Stadtzentrum und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Tirschenreuth
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In Tirschenreuth ist die Inzidenz so niedrig wie nirgendwo sonst in Bayern.

Hohe Infektionszahlen als Vorteil?

Ehemaliger Bundes-Hotspot in Bayern überrascht jetzt mit niedrigster Inzidenz - Landrat liefert Erklärung

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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Vergangenes Jahr noch Bundes-Hotspot, hat Tirschenreuth nun den niedrigsten Inzidenzwert Bayerns. Die hohen Infektionszahlen von damals könnten jetzt ein Vorteil sein.

Tirschenreuth – Dass sich die Zeiten geändert haben, merkt Landrat Roland Grillmeier (CSU) manchmal schon, wenn er morgens den Computer anschaltet. In seinem Postfach gibt es viele erfreuliche E-Mails von Bürgern, die ihm für das gute Pandemie*-Management danken. „Bei Facebook habe ich innerhalb von einer Woche 100 Freundschaftsanfragen bekommen“, erzählt er. Die Stimmung war in seinem Landkreis Tirschenreuth nicht immer so gut. „Es ist noch nicht lange her, dass ich viel Kritik für die hohen Inzidenzwerte kassiert habe“, erzählt er. Im Februar war das, Tirschenreuth hatte damals mit 380 die bundesweit höchste 7-Tage-Inzidenz*. „Damals wurde mir oft gesagt, dass ich alles falsch mache“, erinnert sich Grillmeier.

Seit einigen Tagen liegt Tirschenreuth deutlich unter einer Inzidenz von 100, aktuell bei 75. Die Region ist auf der Corona-Landkarte der einzige helle Fleck in Nordbayern. Die rund 4500 Kinder im Landkreis werden nicht mehr per Homeschooling unterrichtet, sondern dürfen wieder in die Schulen. Einkaufen ist mit Terminabsprache möglich. Und sollte es bei den niedrigen Zahlen bleiben, will Grillmeier prüfen, in welchem Umfang auch Außengastronomie wieder möglich wäre. Er ist vorsichtig optimistisch. Andererseits beobachtet er die Zahlen nun lange genug, um zu wissen, wie schnell die Situation wieder umschlagen könnte. „In einem kleinen Landkreis braucht man nur einen großen Ausbruch in einer Schule oder in einem Unternehmen und die Inzidenz steigt schnell wieder um 60 oder 70 Punkte“, betont er. Deshalb will er nichts überstürzen.

Ehemaliger Corona-Hotspot Tirschenreuth: „Impfquote liegt mit 30 Prozent über Landesdurchschnitt“

Er bekomme aktuell viele Anrufe von anderen Landräten, berichtet Grillmeier. „Sie wollen wissen, wie wir es geschafft haben, die Zahlen so weit runter zu bekommen.“ Seine Strategie unterscheidet sich nicht sehr von den Maßnahmen, die auch in anderen Regionen versucht werden. Allerdings habe er damit etwas früher angesetzt. Schon im Januar, als die Werte in Tschechien auf über 1000 hochschnellten. Durch die Berufspendler breitete sich die Virusmutation* vor allem in der Grenzregion schnell aus. „Wir sind damals auf unsere großen Firmen zugegangen, haben gemeinsame Hygienekonzepte besprochen und über 20 000 Tests durchgeführt“, berichtet er. Außerdem habe Tirschenreuth wie auch die anderen Grenz-Landkreise knapp 5000 zusätzliche Impfdosen bekommen. „Unsere Impfquote liegt mit 30 Prozent jetzt gut über dem Landesdurchschnitt.“

Landrat Roland Grillmeier.

Das ist aber nur ein Teil der Erklärung, die Grillmeier für die geringen Infektionszahlen in Tirschenreuth hat. Denn dass dort vergangenes Jahr und zum Jahresbeginn besonders viele Menschen infiziert waren, könnte nun zum Vorteil werden. Ergebnisse einer Studie haben aufgezeigt, dass in Tirschenreuth eine Herdenimmunität erreicht sein könnte. „Auf eine Person, bei der Corona* nachgewiesen wurde, kommen etwa vier, bei denen die Infektion nicht entdeckt wurde“, berichtet er über die Ergebnisse der Studie. Dadurch ist der Anteil der Bürger, die Antikörper haben, in Tirschenreuth sehr hoch. „Zusammen mit den Impfungen ergibt das aktuell einen hohen Immunisierungsgrad.“ Dazu kommen die nach wie vor strengen Hygienemaßnahmen und Tests. „Außerdem hat sich auch die Situation in Tschechien beruhigt“, sagt er. Das würden auch die anderen Landkreise im Grenzgebiet spüren. Sie haben zwar noch Inzidenzen über 100. „Aber allzu weit weg sind sie von uns nicht mehr“, betont Grillmeier.

Corona in Tirschenreuth: Öffnung der Außengastronomie als Lichtblick

Angst, dass viele Bürger aus anderen Landkreisen nun nach Tirschenreuth zum Einkaufen fahren, hat der Landrat nicht. „Unsere Region ist sehr ländlich. Die Anziehungskraft ist sicher nicht sehr groß.“ Wenn Tirschenreuth tatsächlich als erste Region wieder Außengastronomie zulässt, könnte sich das natürlich ändern, räumt der Landrat ein. Deshalb will er mit dieser Entscheidung nichts überstürzen. „Dieser Schritt wäre für unsere Bürger zwar ein großer Lichtblick“, betont Grillmeier. „Aber darin steckt auch die Gefahr, dass die Zahlen schnell wieder steigen.“ (*Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA)

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