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Das Foto zeigt Zoran Krakic mit drei amerikanischen Kameraden. Es entstand vor mehr als zwei Jahren. Seine Mutter Anna, die heute 58 ist, hat es in ihrer Dachgeschosswohnung aufgehängt – genauso wie die vielen anderen Fotos ihres Sohnes, der im Alter von 25 Jahren starb.

Bundeswehrsoldat stirbt bei Auslandseinsatz

Die traurige Spurensuche einer Mutter

Bad Wiessee – Zoran Krakic, Oberfeldwebel der Bundeswehr, starb bei einer Friedensmission in Bosnien. Seine Mutter Anna aus Bad Wiessee (Kreis Miesbach) will wissen, was er zuletzt gemacht hat. Deshalb sucht sie verzweifelt nach Soldaten, die zu Zoran Kontakt hatten: „Er war mein einziges Kind. Und ich war nicht bei ihm.“

Sie kommt nicht zur Ruhe. Jeden Tag schleicht sie durch ihre kleine Dachgeschosswohnung, immer wieder wischt sie sich Tränen aus den Augen, blickt zur Haustür: „Manchmal denke ich, diese Tür geht gleich auf und Zoran steht vor mir. Hier, bei mir, das ist sein Zuhause.“ Dann streicht Anna Krakic mit der Hand über ein Foto – sie hat überall Bilder von ihm aufgestellt: Zoran als Kind, als Teenager, als junger Mann. Meistens lacht er in die Kamera. „Er ist mein einziger Sohn“, sagt Anna Krakic leise.

Sie spricht stets in der Gegenwart von ihm – doch sie will die Vergangenheit rekonstruieren: „Wer kann mir sagen, wie Zoran seine letzten Monate verbracht hat? Wer hat mit ihm gesprochen? Was hat Zoran erzählt? Worüber hat er gelacht? Was machte ihn traurig? Ich muss alles wissen, jedes Detail!“

Zoran starb mit 25 Jahren. Es passierte am 19. Juni, einem Donnerstag. „Zwei deutsche Soldaten bei Hubschrauber-Absturz in Bosnien getötet“, hieß es im Fernsehen. Anna Krakic bekam von den Nachrichten nichts mit. Sie saß am Tegernsee, blätterte in einer Zeitschrift. Irgendwann klingelte ihr Handy – jemand von der Bundeswehr. „Kommen Sie bitte heim. Wir warten auf Sie. Wir müssen mit Ihnen sprechen. Dringend.“

Anna Krakic kann bis heute nicht glauben, dass Zoran tot ist. Wenige Tage nach dem Unglück stand sie an der Unfallstelle in Bosnien. „Ich fühlte nur Schmerz“, sagt sie. Sie blickte sich um, sah Wrackteile. „Ein unerträglicher Schmerz war das.“

Ein Hubschrauber des Typs „BO-105“: In einem solchen Helikopter ist Zoran mit seinen Kameraden abgestürzt.

Die Bundeswehr hatte sie nach Bosnien geflogen – es war ein Flug in die Vergangenheit: Vor 35 Jahren hatte Anna Krakic ihre Heimat verlassen, war in ein besseres Leben nach Deutschland geflüchtet. Ihr Sohn Zoran kam am Tegernsee zur Welt – und starb nur wenige Kilometer von Banja Luka entfernt: Anna Krakics Geburtststadt. „Ein dramatischer Kreislauf“, sagt ein Kompaniefeldwebel der Bundeswehr. Er kennt Anna Krakic. Er weiß, wie sehr sie unter Zorans Tod leidet.

