Traudl Pfleger bei einer Demonstration. foto: Wittenzellner

Die Telekom und der Pendel-Wahnsinn

Augburg/Traunstein - Weil die Deutsche Telekom zahlreiche Außenstellen schließen wird, sollen 800 Mitarbeiter künftig in großen Service-Zentren arbeiten - obwohl diese hunderte Kilometer weit weg sind.

Traudl Pfleger lebt in Obing, ihr Arbeitsplatz ist im nahen Traunstein. Schon bald soll die 53-jährige Telekom-Angestellte aber einen deutlich längeren Anfahrtsweg auf sich nehmen - sie soll nach Augsburg pendeln. Der Grund: Ihr Arbeitgeber strukturiert den Geschäftskunden- und den IT-Bereich um. Das Unternehmen spricht von „Anpassung der unzeitgemäßen, kleinteiligen Flächenstruktur“. Das bedeutet, dass über 100 Außenstellen und Büros geschlossen werden, unter anderem in Traunstein, Rosenheim und München. In den großen Städten werden dafür Vertriebs- und Service-Zentren ausgebaut. In Bayern sind etwa 800 Mitarbeiter von den Schließungen betroffen. Sie alle sollen künftig nach Nürnberg, Augsburg oder Regensburg pendeln. Insgesamt arbeiten für diese Geschäftsbereiche 1350 Bayern.

Für Traudl Pfleger, die seit 1976 bei der Telekom in Traunstein angestellt ist, wäre das eine Katastrophe. Sie stammt ursprünglich aus dem Raum Augsburg. Doch Anfang der 70er Jahre zog sie nach Obing, aus Liebe. Mit ihrem Mann baute sie ein Haus, zog eine Tochter groß, fand Freunde. Die 53-Jährige lebt gerne in Oberbayern, sie mag die Berge, die Seen - und sie will keinesfalls wegziehen. Pendeln kommt auch nicht in Frage: Laut Routenplaner bräuchte sie für die einfache Strecke (etwa 200 Kilometer) knapp zwei Stunden. Möglicher Stau um München herum noch nicht eingerechnet. Bei dieser Fahrtzeit wäre die Obingerin fast länger im Auto als am Arbeitsplatz. „Das ist doch Wahnsinn“, sagt sie. Auf dem Arbeitsmarkt rechnet sich die 53-Jährige kaum Chancen aus - sie hat keinen Ausbildungsberuf gelernt. Weil ihr Mann vor Jahren krank wurde und seither berufsunfähig ist, ist Pfleger Alleinverdienerin: „Ich muss arbeiten“, sagt sie.

Zahlreiche Menschen wie Traudl Pfleger haben in den vergangenen Wochen an ihren Arbeitsplätzen demonstriert - oder sich an den Augsburger Diakon Erwin Helmer gewandt. Er arbeitet für die Katholische Betriebsseelsorge in Bayern. Helmer befürchtet einen Personalabbau bei der Telekom und verschickte gestern einen Brief an Rene Obermann, den Vorstandsvorsitzenden. Darin teilt der Geistliche dem Konzernchef die Sorgen der Beschäftigten mit. „Ich kann nicht 300 Kilometer hin und zurück in die Arbeit fahren. Ich habe Familie, habe Kinder“, zitiert Helmer einen Betroffenen. Wo bleibe da die vielbeschworene Familienfreundlichkeit der Telekom, fragt der Betriebsseelsorger. Helmer berichtet auch, dass von der Umstrukturierung viele weibliche Teilzeitkräfte, Alleinerziehende und Schwerbehinderte einen Nachteil haben. „Die trifft’s am härtesten“, schreibt er. Helmer bittet Obermann, die Maßnahmen zu überdenken. Mit den Beschäftigten und den Betriebsräten soll eine menschenfreundliche Lösung gefunden werden. Offiziell ist von Personalabbau nicht die Rede. „Wir lassen unsere Mitarbeiter nicht im Regen stehen“, sagt Sprecher Udo Harbers auf Anfrage. Falls jemand nicht umziehen oder pendeln könne, würde man eine Lösung finden. Bei Telekom-Mitarbeitern wie Traudl Pfleger herrscht aber große Angst. Sie alle hoffen, dass der Protest seine Wirkung zeigt - und ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt.

Carina Lechner

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