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„Hauptsach’ is, dass sich was rührt.“ Das ist das Motto der „Gemütlichen Mittwochsrunde“, einem urigen Stammtisch im Hofbräuhaus: (v.l.) Peter Weber, Max Reindl, Gerhard Angerer, Helmut Zankel, Lutz Fraunhofer, Frank Franz, Erich Schmidhammer. Zu Lachen gibt’s bei dem Stammtisch allerweil was, irgendeiner weiß immer einen neuen Witz.

Urig, derb und vor allem: Geschmackssache

Auf der Suche nach dem Humor der Bayern

München - Was genau ist bayerischer Humor? Eine Spurensuche, bei der wir Rituale kennenlernen, die sonst nur Bergvölker pflegen. Bei der wir nebenbei das bayerische Kamasutra entdecken und schließlich im Wirtshaus versacken. Soll das ein Witz sein? Nein, die Wahrheit.

Der bayerische Humor ist ein regelrechtes Geschenk Gottes. Das sagen die einen. Die anderen sagen: Er ist eine Prüfung. Vielmehr noch: Er ist die Eintrittskarte in die Gemeinschaft der Bayern. So muss man das wahrscheinlich sehen. Die erste bewusste Humorerfahrung eines jeden heranwachsenden Bayern ist eine Art Initiationsritual, wie man es sonst nur von weit entfernt lebenden Bergvölkern kennt.

Kabarettist, Musiker, Schauspieler, Humor-Allzweckwaffe Hannes Ringlstetter, 45, kann sich noch genau an jenen Moment erinnern, als er sich die Eintrittskarte verdiente. Es geschah in Niederbayern, er war acht Jahre alt und es war halb elf in der Früh, vielleicht auch Viertel vor elf, jedenfalls war das halbe Dorf schon betrunken, weil der Burschenverein gerade sehr erfolgreich den Maibaum aufgestellt hatte. „Plötzlich hat mich einer gepackt“, erzählt Ringlstetter, „und hat mir alle schmutzigen Witze erzählt, die er kennt. Alle auf dem Niveau: Kommt eine Frau beim Arzt.“

Der kleine Hannes, der heute mehrere Kabarettpreis sein eigen nennt, der in der ARD auftritt und am Samstag sein 25-jähriges Bühnenjubiläum im Circus Krone feiert, hat damals nur die Hälfte der Witze verstanden. Der Witzeerzähler war bestimmt schon 50 Jahre alt. „Das war meine erste brachiale Humorerfahrung“, sagt Ringlstetter. „Und gleichzeitig hatte ich meinen ersten Rausch – weil ich alle Noagerl ausgetrunken hab’.“ Später lag er im Garten seines späteren Biologielehrers im Garten unterm Baum, um den Premieren-Rausch auszuschlafen.

Ein prägender Tag im Leben eines niederbayerischen Buben, der zum ersten Mal an der großen weiten Welt schnuppert – also der Welt des bayerischen Biers und des bayerischen Humors. Jene beiden Welten, die dem Bayern die Möglichkeit verschaffen, sämtliche Themen von regionaler wie globaler Relevanz in einen für jedermann verständlichen Spruch umzuwandeln. Es gibt Menschen, die müssen Ewigkeiten grübeln, in Bibliotheken gehen und auch noch TV-Talksshows anschauen, um das komplizierte Gebilde namens Leben zu verstehen. Der Bayer klärt die entscheidenden Lebensfragen per Logik – und Humor.

Beispiele gefällig? Hier sind sie: „Schönheit vergeht, Baugrund besteht.“ Kürzer lässt sich das Verhältnis von Zukunft, Gegenwart und Endlichkeit kaum beschreiben.

