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Neue Studie

Wenn die mentale Stärke fehlt

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München - Seelische Leiden gelten bis heute als Tabu. Dabei sind immer mehr Kinder und Jugendliche von ihnen betroffen. Das zeigt nun ein bundesweit einzigartiger Bericht des bayerischen Gesundheitsministeriums. Zahlen, die nachdenklich machen.

Ski-Star Viktoria Rebensburg hat zweifelsohne viele Stärken. Aber eine, die braucht sie ganz besonders: die mentale Stärke. „Im Sport gilt es, psychisch stark zu sein, weil Training und Wettkämpfe viel Disziplin, Willen und Durchhaltevermögen erfordern“, sagt sie. Und weil sie auch auf diesem Gebiet Profi ist, hat sie Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) zur Botschafterin einer neuen Kampagne auserkoren. Es geht um die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Freistaat – und darum, dass es um diese nicht ganz so gut bestellt ist. 

Der entsprechende Bericht dokumentiert jedenfalls Folgendes: Nach Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und von Krankenkassen hat rund ein Viertel der Heranwachsenden psychische Probleme oder Entwicklungsstörungen, also fast 470 000 der unter 18-Jährigen. Aber: Diese Zahlen bedeuteten nicht, dass jedes vierte Kind tatsächlich krank sei, sagt unter anderem Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Universität München. 

Es handele sich um Auffälligkeiten. „Solche Dinge werden heute ernster genommen“ – und damit öfter festgestellt. „Es ist aber auch so, dass Kinder mehr Belastungen haben.“ Sprich: Ein Berg von Hausaufgaben, steigender Leistungsdruck – all das kommt immer öfter und immer früher bei ihnen an. Zudem müssen sie häufiger Trennungen der Eltern verkraften. Oder Mobbing, nicht nur auf dem Pausenhof, sondern vor allem im Internet. 

Neuer Markt zur "Medikalisierung"?

Laut der neuen Studie sind bei Klein- und Vorschulkindern Entwicklungsstörungen die häufigste Diagnose. Zwischen sieben und 14 Jahren gewinnen dann Verhaltens- und emotionale Störungen an Bedeutung – das „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ ADHS macht gut die Hälfte der Diagnosen aus. Bei den 15- bis unter 18-Jährigen kommen noch Depressionen dazu. 

Experte Koletzko warnt jedoch gerade bei ADHS vor voreiligen Schlüssen: „Diese Diagnose ist sehr schwer zu stellen. Die Abgrenzung zwischen einer Überlastung und einer echten Krankheit ist nicht immer einfach.“ Auch in dem Bericht steht dazu unter anderem: „Die seit den 1990er-Jahren drastisch gestiegenen Diagnosezahlen und die häufigen Verordnungen von Methylphenidat – besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, Concerta, Medikinet oder Equasym – haben zur Vermutung geführt, dass die pharmazeutische Industrie einen neuen Markt zur ,Medikalisierung’ geschaffen hat.“ 

Weiter heißt es: „Die Diskussion wird sehr emotional geführt. Eltern fühlen sich oft durch die Diagnose entlastet. Wenn sie sich dann für eine medikamentöse Behandlung entscheiden, sehen sie sich aber zugleich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wollten ihren ,Zappelphilipp’ ruhigstellen.“ Nur: Niemand wird bestreiten, dass die Übergänge zwischen „normal“ und „auffällig“ fließend sind – vor allem im Kindesalter. 

Umso wichtiger sei es, sagt Gesundheitsministerin Huml, „schon bei Säuglingen auf mögliche Störungen zu achten“. Das betrifft etwa sogenannte Schreibabys: Exzessives Schreien könne ein Risikofaktor für die Entstehung späterer Verhaltensprobleme sein. Schätzungen zufolge sind allein in Bayern 20 000 Babys pro Jahr

betroffen. Tendenz: steigend, natürlich.

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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