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Braun-weiß, leistungsfähig – und das Fleisch sowie der Nachwuchs lassen sich auch noch gut verkaufen: Das süddeutsche Fleckvieh wird auf dem Weltmarkt immer beliebter.

Süddeutsches Fleckvieh

Die neue Superkuh kommt aus Bayern

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Vor 60 Jahren haben die schwarz-weißen Holsteiner Rinder noch doppelt so viel Milch gegeben wie Fleckvieh – doch die braun-weiße Rasse hat aufgeholt. Die bayerischen Züchter etablieren sich auf dem Weltmarkt.

München - In Deutschlands Kuhställen tobt ein verborgener Konkurrenzkampf: Seit Jahrzehnten beherrscht das in Norddeutschland verbreitete Holstein-Rind mit der auffälligen schwarz-weißen Zeichnung den Weltmarkt für Milchkühe. Doch die Züchter in Süddeutschland und Österreich holen auf: Das im Süden beheimatete braun-weiße Fleckvieh hat sich zum internationalen Wettbewerber der Holsteins gemausert. „Die Holstein-Züchter haben eine ernsthafte Konkurrenz bekommen“, sagt Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern. Denn: In der Nachkriegszeit gab die bayerische Durchschnittskuh nur halb so viel Milch wie ein norddeutsches Tier – inzwischen ist auch das Fleckvieh auf Hochleistung gezüchtet.

Franz Gasteiger vom Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh in Miesbach

Was das für eine Kuh und auch für die Landwirtschaft bedeutet, sieht man an alten Aufzeichnungen des „Vereins zum Erhalt des Oberlandes“ in der 3150-Einwohner-Gemeinde Wielenbach, Kreis Weilheim-Schongau: Seit 80 Jahren wird dokumentiert, wie viel Milch die Kühe geben. 1936 gab es 61 Höfe mit 556 Kühen, die gaben im Schnitt 2764 Kilogramm Milch pro Jahr – Kilo ist am Markt die gängige Maßeinheit. Heute sieht das etwas anders aus: In Wielenbach gibt es nur noch 15 Höfe mit insgesamt 760 Kühen – eine Kuh gibt im Schnitt 7560 Kilo im Jahr, das entspricht fast dem Bayern-Schnitt (7736). Die Gesamtmilchmenge stieg in Wielenbach also von gut 1,5 Millionen auf 5,7 Millionen Kilogramm. Das süddeutsche Fleckvieh wird zur Hochleistungskuh.

Noch übertrumpft die Holstein-Kuh die bayerischen Kolleginnen: Der Durchschnitt der Rasse mit dem schwarz-weißen Fell liegt derzeit bei knapp 10 000 Kilo im Jahr. Keine andere Rinderrasse gibt mehr Milch. Und: „Die Holsteinrasse ist die häufigst vorkommende Milchviehrasse der Welt und wird in praktisch allen Ländern zur Milchproduktion genutzt“, sagt Jürgen Mohrenstecher vom Deutschen Holstein-Verband. Experten zufolge stammen gar 90 Prozent der Milch weltweit von Holstein-Kühen.

Die in der Regel hellbraun gemusterte Fleckviehkuh gibt im Schnitt etwa 1000 Kilo weniger Milch im Jahr als eine Holstein. Doch anders als die ausschließlich für die Milchproduktion gezüchteten Holsteins ist das Fleckvieh eine „Zweinutzungsrasse“: für Milch und Fleisch. „Der Schlachterlös für Fleckviehfleisch ist wesentlich höher“, sagt Franz Gasteiger, Zuchtleiter beim Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh in Miesbach. Und das hat noch einen Nebeneffekt: „Die Doppelnutzung hat auch eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz“, sagt Hans-Jürgen Seufferlein vom Milcherzeuger-Verband.

Beide Rassen sind internationale Koproduktionen, keineswegs ausschließlich deutsche Züchtungen. Dennoch haben die heimischen Rinderzüchter eine starke Stellung auf dem Weltmarkt. Rinder werden in zweierlei Form exportiert: als lebendiges Tier und als Sperma. 2015 wurden über 80 000 lebende Holstein-Rinder aus Deutschland exportiert. Vom Fleckvieh dagegen gingen nur knapp 14 000 Tiere ins Ausland, wie die Arbeitsgemeinschaft süddeutscher Rinderzucht- und Besamungsorganisationen (ASR) berichtet.

