Trügerisches Design: In einer bunten Verpackung stecken zwei Pillen der Droge

Mann rammte sich im Rausch Messer ins Herz

"Badesalz": Teuflischer Trip mit neuer Droge

München - Der Name klingt harmlos, doch die Wirkung ist verheerend: "Badesalz" heißt eine neue Designer-Droge, die auch in Bayern immer öfter konsumiert wird.

Sie liegt auf der Couch, hat seit Tagen nicht geschlafen, nicht geduscht, nicht gegessen. Und sie ist sich sicher: Da sind fremde Menschen in ihrer Wohnung. Die sie bestehlen. Die sie verletzen, ja töten werden. Tanja (Name geändert) kann die unheimlichen Gestalten nicht sehen, aber sie fühlt: Da ist jemand. Sie fürchtet um ihr Leben. Als sie auch ihrem Freund nicht mehr traut, sagt der: „Du musst nach Haar.“ Und ruft den Notarzt. Diagnose: Psychose nach Konsum von Badesalz. Badesalz?

Einige Wochen später sitzt Tanja auf Station 12/2B des Isar-Amper-Klinikums Haar, Kompetenzzentrum Sucht . Und spricht von ihrer Angst. Wie die Paranoia sie gequält hat in den ersten Tagen der Entgiftung. Wie sie die Ärzte und Schwestern fürchtete. Tanja, 40, eine dünne Frau mit dunklen, traurigen Augen, antwortet knapp, wirkt fahrig, als ob sie gerade von einem unruhigen Schlaf aufgewacht wäre. Müde sagt sie: „Langsam geht’s wieder.“ So langsam verfliegt der Albtraum, in den sie das Badesalz gejagt hat.

Ein Mann rammte sich im Rausch ein Messer ins Herz

Badesalz, so heißt eine neue Droge, die den Ärzten und der Polizei im Raum München zunehmend Sorgen bereitet. Was nach harmloser Entspannung klingt, ist in Wahrheit eine teuflische Substanz, die süchtig macht wie keine andere. Tanja nahm lange Drogen, auch harte, vor allem Heroin. Aber sie sagt: „So heftig wie Badesalz ist nichts.“ Dann lacht sie bitter.

Badesalz besteht aus Mephedron, einem Aufputscher. Hunderte Händler verticken das Zeug im Internet, als Pulver oder Pillen. Der Stoff wird geschnupft, geraucht oder gespritzt. Man ist danach wie auf Kokain oder Speed. Was die Substanzen mit Körper und Gehirn anstellen, wissen die Suchtmediziner nicht. Aber sie kennen die Horror-Schicksale der Konsumenten.

Ein Münchner Zollermittler vor beschlagnahmten Mephedron-Tabletten

In München sprang ein 14-Jähriger im Badesalz-Rausch neun Meter in die Tiefe, er knallte auf Beton. Der Bub überlebte schwerverletzt. Ein 36-jähriger Münchner rammte sich im Badesalz-Rausch ein Messer ins Herz – und starb. Andere greifen im Verfolgungswahn Menschen auf der Straße an – nicht nur in der Großstadt, sondern in ganz Bayern. Statistiken gibt es nicht, weder über die Szene noch über Todesfälle. Bernd Kreuzer, Chef des Rauschgiftdezernats im Landeskriminalamt, sagt aber: „Die Dunkelziffer ist hoch.“

Auch die Suchtmediziner sind ratlos. „Wir sind davon völlig überrollt“, sagt Professor Felix Tretter, Chef der Sucht-Abteilung in Haar, wo Tanja Patientin ist, und einer der besten Spezialisten Europas. Als Student hatte er im San Francisco der 1970er-Jahre gesehen, wie junge Menschen mit einer Drogenpsychose ins Wasser gingen und fast starben. Seither arbeitet er mit Suchtkranken. Er ist Doktor der Medizin, Doktor der Psychologie, Doktor der Soziologie. Über Sucht weiß er alles. Eigentlich. Aber jetzt kämpft er gegen einen neuen Feind: Badesalz.

"Einmaliges Aroma": Händler tun so, als sei das Zeug harmlos

Immer mehr Patienten mit Psychosen kommen zu ihm in die Abteilung, Badesalz wird zum Problem, sagt er. Seit Ende 2011 steigt die Zahl der Einlieferungen massiv an, zwei bis drei Patienten mit Psychose pro Woche treffen im Durchschnitt ein, an manchen Tagen sind es fünf binnen weniger Stunden. Manche sind wie Tanja seit vielen Jahren drogenabhängig und nehmen Badesalz, weil es wenig kostet und einfach zu beschaffen ist – sie suchen den billigen Kick.

