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Auch Regina Bräu (19) aus Garmisch-Partenkirchen führt Tagebuch. „In mein Tagebuch schreibe ich Dinge, die ich niemandem erzählen kann. Manchmal schreibe ich extra über Erlebnisse, von denen ich denke, dass ich sie in 30 Jahren einmal interessant finden könnte“, sagt die junge Frau.

Zu Ehren Anne Franks

Das Tagebuch als Lebensarchiv

München - Streng geheim? Das war einmal. Heute hat das Tagebuch-Schreiben eine neue Dimension erreicht: Immer mehr Hobby- Autoren gehen mit ihren Gedanken in die Öffentlichkeit. Aber das klassische Tagebuch wird auch diesen Trend überdauern.

Sabine Scheibner, 54, ist sicher keine, die auf den Mund gefallen ist. Aber jetzt wirkt sie doch ein bisschen nervös. Sie steht auf der Bühne eines kleinen Cafés in München, in der Hand hält sie ihr Tagebuch. Es ist eine Sammlung intimer Gedanken und Gefühle, etwas Persönliches. Gleich wird es öffentlich – wenn Sabine Scheibner das Tagebuch aufklappt und daraus fremden Menschen vorliest, die alle zu diesem „Liebes-Tagebuch- Abend“ in München gekommen sind, den Meike und Gabi Gerlach seit 2012 organisieren. Sie werden heute viele Geschichten hören: tragische, lustige, skurrile – und ganz alltägliche. Wie die von Sabine Scheibner, die vor kurzem bei Freunden zum Abendessen eingeladen war und eigentlich nur das Essen gut fand. Die Unterhaltung – nun ja. „Wetten, da waren unsere Spießereltern in den 60er- Jahren origineller drauf?“, notierte Sabine Scheibner in ihrem Tagebuch. Diesen Satz liest sie jetzt laut vor. Man kann nur hoffen, dass tatsächlich niemand in dem Café die Autorin oder deren Freunde kennt. Doch selbst wenn – Sabine Scheibner ficht das nicht an. So ist das eben in der neuen Tagebuch- Ära.

Das berühmteste Tagebuch

Früher gab es das nicht. Wer Tagebuch schrieb, machte das für sich allein – so wie Anne Frank, die wohl bekannteste aller Tagebuchschreiber. An ihrem 13. Geburtstag, dem 12. Juni 1942, bekommt das jüdische Mädchen aus Amsterdam ein rotkariertes Büchlein geschenkt und notiert darin: „Ich hoffe, dass ich dir alles anvertrauen kann.“ Der 12. Juni, Anne Franks Geburtstag, wird später zum Tag des Tagebuchs erklärt – das Tagebuch selbst gehört zu den bewegendsten Zeugnissen jüdischer Schicksale im „Dritten Reich“. Anne Frank wäre heute 85 Jahre alt geworden; sie starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus. Im August 1944 hatten Nationalsozialisten das Versteck ihrer Familie in einem Hinterhaus an der Prinsengracht entdeckt und die Franks deportiert. Nur Vater Otto überlebte und publizierte das Tagebuch seiner Tochter. Es wurde in 70 Sprachen übersetzt – Millionen Menschen haben es gelesen, sind in die Gedankenwelt des verfolgten Mädchens eingetaucht. Anne Frank führt ihr Tagebuch mehr als zwei Jahre – bis zum 1. August 1944, drei Tage vor der Deportation. Am 15. Juli 1944 notiert sie noch: „Es ist ein Wunder, dass ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Für Anne Frank ist das Tagebuch ein Rettungsanker, um mit der lebensgefährlichen Situation besser umzugehen.

Tagebuch schreiben heute

Auch heute schreiben Menschen Tagebücher, um sich „etwas von der Seele zu schreiben“, sagt Frauke von Troschke. Vor rund 16 Jahren hat sie das deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen (Baden-Württemberg) gegründet, wo inzwischen mehr als 14 000 Tagebücher lagern, Memoiren einfacher Menschen, Frauen und Männer, Junge und Alte. „Es ist ein Ort für das geschriebene Leben“, sagt von Troschke. Sie will nicht, dass all diese Gedanken irgendwann verloren gehen, weil sie sich wie Mosaiksteine zu einem großen Bild zusammensetzen lassen – einem Bild, das auch historischen Wert hat. Für die Schreiber selbst geht es aber eher um Emotionen. „Viele führen ein Tagebuch, gerade weil sie niemanden haben, dem sie ihre Erlebnisse mitteilen können, der sich für ihre Gedanken und Gefühle interessiert“, erzählt von Troschke. Für sie ist das Tagebuch vor allem ein wichtiger Kommunikationspartner, „dem man alles sagen kann, der unendlich geduldig ist, niemals widerspricht oder korrigiert“. Psychologin Elisabeth Mardorf, die selbst seit 51 Jahren Tagebuch führt, sieht darin eher einen therapeutischen Ansatz. Sie sagt: „Indem ich etwas aufschreibe, gebe ich es nach außen ab.“ Ihren Klienten empfiehlt sie oft, einen Stift in die Hand zu nehmen und die Gedanken zu Papier zu bringen. Beim Schreiben, so sagt Mardorf, lerne man sich selbst besser kennen. Gedanken und Gefühle würden sortiert, Probleme schneller gelöst. „Spontanes Aufschreiben macht deutlich, dass man schon einen Lösungsansatz in sich trägt. Der wäre verloren, wenn er ein flüchtiger Gedanke bleibt“, erklärt die Psychologin. Erst im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Kreativ leben mit dem Tagebuch“erschienen. Mardorf will damit ihre „positiven Erfahrungen mit anderen teilen“. Das Werk ist eine Art Leitfaden, wie „das Tagebuch zum guten Freund wird“, heißt es in einer Rezension.