Oder dieser ewig gültige Spruch über Frauen: „Oid wern’s von selba und a Scheene frisst a ned mehr.“

Oder wie wär’s damit? „Warum soll i fuadfahrn, mir gfällt’s ja dahoam scho ned.“ Es sind Sätze, die in ihrer absurden Genialität kaum zu überbieten sind. Hannes Ringlstetter hat sie in einem seiner älteren Programme einer seiner Figuren in den Mund gelegt – dem Reisinger Sepp, „einem typischen niederbayerischen Vorm-Häusl-Sitzer, der behauptet, er mache sich Gedanken übers Leben, aber in Wahrheit seine stereotypen 20 Sätze absondert, die meistens zu allen Themen der Weltgeschichte passen“. Das ist natürlich auch das Wunderbare am bayerischem Humor, er macht die Welt geschmeidig. Da kann heutzutage so viel geflüchtet, globalisiert und getrickst werden wie will, man kennt sich bei einigen Sachen eh nicht mehr aus, Humor ist immer der Anker. Er wird von Generation zu Generation weitergegeben, Humor ist Heimat und guter Humor ist sowieso ein Geschenk. Wer lacht, das nur am Rande, der haut zum Beispiel nicht. Ringlstetter, der seit Jahrzehnten, vielleicht auch seit jenem Tag mit dem Maibaum dem bayerischen Humor auf den Grund geht, sagt: „Der Wiener ist phlegmatisch-negativ, der Altbayer hat hingegen diese akzeptierte Hoffnungslosigkeit in sich.“

Ringlstetter hat gerade ein Buch geschrieben, es hat den schönen Titel: „Paris. New York. Alteiselfing. Auf Ochsentour durch die Provinz“. Eigentlich wollte er als Rock’n’Roller durchstarten, kann man alles im Buch nachlesen, aber es wurde dann doch der Humor, der ihn berühmt gemacht hat. Er hat viele Dorf-Turnhallen und Gemeindesäle gesehen. Er hat viel gelernt, als er durch die Dörfer getingelt ist. „Einige Typen, um die es beim Humor geht, gibt’s tatsächlich nur in Bayern“, sagt er. „Die Figuren, die Gerhard Polt in seiner Kunst darreicht, der Boandlkramer, die valentinesken Sachen, das scheint schon bayerisch zu sein.“ Oft gehe es um „dumpfe Menschen, die aus Versehen kluge Sachen sagen“.

Das heißt jetzt natürlich nicht, dass bayerischer Humor Humor für Dumpfbacken ist, ganz im Gegenteil. Aber bayerischer Humor dreht sich eben oft um das Zotige, das Derbe. Die meisten Gstanzl, man muss nur mal eine Gstanzl-Sammlung durchblättern, drehen sich um Sex in all seinen Facetten. Wenn man so will, ist das Gstanzl-Singen das Kamasutra der Bayern, nur lustiger und in Reimform. Aber beim bayerischen Humor dreht es sich eben auch um unerwartete, extrem kluge Sätze, die so Hannes Ringlstetter, „aus der puren Verzweiflung kommen“. Siehe Polt, siehe Valentin, siehe den Reisinger Sepp.

Man kann ja viel über Humor philosophieren, aber irgendwann muss man auch mal zum Hauptquartier des bayerischen Humors. Man muss an den Stammtisch. Es ist 12 Uhr. Gerade tagt die „Gemütliche Mittwochsrunde“ im Hofbräuhaus, ein Stammtisch von gestandenen Bayern, die schon viel gesehen und noch mehr erlebt haben. Alter: 62 aufwärts. Beliebte Kleidungsstücke am Tisch: Karohemd, Trachtenjanker, Filzhut.

