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Martina S. mit ihrer demenzkranken Mutter, die sie seit Jahren pflegt. Die 90-Jährige sitzt mittlerweile im Rollstuhl.

„Nach nur drei Wochen total verwahrlost“

Tochter behält Pflegekosten ein: Heim verklagt 90-Jährige

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  • Jacob Mell
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Weil ihre demenzkranke Mutter in der Kurzzeitpflege „total verwahrloste“, bezahlte Martina S. nicht die volle Rechnung des Pflegeheims. Nun wurde die 90-Jährige vom Heim verklagt!

München - Seit mehreren Jahren kümmert sich Martina S. nun schon liebevoll um ihre demenzkranke Mutter. „Sie soll es halt gut haben“, sagt die 55-Jährige aus Ainring (nahe Traunstein). „Und zwar immer!“ Und so kocht Martina S. für die 90-Jährige, wäscht sie, bringt sie zu Bett. Alles daheim – in den eigenen vier Wänden. Nur ein- bis zweimal im Jahr bringt sie ihre Mama in ein Pflegeheim – zur Kurzzeitpflege. Und genau deshalb gibt es jetzt mächtig Ärger: Der letzte Aufenthalt dort entwickelte sich nämlich „zum Alptraum“, wie die 55-Jährige erzählt: „Nach nur drei Wochen war meine Mutter völlig verwahrlost!“ Und daher fasste Martina S. einen Entschluss: Bei dieser „schlechten Pflege“ werde die Familie nicht die vollen Heimkosten bezahlen. Das Heim will aber den Gesamtbetrag – und hat die 90-Jährige nun deswegen verklagt!

Darf man die Heimkosten kürzen, weil die Pflege dort schlecht ist? Klar, wer in ein Hotel geht und dort bemerkt, dass das Essen unzumutbar und der Fernseher kaputt ist, der weigert sich, den vollen Preis zu zahlen. Aber geht das in einem Pflegeheim? Keine Frage – der Prozess gestern vor dem Amtsgericht in Traunstein hatte es in sich.

Pflegeprotokolle decken Missstände auf

Das Drama um die 90-Jährige (mit Pflegestufe II) beginnt im September. Für drei Wochen hatte die Tochter die Mama in der Einrichtung einquartiert. Die Kosten dafür: 2374 Euro. Als Martina S. die Mutter abholen will, traut sie ihren Augen kaum. Die alte Dame sei in einem erbärmlichen Zustand gewesen. Die „offensichtlichen Mängel“ in der Pflege seien sofort in einem zweistündigen Gespräch mit der Heimleitung besprochen worden. „Aus den Pflegeprotokollen ging hervor, dass meine inkontinente Mutter in 21 Tagen nur einmal gewaschen wurde“, klagt die 55-Jährige gegenüber der tz. „Und nur zweimal hat man ihr in drei Wochen die Unterwäsche gewechselt!“ Zudem hätten Pflegekräfte offenbar Medikamente nur unregelmäßig verabreicht. „Die hätte meine Mutter aber wegen ihrer Alzheimer Krankheit dringend gebraucht“, sagt Martina S. Schon am ersten Nachmittag verließ die Seniorin ungehindert das Heim und wurde später orientierungslos an einer Tankstelle aufgegriffen! Kurzum: Als Martina S. die Rechnung für den Aufenthalt bekommt – eben 2374 Euro – entscheidet sie sich, 1500 Euro zu bezahlen. „Die restlichen 874 Euro habe ich wegen dieser Mängel einbehalten.“ Und genau die will der Heimbetreiber nun haben. Er bestreitet eine mangelhafte Pflege, sieht keine Versäumnisse des Heims. „Die Pflegeprotokolle sagen aber was anderes aus“, so die Tochter.

