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Beantworteten die Fragen der Leser: Jürgen Zühl (v. li.) und Eva-Maria Lutz vom Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt sowie die Infektions-Mediziner Professor Clemens-Martin Wendtner und Dr. Wolfgang Guggemos vom Klinikum Schwabing in München.

Tipps von Experten: Wie schütze ich mich vor EHEC?

München - Seit dem EHEC-Ausbruch in Norddeutschland sind die Verbraucher verunsichert. Viele fragen sich, wie sie sich schützen und was sie noch gefahrlos essen können. Bei der Merkur-Telefonsprechstunde konnten Experten viele Probleme klären.

Die Aktion fand in Zusammenarbeit mit dem Städtischen Klinikum München und dem Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt statt.

-Leser: Wenn ich Gurken kaufe, die verseucht sind: Sterben die Bakterien, etwa im Kühlschrank, nach einiger Zeit ab?

Eva-Maria Lutz: Davon kann man leider nicht ausgehen. Forscher haben einen Test gemacht: Sie setzten Kolibakterien, zu denen auch die EHEC-Erreger gehören, in die Exkremente von Hühnern. Auch nach drei Monaten waren die Keime noch am Leben. Man muss also davon ausgehen, dass sie noch leben, wenn die Gurken längst verdorben sind.

-Leser: Ich esse gerne Erdbeeren und pflücke diese oft selbst vom Feld. Kann ich jetzt überhaupt noch Erdbeeren essen?

Dr. Wolfgang Guggemos: Erdbeeren können Sie auch weiterhin essen. Die Befragungen von EHEC-Patienten deuten darauf hin, dass diese nicht als Infektionsquelle in Betracht kommen. Nach derzeitigem Wissensstand kann man also davon ausgehen, dass von diesen Früchten keine Gefahr ausgeht.

Stammt der EHEC-Erreger aus diesem Bauernhof?

Stammt der EHEC-Erreger aus diesem Bauernhof?

-Man hört, dass man Gurken und Tomaten besonders gut waschen sollte. Wie steht es denn mit anderen Gemüsesorten, etwa Kohlrabi? Was ist mit Tiefkühlware und Obst?

Prof. Clemens Wendtner: Leider wissen wir noch nicht, welche Nahrungsmittel die Infektionsquelle waren. Generell ist der Verzehr von Supermarkt-Ware kritischer zu sehen als Gemüse vom Bauern nebenan oder gar aus dem eigenen Garten. Gekochtes Gemüse können Sie bedenkenlos essen. Das gilt auch für gekochte Tiefkühlware. Allerdings wird vermutet, dass die EHEC-Infektionen von frischem Gemüse ausgegangen sind. Doch beachten Sie: Einfrieren tötet die EHEC-Erreger nicht ab! Für Obst als Infektionsquelle gibt es keine Hinweise. Doch sollten Sie es stets gut waschen.

-Leser: Reicht es, das Gemüse zu waschen, oder sollte man es kochen?

Jürgen Zühl: Waschen verringert die Keimzahl auf dem Gemüse. Reiben Sie es dabei gut ab. Dies sollte zur üblichen Küchenhygiene gehören. Der Effekt erhöht sich, wenn Sie sich nach dem Waschen des Gemüses noch mal die Hände waschen, das Gemüse schälen und erneut waschen. Ein EHEC-Risiko besteht nach derzeitigem Wissen vor allem für Tomaten, Blattsalate und Gurken, die in Norddeutschland vertrieben werden. Wenn Sie aber auf Nummer sicher gehen wollen, sollten sie Gemüse nicht roh verzehren. Das Erhitzen von Speisen für mehrere Minuten auf 70 Grad tötet Bakterien zuverlässig ab.

-Leser: Sitzen die Erreger nur auf der Oberfläche oder auch im Gemüse?

Lutz: Leider kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Bakterien nur auf der Oberfläche sitzen. Vor allem bei kleinen Rissen und Verletzungen der Schale können sie eindringen. Schälen schützt also nicht völlig.

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

-Leserin: Wie gefährlich ist EHEC für Schwangere?