Andere Konsumenten, meist junge, haben keine Erfahrung mit Drogen, wollen was ausprobieren – und landen manchmal schon nach der ersten Badesalz-Dosis in der Notaufnahme. Sie haben Halluzinationen, Herzrasen, Muskelzuckungen, ihr Gesicht verkrampft sich, sie zappeln, heulen, schreien. Innerhalb weniger Minuten schwanken sie zwischen Erregung und Rückzug, Lachen und Aggression. Sie sind völlig ausgepumpt, haben wochenlang nur an die Droge gedacht. Für andere Dinge war kein Platz in ihrem Kopf.

Auch bei Tanja war das so. Seitdem sie vor einem guten halben Jahr das kristalline Pulver das erste Mal in einem kleinen Löffel mit Wasser auflöste, erhitzte und in ihre Venen spritzte, hat sie zehn Kilo abgenommen. „Du denkst einfach nicht mehr ans Essen“, sagt sie und klemmt ihre Hände zwischen die mageren Oberschenkel.

Draußen scheint die Sonne, es ist der erste warme Tag in diesem Frühling. Würde Tanja aus dem Fenster schauen, könnte sie andere Patienten sehen, die auf den Gartenbänken dösen. Aber sie sieht nicht raus – vor dem Draußen hat sie Angst. Draußen lauert die Versuchung, die Droge, der Rückfall. Deshalb sitzt Tanja hier im stickig-warmen Raum, trägt Wollsocken und zieht verfroren die Schultern nach oben. Ein paar Tage will sie noch bleiben, dann sucht sie sich einen Therapieplatz. „Ich hab keine Lust mehr auf das Zeug.“

Das Schlimme ist: Das „Zeug“ ist ganz legal zu haben, im Internet. Dubiose Händler bieten dort die aufputschende Droge feil, dazu Räuchermischungen, die berauschen wie Cannabis. Um sich abzusichern, drucken sie auf jede Packung den Hinweis: „Nicht für den Verzehr geeignet.“ Die Händler brüsten sich sogar damit, dass die Produkte mit den harmlosen Namen „frei von illegalen Zusätzen“ seien. Für Stammkunden gibt es Rabatt.

Sie tun so, als ginge es gar nicht um Drogen. Auf einer Website wird irreführend geworben: „Sie möchten den Abend entspannt ausklingen lassen? Lassen Sie sich warmes Badewasser ein und geben Sie unser Badesalz hinzu. Das Aroma ist einmalig und verleiht Ihnen euphorische Gefühle. Das neu entwickelte Badesalz übertrifft seinen Vorgänger um Längen und ist die ideale Bademischung für einen erholsamen Abend.“

Spätestens beim Preis, etwa 25 Euro pro Gramm, wird klar: Hier geht es nicht um herkömmlichen Badezusatz. Sondern um einen teuflischen Mix. Um Chemikalien, die die Hersteller in ihren Giftküchen panschen. Sie kommen meist aus China – es sind sogenannte „Research Chemicals“, oft Abfallprodukte aus den Laboren der Pharma-Industrie.

Doch warum verbietet der Gesetzgeber diese Drogen nicht einfach? „Das ist sehr komplex“, sagt eine Sprecherin der Bundesdrogenbeauftragten Mechthild Dyckmans. Das Betäubungsmittelgesetz verbietet nur konkret benannte Stoffe – wird die Substanz auch nur ein bisschen verändert, greift es nicht mehr. Und genau das nützen die Hersteller aus. Die Jagd nach den illegalen Laboren wird zum Katz-und-Maus-Spiel: Sobald eine Verbindung verboten wird, tauchen zig neue auf. Mehrere Bundesministerien prüfen derzeit, ob es nicht doch möglich ist, ganze Stoffgruppen zu verbieten – 2011 hatte Dyckmans das schon vorgeschlagen. Doch seither hat sich nichts getan. Lediglich das Arzneimittelgesetz greift.

So kommt es, dass die „psychoaktiven Substanzen“ zwar verbotenen Drogen ähneln – und eben doch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Um den Händlern auf die Spur zu kommen, bestellen die Ermittler vom Landeskriminalamt die Drogen im Netz. So erfahren sie mehr über den Stoff. Labor-Proben zeigen, wie unkalkulierbar das Risiko für Konsumenten ist: Sogar unter ein und demselben Produktnamen werden völlig unterschiedliche Zusammensetzungen verkauft. Der Konsument – ein Versuchskaninchen.

Nun können schon Drogen, deren Wirkstoffe man kennt, verheerend sein. „Das menschliche Gehirn“, sagt Tretter, „funktioniert wie ein Mobile, es ist sehr filigran.“ Hier ein Teil, dort ein Teil – Tretters Hände wandern durch die Luft. Der Konsum von Drogen stört das Gleichgewicht, erheblich sogar. Und Badesalz ist völlig unberechenbar.

„Legal Highs“, legale Drogen – unter dem Begriff wird Badesalz gehandelt. Das vermittelt dem Konsumenten: Hier ist alles in Ordnung. Tretter verdreht die Augen. Nichts ist in Ordnung: „Diese neuen Drogen überfordern uns“, sagt er – er betont jedes Wort mit einem Nicken.