"Es ist schon a bissl wie a Sucht"

Herbert Ohl und sein Tagebuch sind längst unzertrennlich. Der 81-jährige Mann aus Ruhpolding schreibt schon fast sein halbes Leben lang – ja, bei ihm geht keine Information verloren. „Es ist schon a bissl wie eine Sucht“, sagt er und lacht. Eine Existenz ohne Tagebuch? Undenkbar! Seit 1978 hält Herbert Ohl akribisch jedes Ereignis fest, das ihn beschäftigt. Früher zum Beispiel, als er noch Bürgermeister war, hat er sich Notizen gemacht zu den vielen Gesprächen, die er führte. Heute schreibt er über Urenkelin Paula, die ihn oft besuchen kommt, oder über seine Frau Regina, die im Hochbeet Rucola und Mangold anpflanzt. Seine Gedanken stecken in DIN-A5 großen Kalendern, die gab es früher bei der Sparkasse ums Eck. Die Tagebücher von 1978 bis 2014 bewahrt Herbert Ohl in einem alten Bauernschrank auf, der in seinem Büro steht. Dort lagern auch unzählige Aktenordner, die prall gefüllt sind mit Zeitungsartikeln, Bildern und anderen Unterlagen. Der Mann ist eben ein Sammler, sein Schatz ist das Ohlsche Privatarchiv. Es enthält Geschichten von Sportlern, die ihn interessieren, Prominenten, denen er mal begegnet ist, und Episoden aus dem Ort, die Herbert Ohl selbst zu Papier bringt. Schon mit elf Jahren hat er damit begonnen, sich Notizen in einem Kalender zu machen. Doch erst seit 36 Jahren schreibt er „richtig Tagebuch“, wie er sagt. Dieses Ritual begleitet ihn Tag für Tag: In der Früh und am Abend setzt sich Herbert Ohl an den Schreibtisch, nimmt seinen weißen Kugelschreiber zur Hand, der mit der feinen Mine muss es sein, damit er möglichst präzise schreiben kann. Zitate werden unterstrichen, Biathlon-Ergebnisse – Ohl war mehr als 25 Jahre lang Sport-Funktionär, das betont er – in orangener Farbe umkringelt. Warum er Tagebuch schreibt? „Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht“, sagt er. Ohne kann er jedenfalls nicht sein. Immer wieder blättert er wichtige Ereignisse nach. Ein, zwei Handgriffe in den Bauernschrank, schon kann Herbert Ohl sagen, wann er mit seiner Frau in der Provence urlaubte und wann sie die Betten zuletzt überzogen hat. Dass Herbert Ohl sich öffentlich auf eine Bühne stellt und dort aus seinen Tagebüchern vorliest – eher unwahrscheinlich. Tagebuch, das ist für ihn dann doch etwas Privates, nichts für die Öffentlichkeit.

Ein öffentliches Tagebuch?

Sabine Scheibner, der zuletzt nur das Essen am Abend schmeckte, aber weniger die Unterhaltung, sieht das ein bisschen anders. Sie genießt einfach diese Atmosphäre, wie sie da oben auf der Bühne steht und Fremden aus ihrem Tagebuch vorliest. „Alle sind so offen“, sagt sie – und das verwundert in Zeiten sozialer Online-Netzwerke nur wenig. Soziale Portale wie Blogs, Twitter und Facebook können „durchaus eine neue Spielart des Tagebuchs“ sein, sagt auch Medien-Experte Bernhard Jodeleit. Manche Menschen würden ihr Leben auf Schritt und Tritt dort festhalten. Das erfülle sicher teilweise den Zweck eines geschriebenen Tagebuchs. Aber: Das gelte nur für eine akribische Minderheit; die meisten wollten sich dann doch eine gewisse Privatsphäre bewahren. Die Psychologin Elisabeth Mardorf, selbst leidenschaftliche Tagebuchschreiberin, sieht das ein bisschen anders. „In einem Blog schreibe ich einen Brief an andere. In einem Tagebuch schreibe ich Briefe an mich selbst.“ Sie ist sicher keine, die die digitalen Medien verteufelt, im Gegenteil – sie hat sogar selbst einen Blog. Aber sie unterscheidet eben sehr genau. „SMS und andere Nachrichten hinterlassen zwar jede Menge Spuren für die Geheimdienste“, sagt sie. Doch für das private Lebensarchiv seien die Gedanken, die da mal schnell verschickt werden, eines Tages für immer verloren. Genau das soll aber nicht passieren. Denn ein Tagebuch ist und bleibt für die Unendlichkeit.

Verena Usleber

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