Prof. Wendtner: Wir haben in Schwabing erst eine schwangere EHEC-Patientin behandelt. Sie hat sich inzwischen erholt und das Kind hat auch keinen Schaden genommen. Doch können Sie sich vor EHEC schützen, wenn Sie auf bestimmte Lebensmittel verzichten und Ihre Hände stets gut waschen. Als Schwangere sollten Sie sowieso auf rohes Fleisch und Rohmilchkäse wegen einer möglichen Listerieninfektion verzichten.

-Leserin: Ich habe letzte Woche Radieschen gegessen. Könnte ich noch erkranken?

Lutz: Möglich wäre es - allerdings nur theoretisch. Denn es gibt momentan keine Hinweise, dass Radieschen die Ursache für die Erkrankung sind. Meist dauert es drei bis vier Tage, bis eine Infektion mit EHEC zu Beschwerden führt. Doch kann die Inkubationszeit in Einzelfällen zehn bis 14 Tage betragen.

-Ich habe nächste Woche eine Reise nach Hamburg geplant. Sollte ich die Reise nun lieber absagen?

Prof. Wendtner: Das kommt darauf an, wie Sie sich in Hamburg ernähren und verhalten. An der Salatbar im Hotel sollten Sie sich lieber nicht bedienen - falls eine solche überhaupt noch angeboten wird. Denn die Gastronomen in Norddeutschland sind sehr sensibilisiert. Mich würde es wundern, wenn Sie dort noch eine Gurke serviert bekommen. Außerdem sollten Sie bei der Benutzung öffentlicher Toiletten besonders auf Hygiene achten. Das heißt auf jeden Fall, Ihre Hände anschließend gründlich mit Seife und warmen Wasser waschen. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, können Sie auch Alkohol oder Desinfektionsspray mitnehmen. Wenn Sie zudem auf rohes Gemüse verzichten, steht der Reise nichts im Wege.

-Leserin: Wir fahren in die Türkei. Muss ich dort Angst vor EHEC haben?

Lutz: Es ist nicht bekannt, dass sich dort Menschen mit dem grassierenden EHEC-Erreger infiziert hätten. Doch sollten sie dort rohes Gemüse aus anderen Gründen meiden. Es gibt eine Vielzahl von Erregern, die Durchfall-Erkrankungen auslösen und durch Lebensmittel übertragen werden können. Man spricht auch von Reisedurchfall. Denn die Erreger sind in südlichen Ländern wesentlich häufiger. Auch mit dem Hepatitis-A-Virus kann man sich durch infizierte Nahrung anstecken. Daher sollten Sie sich vor der Reise durch eine Impfung schützen.

-Leser: Helfen bei einer EHEC-Infektion Kohletabletten oder andere Mittel gegen Durchfall?

Dr. Guggemos: Kohletabletten können zwar Toxine binden, also die Giftstoffe, welche die EHEC-Bakterien bilden. Doch bleibt der mit Keimen und Toxinen belastete Stuhl durch die Tabletten länger im Darm. Das gleiche gilt für andere, freiverkäufliche Durchfallmittel. Sie hemmen die Peristaltik des Darms, der quasi gelähmt wird. Man sollte also auf keinen Fall versuchen, sich mit Kohletabletten oder anderen Mitteln selbst zu behandeln, sondern besonders bei blutigem Durchfall zum Arzt gehen.

-Ich habe gehört, dass sich der EHEC-Erreger in Gülle befindet und das Gemüse dadurch verseucht wird. Die Bauern behaupten, dass sie Gülle gar nicht zum Düngen verwenden.

Zühl: Es stimmt zwar, dass in Gülle EHEC-Erreger enthalten sein können. Doch nicht in jeder Gülle. Bei Schweinen gibt es kaum EHEC-Erreger. Betroffen ist vor allem die Gülle der Rinder, daneben Ausscheidungen von Ziegen und Schafen. Es stimmt aber auch, dass Bauern diese nicht verwenden, wenn gerade Gemüse angebaut wird. Es ist zwar möglich, dass EHEC-Erreger nach einer Gülle-Düngung oder auf Weideflächen im Boden länger überleben und Gemüse, das dort später angebaut wird, kontaminiert wird. Üblicherweise wird dies aber durch Einhaltung einer Wartezeit verhindert.

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