Tagung: Wie ein Amokläufer tickt

Baldham - Columbine, Erfurt, Winnenden – über 100 Amoktaten an Schulen gab es bisher weltweit. Bayerische Schulleiter wollen sich für das Unvorstellbare wappnen – jeder potenzielle Täter sendet vorher „Warnsignale“, hieß es auf einer Expertentagung.

Idealerweise müsste der Berliner Kriminologe Frank J. Robertz Prophet sein: Nach jedem Amoklauf sucht er Kontakt zu Polizei und Staatsanwaltschaft, er analysiert die Taten und zieht seine Schlüsse. Er kennt die Tatabläufe und die Biographien der Täter wie nur wenige. Wie lässt sich eine zukünftige Tat verhindert, fragt er. Und antwortet gleich selbst: „Diese Schüler setzen Signale.“

Nur welche? In der Turnhalle der Realschule Baldham (Kreis Ebersberg) sitzen Lehrer der 44 Realschulen im Bezirk Oberbayern-Ost. Sie beraten über die seltsame Biographie von Sebastian B., dem Amoktäter von Emsdetten, und natürlich über Tim K., den Mörder von Winnenden. Dass das Problem so fern nicht ist, zeigen die Amokdrohungen nach Winnenden. „Einen ganzen Ordner voll“ mit diesen Fällen hat das bayerische Kultusministerium gesammelt. In seinem Schulbezirk weiß Peter Peltzer, Ministerialbeauftragter für die Realschulen in Oberbayern-Ost, allein von vier solcher Drohungen.

„Es gibt keine Checkliste für potenzielle Amokläufer“, warnt Robertz. Aber jede Tat hat eine Vorgeschichte, eine Biografie ist in Schieflage geraten, nicht von heute auf morgen, sondern über längere Zeit hinweg. Wenn der Schüler also zum Beispiel in Ethik, Kunst oder Deutsch bevorzugt über Gewalt redet, wenn er auf einmal nur noch dunkle Kleidung trägt, wenn er Faszination für Gewaltfilme zeigt und starkes Interesse an vorangegangen Taten – dann ist Sensibilität geboten, sagt Peter Peltzer. Er rät den Lehrern, auf soziale Bindungen des Schülers zu achten. Potenzielle Täter sind oft ohne Freunde. „Soziale Bindung ist der beste Schutzfaktor, den wir haben“, erklärt Robertz.

Vor allem die Bluttat an der US-Highschool Columbine 1999 mit 13 Toten löst unverändert Faszination bei Jugendlichen aus. Harris und Klebold, die Täter, bieten Schülern Identifikationsmöglichkeiten – bis heute. Das liegt freilich an Fehlinformationen, wie Robertz betont. So kursiert die Mär, den Jugendlichen sei es um Rache an ihren Mitschülern gegangen. Rache für Mobbing – diese Gefühle hegen wohl viele Schüler irgendwann einmal. Das Problem: Im Fall Columbine stimmt das nicht. „Den Tätern ging es um den größtmöglichen Massenmord“, sagt Robertz. Darauf deutet eine nicht gezündete Bombe im Schulgebäude.

Identifikationsmöglichkeiten verhindern – das ist für Robertz ein Schlüssel für die Gewaltprävention. Ein Buch wie das des Journalisten Joachim Gärtner („Ich bin voll Hass“), der Selbstzeugnisse der Columbine-Täter unkritisch dokumentiert, hält er für fatal. „Das ist eine Handlungsanleitung“, sagt er kopfschüttelnd.

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © Schlaf

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