie beende ich meinen Satz, wie ging er los? Ich weiß das oft nicht mehr.“

Die Rentnerin lebt unter strengen Auflagen

Zu wissen glaubt sie inzwischen, wo ihre Beschwerden herkommen. Ein paar Häuser weiter hatte ein Nachbar einen Mobilfunkmast auf dem Dach anbringen lassen. Es begann mit dem Funk-Standard UMTS – und die Sender wurden immer stärker. Weber zieht eine diagonale Linie durch ihre Küche: „Der Strahl geht hier so durch.“ Der Mobilfunk mache sie krank.

Eva Weber, 77, Rentnerin, schläft nicht mehr im Schlafzimmer. Der erste Stock ist Sperrgebiet. Nur noch Stauraum für Möbel, Kisten, Kleidung. Wegen des Strahls. Oben sei er noch intensiver, sagt Weber. Sie steht an der Treppe, Stufe um Stufe trippelt sie herunter. Manchmal, sagt Weber, müsse sie sich die Wand entlang tasten. Der Schwindel.

Rettungsfolie liegt bei Eva Weber stets bereit. Ihre Fenster beklebt sie mit Folie.

Sie hat lange gesucht nach einem sicheren Platz im eigenen Haus. Einen Flecken, an dem sie noch Schlaf findet. „Es gibt keinen Quadratzentimeter, wo ich noch nicht gelegen bin.“ Sie ruht nun auf einem alten Diwan neben dem Küchentisch. Seit neun Jahren. Eingehüllt in silber-goldene Rettungsdecken, drei Stück manchmal. So kämpft sie sich durch die Nacht.

Auch sonst schirmt sich Eva Weber ab, so gut es geht. Silberfäden in den Gardinen, Silberfäden in Decken, Silberfäden auch in ihrer schwarzen Schirmmütze. In der Nähe des Fernsehsessels liegen Schutzfolien bereit. Ein Leben unter strikten Auflagen. Weil sie es anders nicht mehr aushält.

Für Eva Webers Leiden gibt es mehrere Namen. Elektrosensibilität, Elektrohypersensibilität. Schwer zu sagen, wie viele Menschen betroffen sind. Schätzungen gehen von mindestens 1,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Das wären weit mehr als eine Million Menschen. Sie organisieren sich in Vereinen und Internetforen. In Wolfratshausen kämpft eine Bürgerinitiative gegen freies W-Lan. Ein Ärzte-Bündnis will verhindern, dass über Funk gesteuerte Stromzähler Standard werden. Sie wehren sich gegen Internet-Hotspots, Tablet-PCs. Aber ist es wirklich die Strahlung, die krank macht?

Der Mobilfunkmast auf dem Nachbardach – für Eva Weber der Auslöser von allem.

Was sagt das Bundesamt für Strahlenschutz?

Ein eingezäuntes Rasengelände in Oberschleißheim. Über einen holprigen Weg gelangt man zu einem Flachbau: eine Außenstelle des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). In ihrem Büro sitzt Gunde Ziegelberger, Leiterin der Arbeitsgruppe elektromagnetische Felder. Im Regal stehen Tonschalen und ein Holz-Nilpferd.

Ziegelberger, graues Haar, rote Brille, freundliches Lächeln, will die Beschwerden nicht kleinreden. Die Schmerzen, die Konzentrationsstörungen – all das sei ja tatsächlich da. Auf die Frage nach der Ursache hat sie trotzdem eine sperrige aber klare Antwort: „Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Existenz elektromagnetischer Felder konnte bisher nicht gezeigt werden.“ Im Klartext: Strahlung und Beschwerden haben nichts miteinander zu tun.

Strahlung und Beschwerden haben nichts miteinander zu tun. Das sagt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz. Ihr Büro ist in Oberschleißheim.

Es ist das Mantra der zuständigen Behörden und vieler Wissenschaftler. Aber es ist eben auch das Ergebnis jahrelanger Versuche. In den späten 1990er-Jahren wurden Handys in Deutschland zum Massenphänomen. Es folgten W-Lan und Tablets. 95 Prozent aller Haushalte haben heute ein Mobiltelefon. Vor Strahlung gibt es kaum ein Entkommen.

2002 startet die groß angelegte Untersuchung 

2002 starten Bundesamt für Strahlenschutz und Umweltministerium eine groß angelegte Untersuchung – das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm. Eines der Experimente: Ärzte schieben Menschen, die von sich annahmen, für Strahlung anfällig zu sein, in einen Computertomografen. Man reicht ihnen eine Handy-Attrappe hinein. Obwohl der Tomograf deutlich stärker strahlt, kommen erst dann Beschwerden. Das Interessante: Im Gehirn sind besonders die für Erwartungen und Ängste zuständigen Areale aktiv. Alles Einstellungssache?

Viele Wissenschaftler sehen es so. Aber es gibt eben auch eine andere Sicht. Sie habe doch nie etwas gegen Technik gehabt, sagt Eva Weber. Im Gegenteil. 33 Jahre lang arbeitete sie als Assistentin bei der Flugsicherung, erst in Riem, dann im Erdinger Moos. Mit Antennen oder Radar hatte sie nie ein Problem. Weber sagt: „Ich habe gern gearbeitet.“

Ist alles nur Einstellungssache?

