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Ein x-beliebiger Tag um 19.30 Uhr in der S-Bahn – kein Platz zum Abspannen nach der Arbeit. Erst nach Pasing wird es entspannter.

Kaum Sitzplätze

Tägliches Gequetsche in der S-Bahn

München - Die S-Bahn an der Kapazitätsgrenze: An Stoßzeiten sind die Züge gesteckt voll. Einen Sitzplatz zu finden, ist Glückssache. Hintergründe eines Dauer-Ärgernisses.

Tatort S 4 Richtung Westen, etwa 19.30 Uhr: Schon am Hauptbahnhof gibt es keine Sitzplätze mehr. Wer schlau ist und Zeit mitbringt, fährt ein Stück in die Gegenrichtung, steigt am Isartor ein und ergattert so einen Sitzplatz. So aber – Gequetsche in den Gängen. Von Station zu Station werden es mehr Leute, ein älteres Ehepaar findet auch keinen Sitzplatz, übt sich aber in Langmut.

So ist es täglich. Ob S 3 Richtung Mammendorf, S 6 Richtung Tutzing oder S 4 Richtung Geltendorf – etwa ab 19 Uhr setzt die S-Bahn nur mehr zweiteilige Züge ein. An Sonntagen gibt es durchgehend nur Kurzzüge – trotz Ausflugsverkehr. Die meisten Fahrgäste nehmen es mit Demut hin – laut Bayerischer Eisenbahngesellschaft gibt es kaum Klagen wegen Überfüllung von S-Bahnen. „Die meisten Beschwerden gehen wegen mangelnder Pünktlichkeit ein“, sagt BEG-Chef Fritz Czeschka. Die BEG bestellt bei der Deutschen Bahn den S-Bahn-Verkehr und zahlt dafür. Die Frage, ob die S-Bahn Voll- oder Langzüge einsetze, bleibe freilich dem Unternehmen selbst überlassen. Nur bei gravierenden Verstößen interveniert der Qualitätsmanager.

Doch was ist schon gravierend? „Wir werden nie dazu kommen, dass zwischen Hauptbahnhof und Pasing alle Leute sitzen“, bekennt Czeschka. Bis Pasing mit drei Zügen zu fahren, und dann einen Zug abzukuppeln, sei nicht praktikabel. „Man flügelt und kuppelt nicht mehr, weil das den Ablauf zu sehr stört.“ Auch S-Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp sagt: „Es ist zumutbar, dass man ein Stück weit steht.“

„Der Freistaat ignoriert dieses Thema seit Jahren“, sagt hingegen Andreas Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn. Selbst wenn wie derzeit die S 6 wegen Bauarbeiten nur im 40-Minuten-Takt unterwegs ist, hängt die Bahn nicht einen Zug mehr dran. Die S-Bahn habe zu wenig Züge – und schrecke bis 2017 vor jeder Investition zurück. Die Verwaltung des Status quo.

2017 wird die BEG das Münchner S-Bahn-Netz erstmals ausschreiben – dass die Deutsche Bahn den gewinnbringenden Auftrag an Land zieht, ist zwar wahrscheinlich, aber nicht selbstverständlich. Barth hält der S-Bahn als Positiv-Beispiel die Münchner Verkehrs-Gesellschaft (MVG) vor. Klar, auch in der U-Bahn müsse man oft stehen. Aber wenigstens gebe es ambitionierte Ziele – etwa einen Zwei-Minuten-Takt für die U2, U3 und U6.

238 S-Bahn-Züge des Typs ET 423 gibt es. Ein Zug hat 192 Sitzplätze und 352 Stehplätze. Doch die Grenze ist im Alltag nach oben offen – es gibt Situationen, nach Fußballspielen oder Public-Viewings etwa, da kommt die S-Bahn auch mit der Regel des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Konflikt. Die VDV hat eine Empfehlung zum Fassungsvermögens von Personenfahrzeugen erlassen: Sie besagt, dass in Zügen maximal vier Personen je Quadratmeter transportiert werden sollen. Der Verkehrsdurchführungsvertrag zwischen DB Regio und Freistaat zur S-Bahn übernahm die Ziffer: „Im Abschnitt mit der stärksten Querschnittsbelastung vor der Stammstrecke“, so heißt es wörtlich, dürften „maximal vier Personen pro Quadratmeter Stehfläche stehen“.

Ohnehin betrachten S-Bahn und BEG im Gegensatz zu Pro Bahn das Problem als nicht sonderlich gravierend: „Echte Überlastungen haben wir nicht festgestellt“, sagt BEG-Chef Czeschka. Bei der viel diskutierten S 4 Richtung Geltendorf sei „der politische Druck größer als das tatsächliche Problem“. Auch die S-Bahn beschwichtigt. Zwischen 16 und 18.40 Uhr ab Marienplatz Richtung Westen würden beispielsweise bei der S 4 neun Mal in Folge nur Langzüge eingesetzt, sagt Sprecher Honerkamp. Der Zug danach ist aber nur noch ein Vollzug. „Das ist so ein Grenzbereich“, räumt Honerkamp ein. Und rechnet vor, dass die S-Bahn aufgrund komplizierter Umläufe zu diesem Zeitpunkt keinen Zug zur Verfügung hat.

Auch bei der S6-Linie, auf der die Bahn trotz eines 40-Minutentakts nur Vollzüge anbietet, gibt es keine Lösung, beteuert der Bahnsprecher. Die Bauarbeiten am Bahnhof Tutzing, die bis nächste Woche dauern, lassen den Halt einer drei-teiligen S-Bahn aus Platzgründen nicht zu.

Von Dirk Walter

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