Zurück am Ort der Folter: Wie der ehemalige Häftling Wassilij Wolodko die Rückkehr in das ehemalige Konzentrationslager Dachau erlebt.

Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Dachau - Zurück am Ort der Folter: Wie der ehemalige Häftling Wassilij Wolodko die Rückkehr in das ehemalige Konzentrationslager Dachau erlebt. Eine Reportage.

Eine Reihe von Bäumen verdeckt den Blick auf das Krematorium. Ein leichte Brise weht durch die Zweige, lässt sie hin- und herwogen vor dem alten Ziegelbau. Wie ein löchriger Vorhang muss Wassilij Wolodko hier am Westrand der KZ-Gedenkstätte das Spiel der Blätter vorkommen. Ein Vorhang der Erinnerung, der Splitter des Schreckens in die Gegenwart lässt. Kerzengerade steht der schlaksige, großgewachsene Mann da, starr wie die Stämme der Bäume, die zu durchdringen versucht. Besuchergruppen drängen sich auf dem weiten Kiesweg an ihm vorbei. Sie fotografieren, halten sich Audio-Guides ans Ohr. Wolodkos Blick bleibt auf die Bäume geheftet. Dann sagt er einige Worte auf russisch. Die Übersetzerin sagt: „Herr Wolodko will nicht zum Krematorium hinüber gehen. Er sagt, er hat immer Leichen auf einen Karren hinfahren müssen.“

Es ist viel los an diesem sonnigen Apriltag in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Nicht nur auf dem weiten Gelände, auch drinnen im Museumsbau. Es sind nur noch wenige Tage bis zur 64. Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers. Emissäre aus aller Welt werden sich in einer langen Reihe vor dem großen Mahnmahl aufstellen und gut 100 Kränze ablegen. Viele von ihnen sind Überlebende, ehemalige Häftlinge, die dem Konzentrationslager entkamen. Es sind Davongekommene wie der 84 Jahre alte Ukrainer Wassilij Wolodko, die 64 Jahre nach dem Ende des Schreckens zurückkehren, um sich ihre Vergangenheit zurückzuholen.

Der Förderverein für internationale Jugendbewegung und Gedenkstättenarbeit in Dachau sucht seit 1992 systematisch nach Überlebenden und lädt sie ein. Jedes Jahr kommen mehrere Gruppen; aus der Ukraine und Weißrussland sind es heuer sechs alte Männer. Der Verein stellt jedem einen russisch-sprechenden Betreuer an die Seite. Ein Besuchsprogramm ist organisiert, darunter ein Essen mit der Landtagspräsidentin und eine Stadtrundfahrt. Zudem stehen Arzt- und Optikerbesuche an. Die meisten der Besucher können sich eine Behandlung in ihrem Heimatland nicht leisten, viele erhalten hier im hohen Alter ihre erste Brille. Doch das wichtigste ist für sie die Rückkehr auf das Gelände. Es zieht sie zurück an ihren einstigen Ort der Folter. Sie kommen, um ihre verlorene Jugend wiederzufinden.

Es war ein Tag im Juni 1941 als Wassilij Wolodkos Jugend endete. Da klopften die Schergen an der Tür des väterlichen Bauernhofes in Welikaja, einem kleinen Dorf 350 Kilometer südöstlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Deutschland brauchte Zwangsarbeiter, und der junge Wassilij war kräftig und gesund. Und er war im Untergrund aktiv, ein überzeugter Kommunist. Er klebte Plakate mit martialischer Botschaft, die Wolodko noch immer grimmig Lächeln lässt. „Hitler ist ein Bandit, seine Fratze soll poliert werden“, stand auf den Plakaten. Ein Nachbar denunzierte ihn. In einen überfüllten Güterwaggon gedrängt kommt er nach Deutschland, Saarbrücken, Schwerstarbeit im Bergwerk; nach sechs Wochen dann die Verlegung in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof (Elsass). Ein SS-Offizier begrüßte sie mit den Worten: „Hier kommt ihr nur durch den Schlot des Krematoriums raus.“

Wassilij Wolodko hält vor der Baracke 25 an, seiner Baracke. Das Gebäude steht schon lange nicht mehr, wie alle anderen Baracken auch. Nur die Fundamente der Mauern wurden rekonstruiert. Wie riesige Beete reihen sich die rechteckigen Begrenzungen aneinander. Weit geht der Blick über sie hinweg, bis er in der Ferne an der Ostmauer und den Wachtürmen hängen bleibt. Wassilij Wolodko beugt sich nieder, berührt den großen flachen Stein, auf dem die Nummer 25 eingraviert ist.