Nach der Schule hatte sich Zoran für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichet: Im April 2002 ging er zum Jägerbataillon 292 nach Donaueschingen (Baden-Württemberg), im Januar dieses Jahres wechselte er zur Luftlandeaufklärungskompanie 260 in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz). Nur zwei Monate darauf flog er nach Bosnien, in das Heimatland seiner Mutter. Dort sollte er die Friedenstruppe „Eufor“ (siehe Kasten) unterstützen. Er freute sich auf den Einsatz. Er kannte die Sprache, verstand die Menschen. „Ich hatte keine Angst um Zoran, was sollte passieren?“, sagt Anna Krakic: „Bosnien ist doch ein ruhiges Land.“

Bis heute ist die Ursache des Hubschrauber-Absturzes nicht endgültig geklärt. Fest steht, dass an jenem 19. Juni gegen 11.45 Uhr die Insassen der Unglücksmaschine – zwei deutsche und zwei spanische Soldaten – einen Notruf absetzten. Kurz darauf sahen Augenzeugen „Rauch in der Umgebung“ aufsteigen.

Die Bergung des Wracks dauerte mehrere Stunden. Das Bundesverteidigungsministerium sprach von einer „schwer erreichbaren Zone“: Gebirge, Wald – und viele Minen, die noch aus dem Bosnien-Krieg stammen.

Wenige Tage später sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei der offiziellen Trauerfeier in Zweibrücken: „Wir sind bestürzt über den Tod von zwei Kameraden“ – bei dem Unglück war neben Oberfeldwebel Zoran Krakic Oberleutnant Tim Heinen ums Leben gekommen. Auch die beiden spanischen Soldaten starben. „Der Absturz führt uns auf schreckliche Weise vor Augen, unter welchen Risiken für Leib und Leben unsere Soldaten im Ausland ihren Dienst leisten“ – allein in diesem Jahr kamen sechs deutsche Soldaten im Auslandseinsatz zu Tode, seit 1993 insgesamt 76. Die Stimme des Verteidigungsministers hallte durch die Alexanderskirche. Anna Krakic starrte auf das Foto ihres Sohnes, das in der Nähe des Altars stand. Wieder dieser Schmerz: „Ich glaube, das hört nie auf.“

Zu Zorans Beerdigung in Bad Wiessee kamen hunderte Menschen. „Aus dem Leben ist er zwar geschieden, jedoch nicht aus unserem Herzen“, hatte Anna Krakic auf das Sterbekärtchen drucken lassen. Das Foto zeigt einen gutaussehenden jungen Mann, der eine Uniform trägt. „Zorki“, sagt seine Mutter, „war wie ein Engel“.

Seit seinem Tod sucht sie verzweifelt nach Antworten: „Wer war mit Zoran im März, April, Mai und Juni in Bosnien stationiert? Wer kann mir etwas über ihn erzählen? Jede Kleinigkeit ist für mich wichtig.“

Die Bundeswehr hat ihr zwar Kontakte zu Kameraden von Zoran vermittelt, doch das reicht Anna Krakic nicht. Sie will mit jedem Kontakt aufnehmen, der mit Zoran zu tun hatte. Und dann sucht Anna Krakic auch nach einem Mann, der „J“ gerufen wird. Vor fünf, sechs Jahren soll er als Golftrainer in Bad Wiessee gearbeitet haben. Zoran jobbte damals auf dem Golfplatz, die beiden hätten sich „so gut verstanden“. „J“ soll in der Nähe von Stuttgart oder bei Straßburg wohnen. Anna Krakic weiß das nicht – sie kennt nicht einmal seinen richigen Vornamen. Doch es würde ihr guttun, mit „J“ über Zoran zu sprechen.

„Jetzt kommt die schlimmste Zeit für mich“, sagt sie: Weihnachten – und dann der 29. Dezember. An diesem Tag würde Zoran 26 Jahre alt werden. Anna Krakic wird an sein Grab gehen. Sie besucht ihren Sohn jeden Tag auf dem Bergfriedhof: einmal am Vormittag, einmal am Nachmittag. An dem Montag wird sie 26 Kerzen anzünden – und noch länger bleiben als sonst.

von Barbara Nazarewska

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