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Knapp 900 Meter tief in der Erde geht es nur mit dem Boot weiter. Bei zwei Grad Wassertemperatur ist Kentern nicht ungefährlich.

Die tiefste Höhle Deutschlands

Berchtesgaden - Jeder kleinste Winkel des Erdenrunds scheint erforscht, doch tief im Fels wartet noch immer das unentdeckte Land. Bergsteiger haben sich über einen Kilometer unter die Erde gewagt und Deutschlands längste Höhle gefunden.

Höhlenforscher gehen so gern unter die Erde, weil sie die Sonne so sehr lieben. Es ist dieser eine Moment, wenn sie nach einer sechstägigen Expedition endlich wieder zur Oberfläche gelangen, wenn das Licht in einem neuen Glanz erscheint, alle Gerüche intensiver sind, lebendiger. „Es ist, als werde man neu geboren“, versucht es Thomas Matthalm in Worte zu fassen. Doch vorher geht es bergab. Tief. Genau 1058 Meter – in Deutschlands tiefste und längste Höhle. Hinab zum „Riesending“.

Matthalm ist 33 Jahre alt, lebt in der Oberpfalz und ist einer der Bergsteiger, die die Schächte im Bauch des Untersbergs in den Berchtesgadener Alpen erforschen. Bei jeder Tour entdecken sie Neuland. Schritt für Schritt in eine Welt, die nie ein Mensch zuvor erblickt hat. „Die Raumfahrt des kleinen Mannes“, nennt es Andreas Wolf, ein Freund und Forscherkollege von Matthalm. Nach aktuellen Messungen ist das „Riesending“ knapp 13 Kilometer lang und über einen Kilometer tief. Rekord in Deutschland. „Nur eine Zahl“, sagt Wolf. Ein Zwischenstand – es gibt noch viel zu entdecken.

Die Forscher messen die Radon-Isotope in den weit verzweigten Schächten. So können sie das Volumen der Höhlenluft schätzen. Bislang, sagt Matthalm, ist erst ein Drittel des „Riesendings“ vermessen. Entdeckt wurde der Eingang zur Höhle bereits im Herbst 1996. „Was ist denn das für ein Riesending“, wunderten sich die Forscher. Der Name blieb haften.

Ein eisiger Bild pfeift aus dem Loch

Der Einstieg öffnet sich inmitten eines unübersichtlichen Plateaus des Untersbergs in 1843 Metern Höhe. Ein eisiger Wind pfeift aus dem Loch – ein erstes Indiz für die enormen Ausmaße der Höhle, die sich darunter verbirgt. Durch eine Engstelle gelangt man in einen 60-Meter-Schacht, der senkrecht in die Tiefe fällt. Und das ist nur der Anfang. Bald darauf folgen Schächte, in die der Turm des Ulmer Münsters passen würde – der höchste Kirchturm der Welt.

Trotz der Freude über die Rekord-Länge beim „Riesending“ sei man nicht auf Rekordjagd, betont Forschungsleiter Ulrich Meyer – das sei lediglich ein „Nebeneffekt“. Den Forschern geht es darum, die Bildung von Höhlen zu verstehen, dem Weg des Wassers zu folgen.

Als die Gebirge noch jung waren, sich gigantische Erdmassen durch tektonische Verschiebungen aufschichteten, entstanden in den Gesteinsmassiven Spalten. Entlang dieser Klüfte suchte sich das Wasser den Weg in die Tiefe und hinterließ Kathedralen aus Fels. Höhlen sind „Fallen für Sedimente“, erklärt Matthalm. Sie lassen Rückschlüsse zu auf Klimaentwicklung oder Eiszeiten.

Die Forschung unter Millionen Tonnen Fels ist ein Knochenjob. „Viele Höhlen muss man sich verdienen“, sagt Andreas Wolf, der sich vor allem im Hölloch im Allgäuer Mahdtal auskennt. Mit einer Länge von 10 773 Metern galt es bis vor kurzem als die längste Höhle Deutschlands. Ständige Kälte und Nässe, stundenlange Abstiege, die allgegenwärtige Gefahr von Steinschlag und Wassereinbruch – Wolf ist 42 Jahre alt, klettert seit er 16 ist und sagt: „An dem Tag, an dem ich keine Angst mehr habe, höre ich auf.“

Im Berg auf sich allein gestellt

So tief im Berg ist man auf sich allein gestellt. „Man spürt die Entfernung zur Oberfläche“, sagt Matthalm. „Hier will man keinen Unfall haben.“ Es ist gefährlich – und oft auch einsam. Weite Strecken bestreitet man allein. Viel Zeit zum Nachdenken. „Wir alle haben unsere Hochzeitsplanung in der Höhle gemacht“, sagt Matthalm und lacht. Er, Andi Wolf und die anderen Bergsteiger sind Freunde. Ihre Freundschaft ist ihre Lebensversicherung.

Wenn Matthalm wieder hinab steigt, verbringt er bis zu sieben Tage in der Tiefe. Sechs Lager haben die Forscher mittlerweile im „Riesending“ aufgebaut. Richtig trocken wird es aber auch in den Biwaks nie. Doch die Männer wissen: Wenn sie ausgelaugt und durchgefroren die Oberfläche erobern, werden sie wieder neu geboren.

Thomas Schmidt

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