Die Rückkehr ist dieses Mal einfacher. Im Jahr 2000, als Wassilij Wolodko zum ersten Mal seit der Befreiung hier war und eine Nelke an der Baracke niederlegte, da droschen die alten Bilder wie Stockschläge auf ihn ein. Ausgemergelte, von Typhus gezeichnete Massen an Menschen, zusammengepfercht in den engen Blocks, „Material“, wie sie die SS nannte. Er ertrug es nicht. Die Wucht der Erinnerung drückte den 84-Jährigen nieder, er erlitt einen Nervenzusammenbruch, ging buchstäblich in die Knie vor seiner Baracke. Dieses Mal prügeln ihn die Gedanken nicht mehr. Wassilij Wolodko kann sie auf Distanz halten, kann sie betrachten, wie aus einem schützenden Panzer heraus.

Ohnehin wirkt seine Erscheinung, als stecke er in einer Rüstung. Steif ist sein Körper, hölzern sind die Bewegungen. Wenn er sich umblickt, den Rasenstreifen betrachtet, wo er mit anderen Häftlingen vor lauter Hunger Gras ausgerissen hat – dann dreht sich auch sein Rumpf mit. Er kann nicht einfach seinen Kopf drehen, er wendet sich immer mit dem ganzen Körper. Wie eine Holzpuppe klappt der Oberkörper nach hinten, wenn er an den hohen Pappeln an der Lagerstraße empor schaut, jene mächtige Allee, durch die er so oft lief, hetzte, humpelte, damals als 17-Jähriger. „Sie haben uns unsere Jugend genommen“, sagt die Übersetzerin. „Herr Wolodko sagt, er sieht so viele Jugendliche hier. Er beneidet sie um ihr Glück, um ihre Sorglosigkeit.“

Im Oktober 1944 wurde Wassilij Wolodko von Natzweiler ins KZ Dachau verlegt. Das Konzentrationslager war zu dieser Zeit längst – wie anderorts auch – zum mörderischen Arbeitslager für die Waffenproduktion geworden. Monatlich starben bis zu 100.000 Häftlinge. Wassilij Wolodko stolperte durch das Tor, ausgezehrt, schwer an Typhus erkrankt. Die Baracke 25 ist eine von zwei Quarantänebauten. „Sie starben wie die Fliegen“, sagt Wolodko, „jeden Tag an die 40 Leute.“ Der damals 19-Jährige überlebt. Er weiß nicht mehr wie, er kann nur sagen: „Ich hatte Glück.“

Am 26. April 1945 glaubt er sich noch am Rand des Abgrunds. Todesmarsch. Wolodko sagt das Wort auf deutsch, er wird es nie vergessen. SS-Männer trieben die Häftlinge zusammen und zwangen sie auf einen Marsch, weg vom Lager, weg von den anrückenden Amerikanern. Immer wieder viel einer der ausgemergelten Marschierenden um, ein SS-Mann versetzte den Todesschuss. „Wir wurden immer weniger“, sagt die Übersetzerin. Kurz vor Bad Tölz brach auch Wolodko entkräftet zusammen. Immer noch kann er sein Glück nicht fassen, denn er wurde nicht erschossen, sie ließen ihn einfach liegen. Amerikanische Soldaten fanden ihn. Er wog noch 38 Kilo.

