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Die Wände eines Stollens im Sulzberg sind überzogen von einer milchig-weißen, schleimigen Masse, die in langen Fäden von der Decke hängt. Der Stollen, der über zehn Meter tief im Berg liegt, wurde erst vor 15 Jahren wiederentdeckt.

Mysteriöser Schleim aus der Dunkelheit

Sulzberg - Schleimig, glibbrig –außerirdisch? Geologen haben in einem Stollen im Allgäu milchige Fäden entdeckt, die aus einer seltsamen, lebenden Masse bestehen. Fest steht: Der Schleim ist ein bayerisches Naturphänomen.

Etwas Unbekanntes schlummert im Sulzberg nahe Kempten. Versteckt und klammheimlich breitet es sich aus, tief drinnen im massiven Fels. Jahrzehntelang blieb es von den Menschen unbemerkt, spross in der Dunkelheit eines Stollens, der fast 30 Jahre lang verschlossenen war und erst vor 15 Jahren wiederentdeckt wurde. Als zwei Geologen Ende April den acht Meter langen Gang bei einer routinemäßigen Beprobung einer unterirdischen Jodquelle betraten, hielten sie den Atem an.

Nicht etwa wegen des merkwürdigen Geruchs der „gasgeschwängerten Luft“, den Roland Eichhorn, einer der beiden Forscher, beschreibt. Sondern vor Erstaunen: „Wir konnten das gar nicht glauben. Überall von der Decke hängen milchige Schleimfäden, die aussehen, als würden sie in einem Film einem Alien aus dem Maul tropfen.“ Auch die Wände sind von einer glibbrigen Schicht überzogen. Doch die gallertartige Masse ist alles andere als von einem anderen Planeten. Sie gehört zu den ältesten Lebensformen unserer Erde: den Biofilmen, die seit 3,25 Milliarden Jahren existieren. Eichhorn erklärt: „Das sind Lebewesen, die sich hautähnlich über eine Oberfläche legen.“ Wir kennen Biofilme auf kaum gereinigten Duschvorhängen, glitschigen Flusssteinen oder als Plack auf den Zähnen.

Aber nicht so wie im Sulzberg. „Das sucht in Bayern seinesgleichen“, sagt Eichhorn, der mehrmals das Wort „exotisch“ verwendet. „Wenn man mit dem Finger reintaucht, geht das zwei bis drei Zentimeter tief“, beschreibt der Geologe. Bis zu 15 Zentimeter lang sind die „lebenden Tropfsteine“. „Sämtliche Experten haben den Kopf geschüttelt, als wir ihnen Bilder gezeigt haben. Sie haben sowas noch nie gesehen.“

Seine Vermutung für das Naturphänomen: Weil der Stollen so lange zugedeckt war, sei durch Jodwasser und Gase ein außergewöhnliches Mikroklima entstanden. Für die stäbchenförmigen Bakterien, die den Biofilm bilden, um dadurch Nährstoffe aus der Luft aufzunehmen, „sind das paradiesische Zustände“. Genau darin liegt für Eichhorn der besondere Wert des Fundes, denn man sieht, „unter welchen Umständen Leben möglich ist. Wer kann schon von Luft und Liebe alleine leben?“

Was aus dem Schleim wird, „steht in den Sternen“. Eine Universität oder Forschungseinrichtung wird sich weiter damit beschäftigen. „Wir sind nur für die Erfassung des Grundwassers zuständig. Die Entdeckung war von uns nicht geplant“, sagt Eichhorn. Dass nun Touristenmassen ins Allgäu pilgern, um in die Tiefe hinabzusteigen, bezweifelt der Geologe. „Aber wer beim Stollenwärter anfragt, kann mit zwei bis drei Personen das Phänomen bestaunen.“ Platzangst sollte man dabei keine haben. Der Stollen ist stellenweise 1,40 Meter hoch. „Wir hatten außerdem Schutzanzüge an. Glauben Sie mir: Das Zeug wollen Sie nicht im Nacken haben."

David Libossek

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