Wie Kinder mit dem Sterben umgehen

Der Tod ist bunt

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Nürnberg - Tote essen auch Nutella, nur nicht ganz so viel – das sagte ein Grundschüler zu Martina Plieth. Sie analysiert seit 20 Jahren Bilder, die Kinder über den Tod malen. Die haben ein ganz anderes Verständnis vom Sterben als Erwachsene: Denn am Ende wird immer alles gut.

Martina liebte ihren Opa. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, und der Opa, leidenschaftlicher Imker, brachte ihr bei, wie man einen richtigen Bienenrahmen baut. Als Martina sechs Jahre alt war, starb er. Am Tag seines Todes wurde sie zur Patentante ins Haus gegenüber gebracht. Erst stand sie am Fenster und beobachtete die Männer in dem dunklen Auto mit der großen Holzkiste. Dann baute sie Brücken aus Legosteinen. Sie wollte zurück. Als sie zurück durfte, war der Opa weg, einfach verschwunden. Erst viel später erfuhr sie, warum er nicht mehr da war.

Martina Plieth, 56, ist Professorin an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg.

Martina Plieth ist heute 56. Der Verlust des Großvaters vor 50 Jahren hat ihren beruflichen Werdegang bestimmt. Plieth ist Professorin an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg und beschäftigt sich seit 20 Jahren damit, wie Kinder mit dem Tod umgehen. Vor allem lässt sie Kinder malen. Bilder über den Tod, über das Sterben. Dabei findet sie trotz all der Trauer, die in diesen Bildern steckt, immer ein Stück Hoffnung. Ein sehr großes Stück.

Ein Gedanke zieht sich durch all die Bilder, die Plieth bisher analysiert hat: Kinder stellen sich Tote als „nur noch ein bisschen“ lebende Menschen vor. Plieth bezeichnet das, was übrig ist, als „verdünnte Persönlichkeitsreste“. Deshalb hat ihr ein Grundschüler in einem Gespräch über sein Bild gesagt: „Tote essen auch Nutella, nur nicht ganz so viel.“ Sie sprechen auch noch, nur leiser. Oder schauen fern, nur eben nicht mehr ganz so lange.

Und weil die Toten im Kindeskopf gar nicht ganz tot sind, macht es auch Sinn, ihnen postum eine so schöne Zeit wie möglich zu bereiten. Auf ihren Bildern malten die Kinder bunt geschmückte Gräber, denn wer dort unter der Erde im Tiefen, im Feuchten liegt, dem müsse man wenigstens von oben Gutes tun.

Einige Symbole der Vergänglichkeit finden sich auf den Bildern der Kinder immer wieder: Traurige, welke Blumen. Bäume, die an der Wurzel morsch sind. Aber auch Symbole der griechischen Mythologie, wie der Lebensfluss, über den der Fährmann Charon rudert, oder die Schere, die den Lebensfaden durchschneidet. „Das sind archetypische Vorstellungen, die tief im Menschen verankert sind“, sagt Plieth. Kaum eines der Kinder kennt die griechischen Sagen, trotzdem verwenden sie die Symbole – egal mit welcher Religion die Kinder aufgewachsen sind.

Unterschiede gibt es vor allem zwischen Buben und Mädchen. Während sich die Buben in ihren Bildern auf die Schrecken des Todes konzentrieren und auch plastisch darstellen, wie Würmer und Wasser in den Sarg eindringen, sorgen sich die Mädchen mehr um die Grundversorgung der Verstorbenen. Die Toten bekommen etwa ein Nackenkissen, um nicht unbequem zu liegen. Oder quietschbunte Bettwäsche zur letzten Ruhe.

Um wen die Kinder trauern, hängt ganz von der persönlichen Beziehung zum Verstorbenen ab. Das kann auch das Haustier sein. Auf den Bildern trauern erwachsene Männer um eine kleine Maus, ein Kind steht geknickt am Dackelgrab. „Wenn man dem Hund die Fünf in Mathe ins Fell geweint hat, dann ist das schrecklich, wenn dieser Hund stirbt. Ein grantelnder Opa, der immer nur schimpft, wird nicht so sehr betrauert wie der Dackel“, sagt Plieth.

Früher oder später kommen in der kindlichen Vorstellung aber alle Verstorbenen wieder aus dem Grab. Nicht als bleiche Untote, sondern um in den Himmel aufzusteigen. „Wenn sie ausgeruht haben, kommen sie von unten nach oben. Vom Dunkel zum Licht. Vom Tod zum Leben“, sagt Plieth. Und das ist keineswegs die rein christliche Erlösungslehre, sondern gilt kulturübergreifend für alle Kinder, mit denen Plieth gesprochen hat. „Die Schreckensbilder bleiben nicht im Schrecken stecken. Am Ende wird alles gut. Davon gehen alle Kinder in ihren Bildern aus.“ Diese positive Grundeinstellung wandelt sich erst in der Pubertät. „Dann lernt man das eigene Potenzial kennen – und empfindet es als Kränkung, dass der Tod dieses Potenzial von jetzt auf gleich nehmen kann.“

Wie aber können Eltern bei einem Todesfall in der Familie reagieren? „Am besten geht man damit um, indem man die Thematik nicht umgeht“, rät Plieth. „Kinder wollen kommunizieren.“ Wer mit seinen Kindern über den Tod spricht, nimmt ihnen die Angst. „Kinder nehmen es übel, wenn man sie vertröstet“, sagt die Expertin. Wie Jürgen aus der vierten Klasse, mit dem sie sprach. „Wer stirbt, wird ein Stern“, sagten seine Eltern. Da konnte Jürgen nur den Kopf schütteln: „Ich weiß, was Sterne sind, ich habe Bücher gelesen. Dann wirst Du eine Sternschnuppe, fällst runter und bist doch richtig tot.“ Ehrlich sein, das ist Plieths Appell.

Rückblickend hätte sie sich diese Offenheit auch beim Tod ihres Großvaters gewünscht. „Dann hätte ich auch nicht den Hausarzt verdächtigt, meinen Opa entführt zu haben.“ Denn der Arzt hatte eine große Narbe im Gesicht. „Und wer so unheimlich aussieht, macht auch unheimliche Dinge“, dachte sie. Manchmal sind die Gedanken von Kindern ganz logisch.

Die Ausstellung

„Tote essen auch Nutella“, Kinderbilder zu Sterben, Tod und Trauer, ist noch bis zum 14. Dezember in der Evangelischen Hochschule Nürnberg zu sehen.

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