 

Lebensbedrohliches Ratespiel in den Notaufnahmen

Das Teufelszeug überschwemmt ganz Europa. Das zeigen auch nackte Zahlen. In Portugal sitzt die Drogenbeobachtungsstelle der Europäischen Union, eine Art Frühwarnsystem. Dort legen sie eine Datenbank mit neuen psychoaktiven Substanzen an. In den Jahren 2005 bis 2012 wurden 165 registriert. Jetzt kommen sie kaum noch hinterher: Allein bis März sind schon 40 neue Drogen identifiziert worden. Und viele, die auf dem Markt sind, kennt man noch gar nicht.

Das treibt auch die Ärzte in den Notaufnahmen in die Verzweiflung. Die Patienten, die eingeliefert werden, können oft nicht einmal mehr sprechen. Und wenn, dann sagen sie: „Ich habe Badesalz genommen.“ Doch in welcher Dosis? Welche Substanzen haben ihren Körper vergiftet? Wie wirken sie in Kombination mit anderen Drogen? Mit Alkohol? Wie müssen die Patienten behandelt werden? Ein lebensbedrohliches Ratespiel. Denn die normalen Drogentests schlagen bei vielen der neuen Substanzen gar nicht an. Viele Notfälle, die in der Ambulanz von Tretter ankommen, müssen direkt in die geschlossene Psychiatrie. Doch viele gehen freiwillig in die Suchtambulanz, um ihren Körper zu entgiften. Nur: Weil der Suchtdruck riesig ist, hauen manche nach kurzer Zeit schon wieder ab.

Patientin Tanja ist schon zum dritten Mal in der Sucht-ambulanz. Als sie das letzte Mal hier war, brach sie nach fünf Tagen ab. „Ich war nicht stark genug“, sagt sie leise, als ob sie sich schämte. Sie zögert. Dann erzählt sie, wie sie mit dem Aufzug zwei Stockwerke nach unten zum Ausgang fuhr. Wie sie durch die Tür nach draußen trat, in den Bus stieg, die S-Bahn nach Hause nahm. Wie sie in ihrer Wohnung sofort zum Telefon griff, einen Freund anrief und sagte: „Besorg mir Badesalz.“ Zwei Stunden später brachte er das Päckchen – und Tanja war wieder im Delirium. „Das Zeug ist so einfach zu haben“, sagt sie.

 

Viele Eltern wissen nicht, was ihre Kinder im Internet machen

Tretter sagt, dass deshalb auch Menschen ohne Drogenerfahrung stark gefährdet sind. „Die Nachfrage ist da, die jungen Menschen sind neugierig“, sagt er. Es klingt nicht vorwurfsvoll, sondern wie eine nüchterne Diagnose. Tretter sagt, für die „Legal Highs“ müssten Jugendliche keinen Dealer in der kriminelle Szene suchen: Die Drogen bringt der Postbote. Die Infos zum Konsum bekommen sie im Internet: Das Netz ist voller ausführlicher Erfahrungsberichte – viele verherrlichen den Kick. Konsumenten mit Phantasienamen schreiben: „Ich fühlte mich, als ob ich mit jedem Zug Energie/Euphorie einsauge, wirklich geil.“ Andere beschreiben, wie die Droge sie kaputtmacht: „Ich kann jedenfalls von diesem Badesalz nur schärfstens abraten...hab ne furchtbare Nacht hinter mir! Übelkeit, Herzbeschwerden und schlimmere psychische Symptome, als ich’s je bei Koka oder jeder Art von Chemie erlebt habe!“

Tretter weiß, dass es eine Gratwanderung ist, die Öffentlichkeit zu alarmieren: So werden die neuen Drogen noch bekannter. Vor einigen Jahren beobachteten die Experten eine richtige Missbrauchswelle, als sich Berichte über die – inzwischen verbotene – Räuchermischung „Spice“ häuften. Doch Tretter weiß: Man muss die Eltern sensibilisieren – denn viele wissen nicht, was ihre Kinder im Internet treiben.

Im Besucherzimmer rutscht Tanja inzwischen auf ihrem Sessel hin und her, das Gespräch strengt sie an. Ein paar Tage hat sie noch auf der Station, im geschützten Raum, dann zahlt die Kasse nicht mehr. Dann muss sie raus. Tanja will in eine Therapie in einer Wohngruppe, Wartezeit zwei bis drei Monate. „Ich brauche den Platz“, sagt sie, „ich hab sonst nichts mehr.“ Ihre Wohnung hat sie verloren, ihre Schränke haben Drogen-Freunde geplündert.

Nur noch ein paar Erinnerungsstücke wird sie in ihr neues Leben retten, darunter die alten Schallplatten von ihrem Vater, der schon lange tot ist. Tanja will kein Badesalz mehr nehmen. „Man denkt, man verkraftet die Drogen besser als die anderen“, sagt Tanja und lächelt sanft. Manche denken das auch dann noch, wenn der Albtraum schon begonnen hat.

Carina Lechner

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