Martina S. hatte zuvor immer gute Erfahrung mit der Kurzzeitpflege des Heims gemacht. „Ich habe alle Rechnungen auch immer sofort beglichen“, versichert sie. Beim letzten Besuch war sie mit der Mama sogar reine Selbstzahlerin. Heißt: Die Pflegekasse gab keinen Zuschuss mehr, weil das Jahres-Kontingent schon ausgeschöpft war.

Für Martina S. steht fest: Wegen der schlechten Versorgung hat sich der Gesundheitszustand der Mutter rapide verschlechtert. Daher wird die 90-Jährige am Prozess auch nicht selbst teilnehmen. „Sie ist nicht verhandlunsfähig“, erklärt ihr Rechtsanwalt Rüdiger Imgart.

Und was sagte gestern nun das Gericht? Es will erstmal ein Gutachten zur Prozessfähigkeit der Patientin einholen. Heißt in anderen Worten: Es muss geklärt werden, ob die Seniorin überhaupt in der Lage ist, vor Gericht aufzutreten. Sollte dies der Fall sein, müssen dann Gutachten klären, ob die Demenzkranke durch die Pflege geschädigt wurde. „Wir lassen in diesem Fall nicht locker“, sagte Rechtsanwalt Imgart gestern der tz. Wann es vor Gericht weitergeht, ist noch unklar.

Auch die mutige Tochter will weiterkämpfen: „Natürlich hätte ich die volle Summe bezahlen können“, sagt sie. Ums Geld gehe es hier nicht. „Ich bin es meiner Mutter schuldig, dass geklärt wird, ob bei schlechter Pflege die Rechnung gekürzt werden darf.“

Pflegemängel: Was können Sie tun?

Was kann ich tun, wenn ich mit der Pflege meiner Mutter oder meines Vaters nicht zufrieden bin? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen: Immerhin gibt es allein in Bayern rund 340 000 Pflegebedürftige. Viele Heime oder ambulante Dienste leisten zweifelsohne gute Arbeit – manche aber eben nicht. Und wer hier zu seinem Recht kommen will, hat einen schweren Gang vor sich …

Ottilie Randzio vom MdK

„Generell sollten sich Menschen, die etwas bemängeln wollen, immer an die Pflegekasse wenden“, erklärt Ottilie Randzio, leitende Ärztin für den Bereich Pflege beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern. Fakt ist: Bei allen gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen und ihren Verbänden wurden sogenannte „Stellen zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen“ eingerichtet. Gibt man Letzteres mit dem Namen der eigenen Krankenkasse im Internet ein, werden sofort Ansprechpartner mit Telefonnummer genannt. „Hier sollte man seine Beschwerden vorbringen“, so Randzio. Kam es bei Angehörigen durch die schlechte Pflege sogar zu körperlichen Schäden, ist die Stelle mit dem Namen „Behandlungsfehler“ der richtige Ansprechpartner.

„Dann kommt der schwierige Teil“, erklärt Randzio. „Die Mängel müssen nämlich bewiesen werden“. Hier kommt dann oft der Medizinische Dienst der Krankenkassen ins Spiel. Liegt der Mangel aber schon eine Weile zurück, ist er nur noch schwer feststellbar. „Daher sollte sich jeder sofort melden.“

Und noch etwas: Wer Geld zurück haben will (oder selbst eine Leistungskürzung vornimmt), kommt kaum darum herum, einen Anwalt einzuschalten. Denn die Pflegekasse kämpft nur für ihren Teil der Ausgaben (also den Zuschuss, den jeder Pflegebedürftige je nach Pflegestufe bekommt). Wer seine selbstbezahlten Heimkosten wieder haben will, muss also vor Gericht. Randzio: „Und da müssen die Mängel dann genau bewiesen werden.“ Und das ist oft schwierig, wie der Münchner Jurist Alexander Frey bestätigt. „Und zeitaufwendig. Die Richter scheuen solche Prozesse. Meist kommt es zu einem Vergleich, wenn die Angehörigen im Recht sind. Das war’s.“

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