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„So nicht!“ – Diese Lernwörter-Übung fand die Klassenlehrerin gar nicht zufriedenstellend.

Heute ist Tag der Handschrift

„Ein Stück Kulturgut“

Karlsfeld - Finnland streicht die Schreibschrift vom Lehrplan: Ab Herbst 2016 lernen Grundschüler dort keine klassische Schreibschrift mehr, nur noch die Druckschrift. Ist dieses Vorgehen auch in Deutschland denkbar? Ein Grundschulbesuch zum Tag der Handschrift.

Die Grundschule an der Krenmoosstraße 50 in Karlsfeld (Landkreis Dachau) ist ein bunter Bau, ein Haupt- und ein Nebengebäude, innen hell, freundlich, einladend. Auf dem weitläufigen Pausenhof ist es am Vormittag noch still: Die zweite Unterrichtsstunde läuft. Die 4c übt hier die Schreibschrift, „Vereinfachte Ausgangsschrift“ genannt, die Anfang der siebziger Jahre in Westdeutschland entwickelt wurde und wenig Schnörkel, dafür eine komplexe Linienführung hat. Es ist die Schreibschrift, die weiterhin an deutschen Grundschulen unterrichtet wird. Auch in Bayern ist diese Form der Schreibschrift zunächst Pflicht für die Grundschüler.

In Finnland sollen Grundschüler ab Ende 2016 keine Schreibschrift mehr lernen. Zudem sollen sie auch vermehrt das Tippen auf dem Tablet-PC lernen. Carolin Schneider, 28, Klassenlehrerin der Karlsfelder 4c, ist gegen finnische Experimente. „Die Schreibschrift besitzt gegenüber der Druckschrift für die Grundschüler deutliche Vorteile“, so die Pädagogin. „Ein normiertes Verfahren wie die Vereinfachte Ausgangsschrift ist besonders für schwächere Schüler am besten. Es hilft ihnen, besser, flüssiger und schneller schreiben zu lernen.“

Die Schüler der 4c üben in Carolin Schneiders Unterricht die Unterschiede zwischen Druck- und Schreibschrift. Schneider diktiert: Morgen gehen wir zum Sportunterricht in die große Turnhalle. Die Grundschüler schreiben ihn einmal in Schreibschrift, dann nochmal in Druckschrift. Die Lehrerin hat bewusst Sätze und Wortkombinationen ausgewählt, die den Karlsfelder Viertklässlern zumindest teilweise noch Schwierigkeiten bereiten. Das Schreibschrift-„z“ geht noch nicht so flüssig, die geschwungenen Bögen am kleinen „h“ sind noch etwas eckig. Ein anderes schwieriges Wort ist „faszinierend“ – auch wegen dem s-z-Laut in der Mitte. Schwierig ist neben der Schriftart aber auch die Rechtschreibung: Beim Wort klappt vergessen die Schüler gerne mal das zweite „p“, oder ersetzen es mit einem „b“. Hoffentlich wird mit „d“ statt „t“ geschrieben, und die Turnhalle verliert durchaus mal das „h“ in der Mitte. Alles eine Frage der Übung, und heute gibt es für die Proben sowieso keine Noten.

Der heutige Tag der Handschrift stammt aus den USA und heißt dort National Handwriting Day. Das Datum geht zurück auf den Geburtstag von John Hancock, Mitunterzeichner der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung anno 1776. Der Tag der Handschrift soll auf die Bedeutung von handschriftlichen Werken aufmerksam machen.

Das Schreiben selbst ist vor allem ein motorischer Ablauf. Hier sieht die Klassenlehrerin auch den meisten Reformbedarf. „In den unteren Klassen ist manchmal die Auge-Hand-Koordination nicht so geschult, wie sie es sein könnte. Diese Koordination ist aber elementar für das Erlernen der Schrift.“ Je besser also die motorischen Fähigkeiten beim Schreiben, desto flüssiger ihre Abläufe – und letztendlich das Schriftbild. Wie lässt sich dies fördern? „Töpfern, Malen, Basteln helfen einem Kind bereits ab drei Jahren, die motorischen Fähigkeiten auszubauen“, so Schneider. Die Grundschullehrerin berichtet auch von Mädchen „mit einer Art Blick für das Ästhetische“ und von Jungs, deren Schriftbild auch Hinweise auf ihre impulsive, lockere Persönlichkeit geben. Doch dazwischen liegt viel Spielraum: Viele Buben in der 4c haben die Schreibschrift lieber; sie kommen mit ihr besser zurecht. Auch der richtige Füller und die geeignete Stärke der Feder können einen großen Unterschied im Schriftbild ausmachen.

Letztlich sei die Schrift Teil der eigenen Persönlichkeit, meint Carolin Schneider. „Das Schreiben ist ein Stück Kulturgut. Eine gute Handschrift ist für so viele Fähigkeiten wichtig. Wie soll ich mir Dinge merken, wenn ich sie nicht auf Papier bringen kann?“

Bérangère Witt

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