Mörder ging auf Abschiedstour

Tote Ehefrau lag sechs Tage im Haus

Gmund/München - Für Hans-Martin R. (64) hatte das Leben keinen Sinn mehr. Als er im Februar 2008 eine Andalusien-Reise buchen wollte, waren sämtliche Konten gesperrt. Der ehemalige Musikdirektor der evangelischen Landeskirche war pleite. Er entschied, sich und seine Frau Barbara (59) umzubringen.

Am Abend des 19. Mai 2008 tötete er sie im Haus in Gmund (Kreis Miesbach) mit drei Messerstichen. "Den zweiten und dritten Stich habe ich selbst nicht mitbekommen", sagte der Angeklagte zu Prozessauftakt am Schwurgericht München II.

Voller Selbstmitleid beschrieb er seine eigentlich erfüllte Ehe und den Umstand, dass seine Frau jahrelang seine Seitensprünge ertragen hatte. Die führte er auf sexuelle Probleme in der Ehe zurück. Nach der Geburt einer Tochter 1978 bekam das Paar keine weiteren Kinder mehr. Als eine künstliche Befruchtung misslang, habe sich seine Frau sexuell zurückgezogen.

"Das hatte wohl zur Folge, dass ich die Bereitwilligkeit anderer Frauen ausgenutzt habe", sagte der Angeklagte. Über die Anzahl und Dauer seiner Affären wollte er keine Angaben machen. "Es entsteht der Eindruck, dass Sie während der Ehe permanent zwei- oder dreigleisig gefahren sind", bemerkte der Vorsitzende Richter Walter Weitmann. Der Angeklagte, in schäbige blaue Anstaltskleidung gehüllt, schwieg.

Unstrittig sind die zwei unehelichen Kinder (16 und 7 Jahre), für die der 64-Jährige Unterhalt zahlen musste, zum Schluss aber nicht mehr konnte. Bis Juli 2008 liefen Rückstände in Höhe von 7000 Euro auf. Die übrigen Schulden resultierten aus einem missglückten Immobiliengeschäft in Ostdeutschland. Das hatte die Ersparnisse verschlungen.

Die Tat will der 64-Jährige einige Tage vor dem 19. Mai geplant haben. Für die Nachbarn sollte der Eindruck entstehen, dass sich die Eheleute im Urlaub befanden. Stattdessen begab sich Hans-Martin R. nach dem Mord auf eine "Abschiedstour" an Orte der Vergangenheit. Zuerst zündete der Musiker in vier Münchner Kirchen Kerzen für seine tote Frau an. Dann fuhr er über Dresden und Magdeburg nach Gera und wieder heim.

Er begleitete noch einmal an "seiner" Orgel in Bad Wiessee eine Trauung und kehrte dann in die Wohnung zurück, wo seit sechs Tagen die Leiche seiner Frau lag. Er schrieb mehrere Abschiedsbriefe, die ein fleißiger Postangestellter vom Briefkasten direkt zum Empfänger brachte. Die Vermieterin fand daraufhin die Leiche der Frau. Als die Polizei vor der Tür stand, flüchtete der gebürtige Bayrischzeller in die Berge. Seine Tochter konnte ihn per Handy vom Suizid abhalten. Der Prozess dauert an.

Angela Walser

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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