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Pssssssst! Heute ist der internationale Tag gegen Lärm. Da ist Ruhe erstes Gebot.

Extrem laut gegen extrem leise

Ruhe, bitte! Heute ist der "Tag gegen Lärm"

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    Katrin Woitsch
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München - Lärm ist lästig bis nervtötend. Er kann sogar krank machen. Die Veranstalter des heutigen Tags gegen Lärm wollen deshalb für mehr Ruhe werben. Wir haben mit Menschen gesprochen, die es im Alltag sehr laut oder sehr leise haben – und sie gefragt, wie sie damit umgehen.

Zwei Wochen im Jahr sind Loni Bambls Ohren im Dauerstress. Denn dann ist Wiesnzeit. Im Zelt dröhnen in zuverlässiger Regelmäßigkeit Folter-Hits von Helene Fischer bis DJ Ötzi, Feiertouristen steigen auf Bänke, plärren mit und prosten sich über sieben Biertische zu. Alles knarzt, scheppert und klirrt. „Der Lärm ist brutal“, sagt die 46-Jährige. „Andererseits höre ich ihn gar nicht mehr.“

Seit 24 Jahren bedient Bambl in Wiesnzelten. Sie tut das mit großer Freude, auch weil sie längst gelernt hat, den Lärm um sich herum auszublenden. „Am zweiten Tag merk’ ich schon gar nichts mehr“, sagt sie und stößt ein heftiges Lachen in den Telefonhörer. Manchmal stopft sie sich auch was in die Ohren. Dann wird das Bier einfach vor die Gäste gestellt, wer keins will, macht sich schon bemerkbar.

Im Wiesnzelt kann es schon am Nachmittag gut 80 Dezibel haben. Lärmforscher sprechen vom unteren Auslösewert, man könnte auch sagen: Ab dann wird’s fürs Gehör kritisch. Sehr viel heftiger ist die Belastung zum Beispiel auf Baustellen oder in Fabrikhallen. Der heutige Tag gegen Lärm, den die Deutsche Gesellschaft für Akustik (Dega) veranstaltet, will genau darauf hinweisen – etwa mit Workshops und kostenlosen Hörtests.

Lärm kann krank machen

Zwar gehört Arbeitslärm hierzulande noch immer zu den großen Krankheits-Auslösern. Bei Dauerbeschallung über 85 Dezibel ist das Gehör in Gefahr. Außerdem schüttet der Körper vermehrt Stresshormone aus, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen können. Allerdings geht die Belastung durch Arbeitslärm tendenziell zurück, wie die Umweltmedizinerin Stefanie Kolb, 38, vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), sagt. „Dafür nimmt die Belastung durch Freizeitlärm zu, etwa durch zu laute Musik, die auf Smartphones gehört wird.“ In einer LGL-Studie unter 15- bis 16-Jährigen zeigte sich bei 2,4 Prozent der Jugendlichen ein beginnender Hörverlust. „Und man kann davon ausgehen, dass die Zahl mit zunehmenden Alter noch steigen wird.“

Schwester Veronika hat weder mit Freizeit- noch mit Arbeitslärm etwas zu tun. Ihr Beruf ist das Schweigen. Sie ist vor vier Jahrzehnten in den Orden Karmel Heilig Blut eingetreten. Damals war sie 29 und Grundschullehrerin. Sie hat den ganzen Vormittag geredet, musste oft viele Kinder übertönen. Im Karmel-Orden hat sie das Schweigen gelernt. „Wir sprechen nur das Notwendige“, sagt sie. Manchmal nur wenige Worte am Tag. Mit den anderen Schwestern im Kloster in Dachau lebt sie großteils in Stille zusammen.

Schweigen muss man lernen

Das Schweigen, sagt sie, muss man erst lernen. Es hat Jahre gedauert, bis Schwester Veronika gelernt hatte, die Stille zu genießen. Bis es für sie ein Bedürfnis geworden war, zu schweigen. „Alle Worte und alle Geräusche werden dadurch intensiver“, sagt sie. Die wenigen Worte, die sie jeden Tag benutzt, sind ganz bewusst gewählt.

Das verändert einen. „Ich könnte problemlos wieder eine Grundschulklasse unterrichten“, sagt sie. Aber einen Vormittag lang Smalltalk – bloß nicht! Schon eine gewöhnliche S-Bahn-Fahrt, bei der die Menschen pausen- und gedankenlos reden, strengt sie an. „Die äußere Stille hilft der Seele, zur Ruhe zu kommen“, sagt Schwester Veronika. Auch so ein Satz, bei dem jedes Wort gut überlegt ist. Diese innere Stille, findet sie, die ist etwas Wertvolles. Etwas, wofür sich das Schweigen lohnt.

Während für Schwester Veronika das Schweigen zum Bedürfnis geworden ist, sagt Bedienung Loni Bambl über sich, sie sei ohnehin eher ein lauter Typ. Sie ist schon lange im Geschäft, auch abseits der Wiesn arbeitet sie in der Gastronomie. Von Gehörschäden, sagt sie, ist bislang nichts zu merken – allenfalls in akuten Situationen. Wenn sie mittags auf der Wiesn kurz Pause macht und ihren Mann anruft, klingeln ihr häufig noch die Ohren. „Mein Mann sagt dann immer: Mich brauchst fei ned anplärren!“

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