Dass die Gesundheitsgefahr nicht belegt sei, bestreiten Gegner. Der schwedische Krebsforscher Lennart Hardell warnt seit Jahren vor den Gefahren. Der Verein „Diagnose Funk“ sammelt kritische Studien. Hunderte sind es inzwischen. Aber eben hunderte von tausenden weltweit. „Wenn man sich selektiv die raussucht, die dem eigenen Weltbild entsprechen, kann man auch jedes Weltbild bestätigen“, sagt Gunde Ziegelberger vom BfS.

Die Meinungen sind verschieden, der Ton ist rau. Studien, die die Unbedenklichkeit der Strahlung zeigen, sind in den Augen der einen Gefälligkeitsgutachten für die Industrie. Untersuchungen, die Gefahren nachweisen, gelten den anderen als Fälschungen. Ein Krieg um Deutungshoheit – zwei deutsche Wissenschaftler führen ihn seit Jahren.

Eine Studie entfacht einen Wissenschaftler-Streit

Die Geschichte beginnt mit einem Forschungsprojekt. Im Jahr 2000 beginnt der Berliner Medizinprofessor Franz Adlkofer mit der „Reflex“-Studie. Adlkofer war bis Mitte der 1990er-Jahre Leiter der wissenschaftlichen Abteilung im Verband der Cigarettenindustrie. Mit Zuschüssen der EU will er untersuchen, ob hochfrequente elektromagnetische Felder – also Mobilfunkstrahlung – das menschliche Erbgut schädigen.

Die Ergebnisse 2004 scheinen spektakulär: Deutlich unterhalb des gesetzlichen Grenzwerts verursacht die Strahlung in den im Reagenzglas untersuchten Zellen DNA-Strang-Brüche. Werden diese nicht rasch vom Körper repariert, können Krebstumore entstehen. Ein Paukenschlag mit dem Potenzial, die Mobilfunkbranche, ja das gesamte digitale Kommunikationssystem, infrage zu stellen.

Doch Adlkofers Studie gerät unter Druck. Der Bremer Biologe Alexander Lerchl – bis 2011 Mitglied der deutschen Strahlenschutzkommission – bezweifelt die Messdaten. In den Nachkommastellen gebe es auffällige Häufungen. Die Streubreite der Daten erscheine viel zu gering. Sein Schluss: Eine Laborangestellte habe die Daten gefälscht. So sieht es offenbar auch die Universität Wien, wo sie erhoben worden waren. 2008 fordert die Uni die Autoren auf, die Publikation zurückzuziehen.

Zwischen Adlkofer und Lerchl entbrennt ein Streit. Mit Aufsätzen, öffentlichen Herabsetzungen – und einem Etappensieg für den Berliner. Das Landgericht Hamburg untersagt Lerchl 2015, zu behaupten, die Laborantin habe gefälscht. Im September steht in Bremen eine weitere Verhandlung dazu an.

Wurde nun manipuliert, oder nicht?

Ein Anruf bei Lerchl. Ob denn nun manipuliert worden sei? Sagen darf er es nicht mehr, aber dass er es weiterhin glaubt, ist klar. „Ich habe den Mobilfunkgegnern ihr Lieblingsspielzeug aus der Hand geschlagen, und dafür hassen sie mich.“ Und Adlkofer? Ob man denn nicht über dessen Vergangenheit Bescheid wisse, fragt Lerchl. Zigarettenindustrie. Ablenkungsforschung. Das sei doch wohl klar. Wenn alle über Funkstrahlen reden, spricht keiner mehr über Tabaktote.

Ein Anruf bei Adlkofer in Berlin. Selbstverständlich sei erwiesen, dass Mobilfunkstrahlung die Zellen schädige, meint der Professor. Das Bundesamt für Strahlenschutz? „Ein PR-Organ der Industrie“, schimpft er. Und Lerchl? Adlkofer erinnert an die Geschichte mit der WHO. Nachzulesen ist sie in Internetforen: 2010 hatte die Weltgesundheitsorganisation den Bremer wegen seiner mobilfunkfreundlichen Haltung als Experten für ihre Krebsforschungsagentur abgelehnt. Kritiker halten ihn für zu industrienah.

Im vorletzten Jahr wurde allerdings auch er überrascht – von seinem eigenen Versuch. Lerchl setzte bereits an Krebs erkrankte Mäuse intensiv Mobilfunkstrahlung aus. Das Ergebnis: Die Tumore wuchsen deutlich schneller als ohne die Strahlen. Die Tests werden derzeit überprüft. Bestätigen sie sich, bedeutet das: Selbst wenn Handystrahlung keinen Krebs auslösen könnte, so beschleunigt sie auf jeden Fall den Krankheitsverlauf.

Die Gegner geben nicht auf

Der Kritiker-Szene gibt das Auftrieb. Auch Eva Weber hofft auf ein Umdenken. Ihre Welt ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Geschrumpft mit jedem neuen Funkmast.

Ein Dienstagvormittag. Weber spaziert die Hauptstraße vor ihrem Haus entlang, die Mütze mit den Silberfäden tief ins Gesicht gezogen. Rechter Hand der Nachbar mit der Antenne. „Der Schwindel ist jetzt immer da, wenn ich rausgehe“, sagt sie. Noch einkaufen? Besser nicht. Lieber zurück nach Hause. Wo sie wenigstens auf ihrem Diwan noch einen sicheren Platz findet.

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