Lernerfolg ist machbar, betonen die Autoren. Foto: dpa

Tipps, damit es in der Schule klappt

München - Ist Fernsehen schlecht? Brauchen Kinder mehr Disziplin? Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Adolf Timm erinnern zum Schuljahrsende an vernachlässigte Bildungs-Weisheiten.

Man muss nicht alles mögen, was Hurrelmann und Timm - Bildungswissenschaftler der eine, ehemaliger Schulleiter der andere - vorschlagen. Etwa ihr Plädoyer für ein „Zwei-Wege-Modell“ bei der Schulstruktur etwa, oder die Abschaffung des Übertritts nach der 4. Klasse. Anderes ist erwägenswert, weil die Autoren die oft schrillen Extrempositionen der Populärliteratur gegen den Strich lesen. Beispiele:

-Welcher Erziehungsstil?

Die Familie, nicht die Schule, ist der „Dreh- und Angelpunkt für die Erziehung der Kinder“. Aus dem sozialen Gefälle in Deutschlands erwachsen aber auch die Schwierigkeiten, die Schulen heute haben - bei der Einschulung gibt es Entwicklungs-Spannen von ein bis zwei Jahren. Hurrelmann und Timm schlagen zur Korrektur Elterntrainings vor. Dies solle Pflicht werden, etwa über eine Ausweitung der Bildungsgutscheine. Sie wollen - häufig vernachlässigt - auch Migranten-Eltern gewinnen. Weil diese oft Elternabende meiden (manchmal aus Nachlässigkeit, manchmal aus kulturell begründeter Scheu) sollte das Training hier in den Privatbereich verlegt werden, ähnlich wie bei Tupperware-Parties.

-TV als Bildungskiller?

„Vorsicht mit solchen pauschalen zivilisationskritischen Bewertungen“, warnt Hurrelmann. Man dürfe nicht nur auf die Problemgruppe spiel- oder fernsehsüchtiger Kinder sehen. TV kann eine „Bereicherung“ sein. „Kinder mit guter Bildung und starker Persönlichkeit sind durch die Medien nicht gefährdet, sondern werden durch sie gestärkt.“

-Brauchen Kinder mehr Disziplin?

Wenn man die Bestseller von Bernhard Bueb über „Disziplin“ oder von Martin Winterhoff über „Kinder als Tyrannen“ lese, dränge sich der Eindruck auf, sagt Adolf Timm. Die spektakuläre Rolle rückwärts zum autoritären Stil sollte aber skeptisch machen. Die Autoren raten zu einem Erziehungsstil der „liebevollen Konsequenz“. „Eine zugewandte Haltung zum Kind, mit persönlicher und anerkennender Note ausgestattet, gepaart mit einer übersichtlichen Strukturierung von Herausforderungen und Aufgaben für das Kind, einer guten Mischung von Anregung und Anleitung“, das ist Erziehung. Dazu gehören auch Sanktionen, wenn das Kind aus gemeinsamen Vereinbarungen ausbricht.

-Darf man ein Kind schon mit sechs Monaten in die Krippe geben?

Fabienne Becker-Stoll vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik hat in Kinderkrippen Zustände beschrieben, die sie als „nahe an der Kindeswohlgefährdung“ einschätzt. Das sind dann wohl die Bildungsverlierer von morgen, oder? Wieder so eine Extremmeinung. Dennoch: Keine Scheu vor einer „gemischten Betreuung“, sagen die Autoren. Die frühe Krippenbetreuung kann funktionieren, aber nur, wenn das Kind spürt, dass die Mutter mit Sicherheit zurückkommt und das wichtigste Liebesobjekt bleibt. Ist keine sichere Bindugn entstanden, wird jede Art von Trennung früher oder später vom Kind als Bedrohung empfunden - der Einschnitt ist dann auch für Zwei- oder Dreijährigen massiv.

-Was läuft im Kindergarten schief?

„Wir haben bislang den vorschulischen Bereich, die entwicklungsphase der Kinder zwischen null und sechs Jahren, sträflich vernachlässigt“ (Hurrelmann). Aber keine Verdammung der Kitas! Der Kindergarten sollte im letzten Jahr kostenlos und verpflichtend sein. Die pädagogische Arbeitsweise von Kindergarten und Schule müsse verbunden werden. Grundschulen sollten „Eingangsdiagnosen“ für die kommenden Erstklässler erstellen.

-Sollte das Sitzenbleiben abgeschafft werden?

Die Autoren lassen keinen Zweifel: „Pädagogisch untauglich“ sei das Sitzenbleiben. Das ist leicht gesagt. Wer das abschaffe, der müsse aber zu weitreichenden Änderungen bei der Lernorganisation bereit sein. Ihr Gedankenexperiment: „Den wirklichen Durchbruch werden wir nur erzielen, wenn wir die Fiktion aufgeben, eine altershomogene Lerngruppe sei auch atomatisch eine leistungshomogene. Kinder des gleichen biologischen Alters haben ... einen höchst unterschiedlichen Leistungsstand.“ Ihr Kompetenzstatus müsse erfasst, und Lerngruppen (statt Klassen) gebildet werden.

Dirk Walter

Das Buch

K. Hurrelmann/A. Timm: Kinder, Bildung, Zukunft. Drei Wege aus der Krise, Klett Verlag, 19,99 Euro

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