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Ein alter Koffer, zig Bücher: Andreas Assbichler mit dem Nachlass seiner Tante vor dem Gschwingerhof. Er erbte das Anwesen von seinem Onkel.

21.000 Seiten in Steno

80 Jahre in Tagebüchern: Tante Annas Vermächtnis

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Riedering - Andreas Assbichler hat einen Schatz: das Erbe seiner Tante Anna. Die hat 80 Jahre lang Tagebuch geschrieben, über den Alltag im Chiemgau, über Angst, Krieg, ihre große Liebe. Das Problem: Niemand kann die 21 000 Seiten entziffern.

Es gibt Geschichten aus unserer Heimat, die glaubst du nicht. Und wenn, dann willst du sie sofort weitererzählen. Oder verfilmen. Die als allererstes:

In Prutting, Kreis Rosenheim, lebt vor vielen Jahren ein richtig gschertes Mannsbild. Ein Haderlump, ein Betrüger. Einer, über den die Leut sagen: „Den holt amal der Deife.“ Dann passiert’s: Ein Blitz erschlägt den Mann. Und als ob das nicht schon langt an Grusel, geht das Drama weiter. Die Familie bahrt den Toten in der Stube auf, das ist damals so auf dem Dorf. Dann: ein Gewitter. Ein Blitz fährt durchs Dach, hinein in den Holzsarg. Es heißt, die Leiche war hinterher kohlrabenschwarz.

Geschichten wie diese stehen in keinem Buch, im Internet dreimal nicht. Aber sie schlummern im alten Lederkoffer von Andreas Assbichler, auf dem Gschwingerhof bei Riedering. Seine Tante hat ihr Leben auf 21 0000 Seiten niedergeschrieben.

Assbichler, 59, ein ruhiger Mensch mit Lachfalten und Schnauzer, von Beruf Justizvollzugsbeamter, steht jetzt in seiner Stube. Der Kachelofen im Eck glüht, es riecht nach Brennholz. „Da ist sie immer gesessen und hat geschrieben“, sagt Assbichler, und deutet auf einen Stuhl. Sie – das ist Anna Forstner, Assbichlers Großtante, die er „Tante“ nennt. Mehr als 30 Jahre haben die beiden hier zusammen gelebt, mit ihr war er enger als mit seiner Mutter, die auf dem Nachbarhof wohnte. Unter dem Kruzifix hängen Wachsbilder ihrer beiden Heiligen: der Hl. Andreas und die Hl. Anna.

Die Tante schrieb jeden Tag. Ihren ersten Eintrag mit acht Jahren, ihren letzten mit 87. Sie hörte erst damit auf, als ein Gerinnsel im Gehirn ihr das Augenlicht nahm. Einen Berg an Büchern füllte sie mit Wörtern. 21 000 Seiten! Das ist fast so viel wie die „Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden“. Ein einzigartiges Vermächtnis, ein Geschichten-Schatz über ein normales Leben auf dem Land, das genau deshalb so wahnsinnig interessant ist.

Es gibt nur ein Problem: Andreas Assbichler kann die Tagebücher nicht lesen.

Die Tante Anna verwendete eine einzigartige Steno-Schrift. Eine Mischung aus herkömmlichen Zeichen und eigenen Symbolen. Als vor einiger Zeit die „SZ“ darüber berichtete, meldete sich eine Steno-Expertin bei Assbichler. Sechs Seiten hat sie übertragen – und viele Wochen dafür gebraucht. Eigentlich bräuchte es ein eigenes Anna-Alphabet. „Das alles zu übersetzen, das wäre eine Ewigkeitsarbeit“, sagt Assbichler und zuckt mit den Schultern.

Schade. Denn er ahnt, dass die Bücher voll mit Anekdoten sind, wie sie ihm seine Tante gerne erzählt hat. Die von dem doppelten Blitzschlag in Prutting zum Beispiel. Oder die von einem entfernt verwandten Bauern, der im Zweiten Weltkrieg von einer Handvoll Gauner überfallen wird. Er wehrt sich gegen die sechs, sieben Räuber, zückt ein langes Messer, das sie in der Region zum Torf stechen hernehmen – und ersticht sie alle. Aus Angst vor Strafe wirft die Familie die Leichen in die Odelgrube. Der Heimatkrimi-Autor, der die Tagebücher übersetzt, hat für den Rest seines Lebens Stoff.

Assbichler würden gerade die Nachkriegsjahre interessieren. Wie hat sich der Chiemgau von den Nazis erholt? Wovor hatten die Menschen jetzt noch Angst? Wenigstens die paar Seiten Übersetzung hat er in der Hand. Am 18. September 1947 schreibt Anna: „Was bin ich doch für ein rastloser Mensch. Es treibt mich umher, ich irre und suche wie der Wind so verloren auf toten Feldern.“ Sie sorgt sich um eine kranke Freundin, die sie mit zusammengekratzten „40 Silbermark“ besucht. Sie bittet Gott um Regen. Sie freut sich auf die Beichte. Einige Wochen später berichtet sie, dass sie von einer Annie ein Hühnchen holen durfte. „Nun haben wir schon fünf Hühnchen. So leicht ist alles gegangen. Oh mein Herr, und wir verdienen es gar nicht.“ Später geht es um eine Wallfahrt nach Altötting, um den kranken Vater, gemütliche Abendstunden bei „Mensch ärgere Dich nicht“. Sie fleht: „Oh mein Herr, lass uns noch lange in diesem häuslichen Frieden beisammen bleiben.“ Als am 7. März 1953 ihr Vater stirbt, schreibt sie ins Tagebuch. „Lieber Papa, gestorben um ½ acht h morgens an einem Blutsturz. In fünf Minuten war alles vorüber.“ Der Eintrag ist in Sütterlin, das kann Assbichler entziffern. Der Rest bleibt Annas Geheimnis. Und doch weiß er: Es hatte sein Gutes, dass die Steno-Zeichen seiner Tante kaum wer lesen kann. Das schützte sie.

