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Endlich ankommen: Die Teilnehmer im Integrationskurs kommen aus aller Welt. Nicht alle sind geflüchtet. Weldemichael (2.v.l.) aus Eritrea und Jahoer Krit Bibo (3.v.l.) aus dem Irak haben sich in der Sprachschule kennengelernt.

Ein Besuch im Integrationskurs

Deutschland in 700 Schulstunden

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Tausende Menschen nehmen jedes Jahr in Bayern an einem Integrationskurs teil. Nicht alle sind hierher geflüchtet oder erst seit Kurzem in Deutschland. Eines haben sie alle aber gemeinsam: Sie wollen sich nicht mehr fremd fühlen.

München– Die Fettnäpfchen lauern überall. Besonders am Esstisch. Deshalb machen sich alle Kursteilnehmer aufmerksam Notizen, als Wanda Theobald erklärt, was in Deutschland ein geeignetes Gastgeschenk bei Essenseinladungen ist. Was überkreuztes Besteck auf dem Teller bedeutet. Oder wie oft man bei Tisch mit den Getränken anstößt. Sie schreibt den Namen des deutschen Tischsitten-Meisters an die Tafel: Knigge. Ein Name, den die Menschen, die hier im Integrationskurs der InitiativGruppe in München sitzen, gerade das erste Mal hören.

Sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben den Großteil ihres Lebens nicht in Deutschland verbracht. Einige sind aus ihrer Heimat geflüchtet und erst seit Kurzem in Bayern. Andere kamen aus beruflichen oder familiären Gründen schon vor Jahren in den Freistaat. Zu hundert Prozent hier angekommen sind sie noch nicht – dabei soll ihnen der Kurs helfen. Und Wanda Theobald oder ihr Kollege Aristidis Koultsiakis. Sie erklären nicht nur deutsche Grammatik und Redewendungen – sondern auch Sitten, Traditionen und Werte.

Beim Grammatiklernen helfen den Migranten die Übungen im Buch. Das Kursziel ist das Sprachniveau B1.

Weldemichael macht sich jede Stunde viele Notizen. Er ist 21 und vor drei Jahren aus Eritrea nach Deutschland geflüchtet. Sein Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen, an dem Integrationskurs darf er aber teilnehmen. Eritrea gehört neben Syrien, dem Irak, dem Iran und Somalia zu den fünf Ländern mit guter Bleibeperspektive. Seit Ende Oktober 2015 dürfen auch Flüchtlinge aus diesen Ländern an den Integrationskursen teilnehmen. Zuvor waren sie ausschließlich für Migranten und anerkannte Flüchtlinge geöffnet. Für Weldemichael bedeutet der Kurs Zukunft. „Ich wünsche mir eine Arbeitsstelle und eine Wohnung“, sagt er. Noch ist sein Deutsch nicht perfekt, aber er arbeitet daran. Jede Woche verbringt er vier Abende im Kurs. „Ich komme gerne hierher“, sagt er. Weil er spürt, dass er seinem Ziel endlich näher kommt nach den vielen Monaten des gezwungenen Abwartens.

Bei Jahoer Krit Bibo ist es genau andersrum. Der 32-jährige Iraker ist mit seiner Familie schon vor zwölf Jahren nach Deutschland gekommen. Er hatte all die Jahre immer Arbeit. Wegen gesundheitlicher Probleme kann er gerade nicht arbeiten. Trotzdem will er die Zeit sinnvoll nutzen. Deshalb macht er den Integrationskurs. „Ich will noch besser Deutsch können“, sagt er. Sein Ziel: das Sprachniveau B1.

Es geht um Worte und Werte - und vor allem ums Ankommen

Vergangenes Jahr haben bundesweit mehr als 340 000 Menschen an einem Integrationskurs teilgenommen. Rund 60 Prozent von ihnen haben nach den 600 Unterrichtseinheiten im Test das Lernziel B1 erreicht, 33 Prozent das Sprachniveau A2. Die Prüfung nach den hundert Orientierungskurs-Stunden haben fast alle Teilnehmer bestanden. Die Fragen sind nicht schwierig für Menschen, die schon lange in Deutschland leben. Aber für viele Asylbewerber klingen deutsche Bräuche wie das Eier-Bemalen zu Ostern oder Verkleiden im Fasching gleichermaßen absurd. Sie müssen die richtigen Antworten auf Fragen zu Politik, Kultur und Lebensweise in Deutschland aus dem Buch lernen. Oder gemeinsam mit Wanda Theobald im Kurs. Die 31-Jährige erzählt viele Anekdoten, während sie sich Abend für Abend mit ihren Kursteilnehmern von Lektion zu Lektion voran arbeitet. Zum Beispiel von deutscher Musik oder Bayerns Delikatessen. Einige ihrer Schüler haben einen langen Arbeitstag hinter sich, wenn sie abends in die Schule der InitiativGruppe kommen. Es gehört viel Disziplin und Ehrgeiz dazu, in einem fremden Land anzukommen.

Mit vielen Anekdoten erklärt Wanda Theobald ihren Kursteilnehmern die deutschen Bräuche und Sitten.

Ein bisschen ist es , als würde die ganze Welt zusammenkommen in dem Kursraum der Sprachschule. Wanda Theobald hat sich mit ihren Schülern Rituale überlegt. Zum Beispiel gibt es einmal pro Woche ein Referat über ein Land, in dem einer der Kursteilnehmer gelebt hat. Auch nach vielen Wochen Unterricht sind ihnen die Länder noch nicht ausgegangen.

Heute ist Zoi Tochmakidou dran. Sie ist 56, Griechin, lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Deutschland, spricht vier Sprachen. Zum Deutschlernen hat sie erst jetzt richtig Zeit, seit ihre Kinder erwachsen sind. Ihr Referat hält sie über Georgien – dort hat sie 30 Jahre gelebt, bevor ihre Familie auswanderte. Wenn sie anfängt, von Georgien zu erzählen, ist sie kaum zu bremsen. Trotz Sprachschwierigkeiten. Es ist ganz offensichtlich, wie sehr sie das Land vermisst. „Eine Heimat kann nur ein Land sein“, sagt sie. Einige nicken. Das ist etwas, das alle hier im Kursraum verstehen – trotz ihrer unterschiedlichen Lebensgeschichten. Bücher und Schulstunden können aus einem fremden Land keine Heimat machen. Aber aus der Fremde ein Zuhause. Diesem Ziel kommen sie gemeinsam Woche für Woche ein Stück näher.

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