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Deutschkurs – fast alle Asylsuchenden würden laut einer Studie gerne die Sprache lernen. Vor allem aus Syrien sind viele Hochgebildete nach Deutschland gekommen.

Migration und Integration

Studie zeigt: So denken Bayerns Asylbewerber

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Es ist eine der größten Studien über Asylbewerber in Bayern. Sie zeigt: Extreme Bildungsunterschiede und auch weitverbreiteten Antisemitismus. 

Nürnberg - Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung hat die Studie vorgestellt. Ein Forscherteam aus Regensburg hat im Jahr 2016 fast 800 Flüchtlinge in Nürnberg, Poing und Pliening (beides Landkreis Ebersberg) befragt. Die Flüchtlinge stammen aus Syrien, Eritrea, Irak und Afghanistan. Was wollen die Flüchtlinge? Wie hoch ist das Bildungsniveau? Wie stehen sie zur Gleichberechtigung von Mann und Frau? Gehen Gefahren von den Flüchtlingen aus? Die wichtigsten Antworten:

Gründe für die Flucht nach Deutschland

Zwei Drittel der Befragten gaben an, politische Unruhen seien der Grund für ihre Flucht nach Deutschland. Zwei Drittel der Eritreer sagten aber auch, die soziale und medizinische Versorgung in Deutschland sei ebenfalls ein Grund. 40 Prozent der Syrer erklärten, die positive Berichterstattung über Deutschland in den Medien sei eine Ursache, warum sie jetzt hier sind.

Bildungsniveau der Flüchtlinge

Bei der Frage der Bildung gibt es extreme Unterschiede zwischen den Herkunftsländern. 14 Prozent der syrischen Asylsuchenden haben ein Studium abgeschlossen, 22 Prozent haben eins begonnen. Das ist eine extrem hohe Akademikerquote. Auch im Vergleich zu Deutschland. „Hierzulande haben 15 bis 16 Prozent der Menschen einen akademischen Abschluss“, sagt Studienleiterin Sonja Haug von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Viele Afghanen haben hingegen ein besonders niedriges Schulniveau – 17 Prozent haben gar keine Schule besucht, 12 Prozent sind Analphabeten. Allerdings haben auch 12 Prozent der Afghanen mehr als zwölf Jahre die Schule besucht. Sprich: Es kommen sowohl die besonders gebildeten als auch die extrem ungebildeten. Noch eine Auffälligkeit: Irakische Frauen sind die am schlechtesten gebildete Gruppe – ein Fünftel von ihnen ist noch nie zur Schule gegangen.

Das Frauenbild der Flüchtlinge

Auch hier gibt es extreme Unterschiede. Über 60 Prozent der Eritreer finden, dass „Frauen sich stärker um die Familie und den Haushalt kümmern sollen als um ihre berufliche Karriere“. Patriarchale Vorstellungen sind bei den Asylsuchenden aus dem afrikanischen Land weitverbreitet: Fast ein Viertel der Befragten gab an, dass sie nicht finden, dass Frauen ihren Ehepartner selbst aussuchen dürfen. Liberaler geht es da bei den Syrern und Irakern zu: Die Hälfte findet, dass auch Frauen Karriere machen sollten. Afghanen sehen es lieber, wenn die Frau stattdessen daheim bleibt und den Haushalt schmeißt.

Beten und die Frage der Religion

Über 95 Prozent der befragten Syrer und 90 Prozent der Afghanen sind Muslime, knapp 76 Prozent der Asylsuchenden aus Eritrea sind hingegen Christen. „Während Befragte aus Eritrea und Afghanistan (männlich, jung, vorrangig ledig) sich als sehr religiös empfinden, spielt Religion für Syrer und Iraker, die mehrheitlich im Familienverband geflohen sind und somit älter sind, eine eher untergeordnete Rolle“, heißt es in der Studie. 83 Prozent der Afghanen gaben an, dass sie täglich beten. Bei den Eritreern sind es sogar 85,5 Prozent, bei den syrischen Männern hingegen ist es nur ein Drittel. 32 Prozent der syrischen Frauen und 40 Prozent der syrischen Männer sagten sogar, dass sie nie beten.

