Prozess am Oberlandesgericht

Tochter schlägert: Mutter mitschuldig?

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München - Plötzlich flog die Faust: Ein 15-jähriges Mädchen hat auf einem Volksfest eine 48-jährige Frau niedergeschlagen. Vor Gericht ging es nun um Schmerzensgeld – aber auch um die elterliche Aufsichtspflicht.

Andrea H. (damals 48) kann es heute noch kaum fassen. Sie feierte am 18. Mai vorigen Jahres auf dem Frühlingsfest in Wasserburg (Landkreis Rosenheim). Als sie um 23.30 Uhr von der Toilette kam, fragte ein Mädchen (damals 15) sie: „Was kuckst du so blöd?“ Sie habe sich umgeschaut, weil sie sich gar nicht angesprochen fühlte, sagt Andrea H. Doch sie war gemeint. Das Mädchen holte aus und schlug ihr mit der Faust mitten ins Gesicht.

H. fiel bewusstlos zu Boden. Blutüberströmt wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte einen Nasenbeinbruch, eine Gehirnerschütterung, eine Halswirbel-Verstauchung und Blutergüsse. Die Sozial-pädagogin, die als Verfahrenspflegerin tätig ist, musste zwei Tage in der Klinik bleiben, war danach arbeitsunfähig. Damit nicht genug. Einige Tage nach dem Angriff beleidigte die Täterin ihr Opfer in einem sozialen Netzwerk: „Die will 6000 Euro Schmerzensgeld, die Hure, weil sie Operation machen muss wegen Nase.“

Andrea H. klagte das geforderte Schmerzensgeld in Höhe von 6000 Euro am Landgericht Traunstein erfolgreich ein. Das Urteil sah vor, dass die heute 16-Jährige, die eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten beginnt, und deren 43-jährige Mutter gesamtschuldnerisch zahlen müssen. Ebenso wie Andrea H. waren die Richter der Ansicht, dass die Mutter des Mädchens ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte. Sie habe schon damals von dessen auffälligem und aggressivem Verhalten gewusst – und zu wenig getan, um zu verhindern, dass ihre Tochter derart straffällig werde.

Doch das Mutter-Tochter-Gespann legte beim Oberlandesgericht (OLG) München Berufung ein. „Ich will, dass dieses Urteil widerrufen wird, weil ich mich nicht schuldig fühle“, betonte die 43-Jährige. Daraufhin entbrannte am OLG eine Diskussion über die elterliche Aufsichtspflicht, die im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt ist.

Die Mutter wies jede Schuld von sich: „Ich habe alles für meine Tochter getan, was man als Mutter tun kann. Ich will nicht als Schuldige dastehen.“ Wegen des aggressiven Verhaltens ihrer Tochter habe sie Gespräche in der Schule und bei der Caritas geführt. Am Abend der Tat habe sie sich versichert, dass das Mädchen bei einer Freundin übernachte. Dafür habe sie extra deren Mutter kennengelernt. Aber sie habe nicht gewusst, dass diese Alkoholikerin sei. Sie habe abends getrunken, die Mädchen seien ausgegangen. Schuld an dem aggressiven Verhalten sei im Übrigen der Freund der heute 16-Jährigen gewesen. „Seit er nicht mehr da ist, ist Ruhe.“ Der junge Mann sitzt in Haft.

Andrea H. jedoch ist der Ansicht, dass die Mutter nicht ausreichend reagiert hat. Sie hätte sich psychologische Hilfe holen müssen. „Es war seit Jahren bekannt, dass das Mädchen aggressiv ist.“ Immer wieder habe es gewalttätige Vorfälle an der Schule gegeben. Da müsse man „ein besonders Augenmerk“ haben. „Ich darf ihr nicht erlauben, dass sie abends weggeht, ganz einfach“, sagte H.s Anwalt. Notfalls müsse man sie einsperren.

Das OLG war der Meinung, dass die Mutter ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt hat. Bis zu dem Faustschlag auf dem Frühlingsfest hätte es nur geringfügige Tätlichkeiten in der Schule gegeben. Die 43-Jährige habe mit Lehrern und der Caritas gesprochen. „Was soll sie noch machen?“, fragte der Vorsitzende Richter Wilhelm Schneider. „Einsperren halte ich für problematisch.“ Er regte einen Vergleich an. Darin einigten sich die Parteien auf 4769 Euro Schmerzensgeld. Laut der Vereinbarung ist sich die Mutter keiner Schuld bewusst, hilft ihrer Tochter aber beim Abzahlen.

Nina Gut

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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