Der wahre Exportschlager sind aber die Rindersamen – und da liegt inzwischen das Fleckvieh in Führung. China etwa erlaubt nur Sperma-Importe, keine Lebend-Einfuhr. So wurden 2015 nach den Zahlen der Arbeitsgemeinschaft deutscher Rinderzüchter (ADR) 4,8 Millionen Portionen Rindersamen ins Ausland verkauft. Der Fleckvieh-Anteil lag mit 48 Prozent vor den Holstein-Rindern (42 Prozent). Auf dem Weltmarkt für Holstein-Sperma gibt es scharfe Konkurrenz durch Züchter in den USA und anderen Ländern. Die Fleckvieh-Züchter in Süddeutschland und Österreich dagegen stoßen laut ASR-Geschäftsführer Georg Röhrmoser auf weniger internationale Wettbewerber.

Die Fleckvieh-Züchter haben den Rückstand in der Milchleistung in den vergangenen Jahrzehnten stark verkleinert und wurden damit konkurrenzfähig. Dem Statistischen Jahrbuch 1953 zufolge gab eine bayerische Milchkuh damals knapp 1800 Kilo Milch jährlich – eine schleswig-holsteinische fast doppelt so viel. Die alten Statistiken sind zwar nicht direkt auf Holsteins und Fleckvieh übertragbar, da insbesondere in Bayern noch andere Rinderrassen gehalten werden. Doch deuten sie auf die einstigen Leistungsunterschiede hin.

Der Export des Fleckviehs begann daher erst spät: „In den 70er-Jahren hat die weltweite Verbreitung begonnen“, sagt Maximilian Putz, Referatsleiter im bayerischen Agrarministerium. Die süddeutschen Fleckvieh-Fachleute halten ihre Tiere für überlegen. „Ins Extrem gezüchtete Holstein-Rinder bestehen eigentlich nur noch aus Haut und Knochen. Im Krankheitsfall fehlen den Tieren die Reserven“, sagt Putz.

Die jährliche Erhöhung der Milchproduktion pro Kuh ist eine wenig beachtete Spitzenleistung der deutschen Wirtschaft. Die Entwicklung ähnelt der Steigerung der PS-Zahlen in der Automobilbranche: Allein in den vergangenen zehn Jahren ist die „Lebensleistung“, also die Menge Milch, die eine Kuh bis zur Schlachtung gibt, sowohl bei Holsteins als auch bei Fleckvieh um knapp 4000 Liter gestiegen.

Zur Steigerung der Milchleistung bieten sich den Züchtern zwei Möglichkeiten: eine Optimierung der Haltungsbedingungen und die Zucht. Landwirt Johann Eberl, der seinen Milchviehbetrieb in Arget, Kreis München, hat, sagt: „Durch einen großen Laufstall, einen schönen Liegeplatz und besseres Futter steigt die Leistung automatisch.“ Die Alternative sei das Anpaaren einer Kuh mit einem Bullen, der eine hohe Milchleistungsvererbung aufweist. „Das Kalb hat dann in der Regel auch eine höhere Milchleistungsveranlagung.“ Die Zucht sei immer zuverlässiger geworden, sagt Hans-Jürgen Seufferlein vom Milcherzeuger-Verband – zum Beispiel bei Merkmalen wie Leistung oder Körperbau.

Dennoch sagt er: „Irgendwann stoßen wir bei jeder Rasse an Grenzen.“ Denn die Zucht auf immer höhere Leistung ist umstritten. Ein wissenschaftliches Gutachten für die EU-Behörde für Nahrungsmittelsicherheit empfahl 2009 eine Änderung der Zuchtkriterien: „Langfristige genetische Selektion für hohe Milchleistung ist der Hauptfaktor für niedriges Tierwohl – insbesondere Gesundheitsprobleme – bei Milchkühen“, heißt es darin. Trotzdem erwarten die Züchter, dass die Milchleistung auch künftig steigt. Allerdings „vielleicht nicht mehr ganz so schnell wie in den vergangenen Jahrzehnten“, vermutet der Miesbacher Zuchtleiter Gasteiger.

mit dpa

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