Religiöse und staatliche Gesetze

Ein erschreckender Befund der Studie ist, dass ein Teil der Flüchtlinge wenig Verständnis für Grundlagen der Demokratie aufbringt. Fast 80 Prozent der Eritreer stimmen dem Satz zu: „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Befolgung staatlicher Gesetze.“ Bei den Syrern und Irakern sind es nur rund 21 Prozent, dafür haben diese beiden Gruppen nur wenig Sinn für das deutsche Streik- und Demonstrationsrecht.

Das große Problem: Antisemitismus

Ein weiteres Problem, das die Studie zutage fördert, ist der weitverbreitete Antisemitismus unter muslimischen Flüchtlingen, der sich durch alle Altersklassen und Bildungsschichten zieht. Weit über 50 Prozent der Syrer, Iraker und Afghanen finden, dass die „Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben“. Zum Vergleich: „In Deutschland hat der Satz eine Zustimmungsrate von 20 Prozent“, sagt Studienleiterin Sonja Haug. „Daraus ergibt sich für uns eine große Herausforderung.“ Eine marginale Gruppe von 2,7 Prozent der Asylsuchenden lehnt religiös begründete Gewalt nicht direkt ab.

Wer will in Deutschland bleiben?

Fast alle Flüchtlinge haben den Wunsch, in Bayern zu bleiben, einen Arbeitsplatz zu finden und Deutsch zu lernen. Über 20 Prozent der Syrer wollen aber wieder zurück, wenn „Frieden in der Heimat“ herrscht. Die Hälfte der syrischen Frauen hat sich noch nicht entschieden, ob sie dauerhaft in Deutschland bleiben wollen. Bei den Afghanen sind es hingegen 83 Prozent, die sagen, sie wollen „für immer“ hier bleiben. Bei den irakischen Männern sind es knapp 72 Prozent.

Zitate aus der großen Asylstudie

Teil der Studie sind auch Interviews mit Flüchtlingen und Experten, die mit dem Thema beschäftigt sind. Hier eine Auswahl der Aussagen: 

„Hier hat man mehr Freiheit. Man kann einfach so jemanden ansprechen (...). Auch wenn der Bruder das sieht, dann ist es nicht problematisch wie in der Heimat. Es könnte dort sogar gefährlich sein.“ 

Munir, 19 Jahre, aus dem Irak

In Syrien gibt es immer Moscheen und man hört, dass man jetzt beten muss. Aber hier höre ich es nicht, dann vergesse ich es und ich bete nicht.“ 

Mustafa, 21 Jahre, aus Syrien

„Wenn Leute aus dem arabischen Raum kommen und nicht aus Aleppo oder aus einer anderen Großstadt kommen, dann gibt es einen Nachholbedarf, was Sexualität anbelangt, was Antisemitismus anbelangt, was das Frauenbild anbelangt, also es gibt im Endeffekt in jedem Bereich Nachholbedarf zur westlichen Gesellschaft.“ 

Ein Asylexperte aus Nürnberg

„Ich bin in eine Wirtsstube oder so reingegangen und habe die Leute gesehen. Ich fand es gut, dass jeder für sich gefeiert hat und es ihm gut ging. Ja, das gefällt mir.“ 

Tarik, 25 Jahre, aus Afghanistan

„Über Deutschland gibt es schon ein besonderes Bild wegen Gesundheit, Geschichte. Für Medikamente ist Deutschland das Beste, dort ist das ganz normal, fast jeder weiß das [in Eritrea]. Die Leute wissen schon über Deutschland Bescheid.“ Ghebrai, 41 Jahre, aus Eritrea „Höflichkeit und Güte sind wichtiger als Religion. (…) Auch ein Jude, wenn er gut ist, ist willkommen.“ 

Omar, 37 Jahre, aus Syrien 

„Von Afghanistan habe ich auch den Eindruck, dass der überwiegende Teil auf jeden Fall hier bleiben möchte, weil es in Afghanistan keine Zukunft gibt.“ Ein bayerischer Asylexperte „Deutschland ist schöner, die Deutschen sind sehr gute Menschen. Deutschland und Syrien sind unvergleichbar. Hier ist es viel besser.“ 

Amira, 27 Jahre, aus Syrien 

„Frauen im Irak müssen immer zu Hause bleiben und die Frauen hier sind frei, und ich bin froh, dass mein Mann aufgeschlossen ist und mir das auch hier erlaubt.“ 

Fatima, 32 Jahre, Irakerin

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