Dieben ist nichts heilig

Tatort Kirche: Trauriger Rekord für Oberbayern

München - Dieben ist selten etwas heilig – nicht mal eine Kirche. Zur Beute zählen Opferstöcke, Kelche, Figuren. Der traurige Spitzenreiter bei den Kircheneinbrüchen im Freistaat: Oberbayern.

Es muss am Freitag nach Fronleichnam passiert sein, jedenfalls war der 1000 Jahre alte Opferstock aus St. Georg in Eitting (Kreis Erding) plötzlich weg. Der oder die Täter hatten sich nicht die Mühe gemacht, das Metallbehältnis aufzubrechen, sie hatten es gleich ganz mitgenommen. Zwei moderne Vorhängeschlösser halfen nichts. Die Mesnerin bemerkte das Fehlen des historischen Stücks bei einem Gottesdienst am darauffolgenden Samstag. „Ich dachte nur: Oh Gott.“

So etwa 2000 Euro soll der Opferstock wert sein, sein Inhalt, sagt Pfarrer Philipp Kielbassa, war wohl kaum der Rede wert. Aber dass sich da ein Dieb in der Kirche zu schaffen gemacht hat, lässt ihn natürlich nicht kalt.

Dabei ist der Eittinger Fall keine Ausnahme. Im vergangenen Jahr gab es bayernweit 450 Einbrüche in oder Diebstähle aus Kirchen. Das ist etwa das Niveau der vergangenen Jahre – 2013 war nach Auskunft des Bayerischen Landeskriminalamts mit 533 Fällen ein Ausreißer.

Die Zahl der Taten steigt also nicht. Allerdings nimmt Oberbayern unter den Regierungsbezirken so etwas wie eine Spitzenposition ein. Im vergangenen Jahr gab es hier 69 Diebstähle „ohne erschwerende Umstände“, also solche, bei denen in unverschlossenen Kirchen Inventar geklaut oder Kirchenbesucher bestohlen wurden. Hinzu kamen 101 Diebstähle „unter erschwerenden Umständen“. Im Polizeijargon meint das Fälle, in denen zusätzlich zum Diebstahl auch noch die Kirche an sich oder etwa Türen, Opferstöcke, Tabernakel aufgebrochen wurden. Zum Vergleich: Im Ausreißerjahr 2013 waren es noch 94 solcher Vorfälle in Oberbayern. Die wenigsten Taten gab es übrigens in Oberfranken – insgesamt 19.

Warum gerade in Oberbayern besonders viele Einbrüche stattfinden, ist der Polizei ein Rätsel. Auch die Motive der Diebe bleiben oft im Dunkeln. Das liegt vor allem an den niedrigen Aufklärungsraten. Im ganzen Freistaat konnten vergangenes Jahr nur 13,2 Prozent der Diebstähle ohne erschwerende Umstände aufgeklärt werden, bei den Diebstählen unter erschwerenden Umständen waren es 2014 immerhin 24,3 Prozent. Auch im Eittinger Fall hat die Polizei der Pfarrei nur wenig Hoffnung gemacht. Weg ist weg. Aufklärung gelingt nur selten. Anfang 2015 wurde etwa ein Mann verurteilt, der wochenlang Opferstöcke im Kreis Erding geplündert haben soll. Allerdings war nur ein Schaden von 15 Euro nachzuweisen. Strafe: drei Monate Haft.

Pfarrer Kielbassa versucht, die Sache positiv zu sehen. „Schlimmer wäre es gewesen, wenn Figuren oder Bilder gestohlen worden wären“, sagt er. Laut Polizei passiert das aber nur selten. Vielleicht hält man in Kirchen-Kreisen deswegen nur wenig von Videokameras oder zugesperrten Gotteshäusern.

Dass dennoch mitunter der Eindruck entsteht, Einbrecher und Diebe suchten sich besonders oft Kirchen, Synagogen oder Moscheen als Ziel aus, liege daran, dass es keine „alltägliche Tatorte“ seien und daher gezielt darüber berichtet werde, sagt ein Kriminalpolizist: „Für die meisten Menschen ist das ein Tabu: Aus religiösen Gebäuden klaut man schon dreimal nichts.

von Marcus Mäckler und Daniel Staffen-Quandt

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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