Wassilij Wolodko reißt sich jetzt los von der Baracke 25. Langsam und bedächtig geht er mit seiner eckigen Art Richtung Appellplatz. Der Kies knirscht unter seinen Schuhen, als eine Mädchen-Schulklasse mit Lehrerin und einer Führerin der Gedenkstätte des Weges kommt. „Sind sie ein Überlebender?“, fragt die Führerin vorsichtig, und ob die Schülerinnen nicht ein paar Fragen stellen dürften. Wolodko ist zunächst irritiert, als ihm die Übersetzerin das Anliegen mitteilt. Doch dann verzieht er den rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. „Da“ (russisch: ja), sagt er kurz. Schüchtern stellen die Mädchen ihre Fragen, wollen wissen, wie und wieso er nach Dachau kam, wie es ihm nach der Befreiung ergangen ist. Wolodko steht wie gewohnt gerade wie eine Säule, die harten, russischen Worte kommen zögerlich und abgehackt aus seinem schmalen Mund. Die Mädchen stehen im Halb-kreis, lauschen dem Bericht der Übersetzerin, flüstern sich hinter vorgehaltener Hand zu. Unsicher beobachten sie diesen Mann, dessen Falten im Gesicht wie gemeißelt wirken. Ob es ihm schwer fällt, über die Zeit zu sprechen, will eine Schülerin wissen. „Da“, sagt Wolodko und blickt zu Boden. „Aber die Jugend muss wissen, was sich abgespielt hat.“

Für die Überlebenden aus der ehemaligen Sowjetunion ist es besonders schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Denn für viele von ihnen begann nach der Befreiung ein zweites Martyrium. Der Stalin-Staat sah die ehemaligen KZ-Insassen pauschal als Feiglinge, Deserteure und Kollaborateure. Rotarmisten deportierten Zehntausende in Kriegs­gefangenenlager, nachdem sie in Filtrationslagern verhört und gedemütigt worden waren. Jene, die es dennoch in die Heimat schafften, schlug eine Wand des Misstrauens entgegen. Im von den Nazis geschundenen russischen Volk herrschte die Meinung, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene hätten sich moralisch disqualifiziert, weil sie Sklavendienst am Feind geleistet haben. Schweigen, Todschweigen war die Folge. Auch bei Wassilij Wolodko.

Nach seiner Befreiung kam er nur langsam zu Kräften. Die schlechte körperliche Verfassung gereichte ihm indes zum Vorteil: Die Rote Armee zog ihn nicht ein, ihm blieb der Fronteinsatz erspart. Und seine Zeit im Untergrund zahlte sich jetzt aus. Die Sowjets entließen ihn nach Hause. Er begann eine Ausbildung zum Physik- und Mathematiklehrer, schulte 1952 zum Bauingenieur um. Bald leitete er Straßenbaustellen in Moldawien und Kasachstan. Der Geschundene hatte wieder eine Zukunft, doch über die Vergangenheit schwieg er. Nur die engsten Familienmitglieder wussten, dass er KZ-Häftling gewesen war. Zu Nachbarn, Freunden und Kollegen wagte er in all den Jahren kein Wort darüber zu verlieren. Die Angst vor der Schande war zu groß, bis zum Ende der Sowjetunion. „Erst nach 1989 hat man uns für Menschen gehalten“, sagt Wassilij Wolodko.

Schlurfenden Schritts geht er durch die Dauerausstellung im ehemaligen „Schubraum“. Dies war die erste Station für die Häftlinge, hier mussten sie ihre Kleidung ablegen, wurden geschoren, sortiert. Mit Holzlatten bedeckte Podeste stehen in der Mitte des Raumes, zum quälen der Häftlinge. Tafeln und Bilder dokumentieren, was einst hier passierte. Das Pfahlhängen etwa. Wassilij Wolodkos Blick irrlichtert durch den Raum, die Augäpfel rollen umher, wie Kugel in einer starren Fassung. Dort, an der westlichen Wand hingen die Pfahlgehängten. Die Hände mit Stricken zusammengebunden hingen sie in einer Reihe an einem langen Balken, als Menetekel für die Ankömmlinge. Die Schmerzensschreie müssen ohrenbetäubend gewesen sein.

Wassilij Wolodko schweigt und schaut lange an die schmutzige Wand, die mit ihrem abbröckelnden Putz in historischen Zustand belassen wurde. Der Vorhang zur Vergangenheit ist weit geöffnet. Wassilij Wolodko blinzelt. Ein Wimpernschlag, und er geht weiter, hinaus zum Bus, der ihn zum Gästehaus bringen wird. Sein Blick schweift über den weiten Appellplatz, die vielen Menschen, die hohen Pappeln. Es ist der Ort seiner verloren Jugend.

Von Stefan Mühleisen

(Die Geschichte spielte sich im Jahr 2009 ab)

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