Denn Anna Forstner ist eine tiefgläubige, kritische Frau, das hat das Leben aus ihr gemacht. Sie kommt im Februar 1918 als lediges Kind auf einem Hof zur Welt – ein Stigma, obwohl ihre Eltern bald nach ihrer Geburt heiraten. Sie wächst in einem Internat in Wien auf, hat Zeitlang – und schreibt mit acht zum ersten Mal Tagebuch. Nach dem Abitur studiert sie in Wien, sie will Lehrerin werden. Doch mit den kruden Parolen der Nationalsozialisten, die schon um sich greifen, will sie keine Kinder erziehen. Sie kehrt zurück in die oberbayerische Heimat und macht eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Sie lernt die Liebe ihres Lebens kennen, doch bevor die beiden heiraten können, verunglückt ihr Freund tödlich. Er bleibt ihre einzige Liebe. Anna arbeitet in Rosenheim, hat dort eine kleine Wohnung. Dann kommt der Krieg. Anna muss einen Oberstleutnant und seine Frau einquartieren. Dem Mann fällt auf, dass seine Gastgeberin täglich schreibt. Als er ihr Zimmer durchwühlt und die Bücher findet, kann er den Code nicht knacken. Zum Glück. Sicher hat Anna auch notiert, was sie davon hält, dass ihr Opa als Riederinger Bürgermeister abgesetzt wurde, weil er mit den NS-Schergen nicht mitlaufen wollte. Und dass sie ganz genau weiß, wer ihre Seidentücher und Seife geklaut hat: das Ehepaar.

Vielleicht wäre es ihr Todesurteil gewesen, wenn sie aufgeflogen wäre. Durch ihre Geheimschrift bewahrt sich Anna in diesen schrecklichen Zeiten ihre Freiheit – und schreibt sich mit jedem Schriftzeichen ihre Wut von der Seele. Ganz gelingt es ihr nicht, Frieden zu finden. Als viele Jahre nach Kriegsende in Riedering eine Nazi-Größe beerdigt wird, platzt Anna vor Zorn: „Da sind sie wieder alle aufmarschiert“, erzählt sie später ihrem Großneffen.

Anna Forster wird zur heimlichen Hüterin der Heimatgeschichte. „Sie hat alles gewusst“, sagt Assbichler. Wer, wo, wann, was, wie. Sie will auch alles wissen. Einmal kommt der junge Andreas vom Ausgehen heim. Es ist zwei Uhr, als er die Haustür aufschließt, in der Stube brennt noch Licht, die Tante sitzt am Tisch. „Und“, fragt sie, „ist noch was passiert?“ Assbichler erzählt, nix besonderes, und geht schlafen. Anna aber zückt den Stift, schreibt die Seite voll. Erst dann findet sie Ruhe.

Sie kriegt viel mit. In der Bank ist sie beliebt, beliebter als Kollegen – auch, weil sie ein phänomenales Gedächtnis hat. Sie hat über 2000 Kontonummern im Kopf. Das schafft Vertrauen, ihr erzählen die Kunden ihre Geschichten. Daheim schreibt sie alles auf. In kleine, große, dünne, dicke Bücher. Die Einbände aus wolligem Stoff, Glanzpapier mit knallbunten Fischen oder Blümchen-Muster. Poesiealben. Notizhefte. Was halt gerade hergeht. Und wenn sie schreibt, dann schreibt sie. Ist auch die letzte Seite voll, malt sie ihre Kürzel auf die Innenseite des Buchdeckels. Und wenn der schwarze Kugelschreiber leer ist, dann greift sie zum pinken Filzstift. Zwischen manchen Seiten liegen Fotos und gepresste Blumen, die Anna bei ihren Wanderungen in den Hausbergen gepflückt hat. Ein vergilbter Enzian von 1956, eine Schlüsselblume von 1971. Das alles ist Andreas Assbichler von seiner Tante geblieben. Und die Geschichten, die sie ihm erzählte.

Bilder: 80 Jahre in Tagebüchern

Von Neuseeland hat sie immer geschwärmt. Sie las jeden Schnipsel, den sie über das Land in die Finger bekam. „So schön wie bei uns ist es da“, sagte sie zu Assbichler. „Bloß noch ganz ursprünglich.“

Anna Forstner stirbt 2007 mit 89 Jahren in der Stube, ohne diese Reise gemacht zu haben. Ein paar Monate später fliegt Assbichler auf die Inseln am anderen Ende der Welt. Beim Blick in den gewaltigsten Sternenhimmel, den er je gesehen hat, denkt er an seine Tante. Und an das riesige Geheimnis im alten Lederkoffer, daheim auf dem Gschwingerhof.

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