Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Am Sonntag ist Welt-Down Syndrom-Tag

Theo, der Sohn meines Glücks - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Letzte Woche rief er an. Temperamentvoll ließ er eine Wortkaskade los. Ich verstand, dass er mir alles Gute wünscht, mich gerne mag, bald besuchen will und viele Küsschen schickt.

Theo Benjamin war das. Wörtlich „das Gottesgeschenk“, „Sohn meines Glücks“. Er ist das Kind einer Freundin. Theo wird demnächst zehn Jahre alt, geht zur Schule und hat das Down-Syndrom. Er ist überall beliebt, vor allem, weil er ein Friedensstifter ist und ständig integrativ unterwegs. In seiner Gegenwart werden wilde Kerle wonnig. Noch bevor jemand zu weinen beginnt, spürt Theo schon die Trauer. Seine Empathie hilft anderen Kindern, ihren Schmerz besser zu bewältigen.

„Behinderte“ oder „behinderte Menschen“? Sprache definiert Menschen als Defizienzmodell

Morgen, am Sonntag, ist Welt-Down Syndrom-Tag. Rund sieben Millionen Menschen mit dieser genetischen Veränderung gibt es auf der Welt. Es werden immer weniger, weil neun von zehn Eltern ein Kind mit Trisomie 21 abtreiben lassen. Weltweit wird nur jedes 800. Kind mit Down Syndrom geboren. Die Frage nach einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft beginnt mit Sprache. „Behinderte“ oder „behinderte Menschen“? Als ob alles, was ein Kind, ein Mann, eine Frau ausmacht, allein die Behinderung wäre. Reduzierung auf Einschränkungen definiert einen Menschen als Defizienzmodell.

Umgekehrt überschlagen sich manche, um political correctness zu signalisieren. Was Menschen schaffen, tun sie demnach nicht einfach mit, sondern stets trotz oder wegen ihrer Behinderung heldenhaft, mit eiserner Disziplin… Es wird im erhöhten Ton bewusster Anerkennung davon gesprochen, dass jemand seine Behinderung eindrucksvoll meistert. Eltern, die ein nicht hörendes Kind haben, werden als Menschen beschrieben, deren „gesamte Hoffnungen“ zunichte gemacht wurden. Betont freundlich stellt man fest: Der Mensch mit Behinderung ist sogar humorig, sympathisch, geistreich. Wer hätte das gedacht!

Angeborene Genveränderungen sind, so sollte man das sehen, unterschiedliche Genprogramme, die für Menschen, die sie tragen, normal, wenn auch selten sind. Wie wäre es, wenn man nicht Defekte, sondern unterschiedliche genetische Normalitäten konstatieren würde? Ein Kind, das sich anders entfaltet als gewohnt, hat eigene Entwicklungschancen. Es kann bestens am sozialen Leben teilnehmen, auch wenn es nicht versteht, spricht und sich bewegt wie andere. Ich bin sehr glücklich, dass es Theo gibt. Er hängt zwar mehr an meinem Mann als mir – aber was kann man gegen echte Männerfreundschaft haben? Ziemlich beste Freunde sind einfach was Schönes.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

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