Frank Franz, er heißt tatsächlich so, Frank ist der Vorname, erzählt, dass er nachher wieder heimlaufen muss. Er kommt aus der Holledau und ist mit dem Auto zum Bahnhof gefahren, dann per Zug nach München, so macht er das immer. Aber weil er schon ein bisserl Bier intus hat, wird er später vom Bahnhof in seinem Heimatdorf heimlaufen. „Vier Kilometer“, sagt er. Das ist ihm die Gaudi wert, das ist sie ihm jede Woche wert. Weil, lustig geht’s bei der Mittwochsrunde allerweil zu. Heute zum Beispiel hat Peter Weber, mit 83 der zweitälteste in der Runde, einen Witz dabei. Er trinkt einen Schluck aus seiner Mass, dann legt er los: „Wie bringt man einen Weidler zum bellen?“ Er schaut in die Runde, keiner weiß es.

Peter Weber sagt: „Da muass nur der Burgermoasta durchs Dorf laufen und laut schreien: Freibier. Dann schreien alle im Dorf: Woah? Woah?“ Hahaha, Witze über die Bewohner des Bayerischen Walds zünden in Oberbayern immer.

Eines ist klar: Hier sind wir genau richtig. Die Runde lacht sich langsam ein, gleich wird sie noch viel lauter lachen, manche haben ihre eigenen Krüge dabei, es gibt Schnupftabak und gscherte Sprüche. Ein Humor-Paradies, kein Zweifel. Fragt man Gerhard Angerer, den Stammtisch-Chef, wie alt er denn sei, grätscht auf der Stelle sein Sitznachbar Lutz Fraunhofer dazwischen und sagt: „Der ist kurz vor der Verwesung.“ Wieder großes Lachgebrüll am Tisch.

Dann plötzlich Turbulenzen. Peter Weber, der mit dem Freibier-Witz, haut seinem Nachbarn, dem Reindl Max, den Deckel seines steinernen Masskrugs zu. Was der überhaupt nicht leiden kann. Seit fünf Jahren gibt’s den Stammtisch jetzt schon, seit fünf Jahren, Woche für Woche, haut der Weber Peter dem Reindl Max jetzt schon den Deckel seines Masskrugs zu.

Die Übergänge von Hochkultur zu Kindergarten sind fließend. Auch so ein Kern des bayerischen Humors. Frank Franz, 62, der das Ganze beobachtet, winkt ab und sagt: „A bissl Gaudi muss sein.“ Der Reindl Max sagt: „Wenn ma zamkimmt, ist die Hauptsach’, dass sich was rührt.“

Man braucht eine dicke Haut, wenn man sich an so einen Stammtisch hockt. Vor allem, wenn man sich zum ersten Mal dazu hockt. Man wird augenblicklich geprüft, ob man mitkommt, ob man’s aushält. Also den Humor. Ein paar Tische weiter halten die „Wolperdinger“ ihren Stammtisch ab. Ferdl Schuster, ein bayerisches Urgestein aus Haidhausen, Wirt und Musikant, trinkt gerade einen Schluck Bier. Er sagt: „Das, was Komiker heutzutage als Komik verkaufen, das passt mir gar nicht.“ Viel zu viel Banales, zu viel Schenkelklopfer. Der Polt, der habe noch Humor. „Wia sagt der? Da Lungaharing, das ist die Auster des kleinen Mannes.“

Klar, Humor ist auch immer Geschmackssache. Bis gerade eben saß der Schuster Ferdl noch alleine am Stammtisch, jetzt kommen weitere Wolperdinger dazu, zum Beispiel der Ludwig. „Eine Hoibe Weinschorle und zwei Scheiben Leberkas, bitte“, ruft er dem Kellner zu und hält ihm seinen Masskrug hin. Weil am Stammtisch immer einer noch einen raushauen muss, schreit der Karl, auch so ein Wolperdinger: „Den Rest kannst mit Champagner auffüllen.“

Manchmal weiß man nicht, ob man noch im Wirtshaus sitzt oder schon auf der Kabarettbühne. Wahrscheinlich ist das das tiefe, wunderbare Geheimnis des bayerischen Humors. Es kann einen überall erwischen. Und meistens ist der Zapfhahn nicht weit.

Stefan Sessler und Thomas Radlmaier

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