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Die Fahrerin des Autos blieb fast unverletzt.

Schranken notwendig?

Todesfalle Andreaskreuz

München – Zwei Tote, ein Schwerverletzter und eine Fahranfängerin mit Schutzengel: Innerhalb von sieben Tagen passierten allein in Bayern zu Jahresbeginn drei schwere Unfälle an unbeschrankten Bahnübergängen. Hätten Schranken die Unglücke verhindern können?

Es ist 16 Uhr am Tag vor dem Jahreswechsel. Die Signallampe leuchtet rot am Bahnübergang an der Küferstraße in Sontheim (Allgäu), doch zwei junge Männer sehen das nicht – die Sonne steht tief und blendet sie. Mit 120 Stundenkilometern rast der Regionalzug aus Mindelheim in ihr Auto, zerreißt es regelrecht und schleudert das Wrack in ein angrenzendes Grundstück. Der Fahrer (23) und sein 25-jähriger Beifahrer sind sofort tot.

Der Freistaat Bayern ist eigentlich gerne Spitzenreiter. Eigentlich: Denn neben der niedrigsten Kriminalitätsrate und dem besten Bildungssystem ist Bayern auch das Bundesland mit den meisten unbeschrankten Bahnübergängen. 1880 dieser Gefahrenstellen gibt es – allein in den ersten sieben Tagen des neuen Jahres passierten drei schwere Unfälle; beim vorerst letzten krachte ein Zug in Grafenwiesen (Oberpfalz) in einen Pkw. Der Fahrer (79) kam mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus.

Es ist ein Unglück von vielen. 2012 zählte die Bahn 136 „Bahnübergangs-Unfälle“ – 44 von ihnen endeten tödlich. Deswegen eine Nachrüstung auf Schrankenanlagen zu fordern, hält Josef Maurus vom ADAC trotzdem für überzogen: „Bei solchen Tragödien tendieren wir dazu, die Autofahrer in Schutz zu nehmen. Dabei wird eines übersehen: der Schienenverkehr hat absoluten Vorrang.“ Und das nicht ohne Grund: Ein Reisezug, der mit 100 Stundenkilometern unterwegs ist, braucht von der Vollbremsung bis zum Stillstand etwa 1000 Meter. Einen Zusammenprall heil zu überstehen, das grenzt an ein Wunder.

Ein Wunder wie im Fall der 18-jährigen Fahranfängerin, die am 6. Januar in Hufschlag (Landkreis Traunstein) von einem herannahenden Triebwagen gerammt wurde und ohne Verletzungen davongekommen ist. „Hätte sie dreißig Zentimeter weiter auf den Gleisen gestanden, wäre sie wahrscheinlich tot“, sagt Stefan Burghartswieser (33), der als Kommandant der Feuerwehr Surberg als erster an der Unfallstelle ankam. Dreißig Zentimeter – das ist gerade einmal die Länge eines Schullineals.

Bilder vom Unfall

Bilder: 18-Jährige im Auto von Zug gerammt

Wie Maurus sieht auch Burhartswieser die Autofahrer in der Verantwortung. „Am Andreaskreuz muss man bei schlechter Sicht halten. Das lernt jeder Jugendliche in der Fahrschule.“ Leichtsinn, Unachtsamkeit und vor allem Routine sind laut ADAC die häufigsten Unfallursachen an Bahnübergängen: So verunglückten besonders oft Autofahrer, die im Umfeld eines Bahnübergangs wohnten. „Wer jeden Tag die gleiche Strecke fährt, konzentriert sich nicht mehr und wird unvorsichtig“, sagt Maurus. Eine Studie der Deutschen Bahn wird noch deutlicher: Demnach sind an 95 Prozent der Unfälle an Bahnübergängen die Autofahrer schuld.

150 Millionen Euro im Jahr investiert die Bahn allein im Freistaat in eine bessere Sicherung von Gefahrenstellen, die Zahl der Bahnübergänge hat sich in den vergangenen 25 Jahren von 7000 auf 3500 reduziert. „Schranken stellen aber keine absolute Sicherheit dar“, erklärt der Konzern auf Nachfrage. „Die Polizei hat schon Autofahrer beobachtet, die Halbschranken umfahren haben.“

Um Geld geht’s wohl auch: Eine Schrankenanlage kostet 500 000 Euro, für die Bund, Bahn und Kommune aufkommen müssen. Rechtlich vorgeschrieben ist eine Schranke erst ab 2500 querenden Autos pro Tag – weit mehr als etwa am Bahnübergang in Sontheim.

Warten wollen die Sontheimer trotzdem nicht mehr. Sie sammeln inzwischen Unterschriften, fordern eine Vollschranke am Bahnübergang an der Küferstraße. „Der Tod der zwei jungen Männer am Silvesternachmittag hat uns sehr erschüttert“, sagt Bürgermeister German Fries. „Jeder Tag ohne Schranke ist ein gefährlicher Tag.“

Stephanie Dahlem

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