Interview zur EU-Richtlinie

Das müssen Sie zur Trinkwasser-Debatte wissen

München - Die EU-Konzessionsrichtlinie will den Wassermarkt liberalisieren. Prof. Vladimir Ilberg von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf fürchtet den Zugriff der Konzerne auf das Trinkwasser. Ein Interview.

Herr Ilberg, welches Wasser trinken Sie?

Ich kaufe grundsätzlich kein Wasser, ich trinke es aus der Leitung. Warum auch nicht – es ist optimal kontrolliert. Eine Empfehlung, die ich jedem Ihrer Leser geben möchte: Drehen sie zu Hause einmal den Wasserhahn auf, halten Sie die Hände drunter und trinken Sie! Sie werden merken, was für ein Schatz das ist.

Ist denn unser Umgang mit dem Wasser noch in Ordnung?

Die Diskussion über die EU-Richtlinie bietet jedenfalls auch eine Chance: Nämlich die, den Wert des Wassers schätzen zu lernen. Mit meinen Studenten verkoste ich deshalb regelmäßig verschiedene Wässer. Ein Erlebnis.

Soll man Mineralwasser kaufen – statt das Leitungsnetz anzuzapfen?

Das ist Geschmackssache. Nur die sogenannten Tafelwässer kann man sich schenken. Tafelwasser wird mit Sole, also Salzen, versetzt. Es ist nicht zu verwechseln mit natürlichem Mineralwasser oder Quellwasser, die ohne Zusätze sind. Man darf nichts hinzufügen, nur die Entnahme von Eisen, Mangan, Schwefel, Arsen und Kohlensäure ist erlaubt. Als Besonderheit gibt es in Deutschland Heilwässer, allerdings nicht für den Dauergebrauch gedacht.

Welche Qualität hat denn unser Wasser, beispielsweise aus dem Münchner Leitungsnetz?

Die deutsche Trinkwasser-Verordnung setzt gewisse Grenzwerte, beispielsweise für Nitrat, die aber zum Beispiel in München weit unterschritten werden. München betreibt einen riesigen Aufwand, um das Wasser unbelastet zu halten. In den Schutzgebieten wurde der ökologische Landbau eingeführt, es darf kein Düngemittel und kein Pflanzenschutzmittel verteilt werden, sogar die Anzahl der Kühe pro Hektar ist begrenzt. Die Frage ist: Würde ein privates gewinnorientiertes Unternehmen das tun?

Wahrscheinlich nicht.

Niemals. Kommunale Stadtwerke sind nicht gewinnorientiert, die Gebühren des Kunden werden für Vorsorgeaufwendungen benötigt, beispielsweise auch für die Instandhaltung des Leitungsnetzes. Die Gefahr wäre groß, dass ein gewinnorientiertes Unternehmen, das ja ein intaktes Leitungsnetz übernehmen würde, beim Netz-Unterhalt erst mal spart.

Es gab aber auch in Deutschland schon Experimente mit der Trinkwasser-Privatisierung.

Das stimmt. Berlin hat sein teilprivatisiertes Leitungsnetz wieder zurückgekauft. Es gab auch schon andere abenteuerliche Spekulationen, die inzwischen gestoppten Cross-Border-Leasing-Verfahren. Gemeint ist: Ein Konzern etwa in den USA kauft die Wasserversorgung einer deutschen Kommune und least die gleichen Anlagen an den deutschen Versorger zurück. Am Bodensee war das der Fall. Die Gewinne schöpfen die Aktionäre des Konzerns ab, auch sind diese komplizierten Verträge aufgrund der riesigen Gewinnmargen für Juristen in Verruf geraten. Es gibt keinen ersichtlichen Vorteil einer Privatisierung, sondern nur Nachteile. Deshalb sind die EU-Bestrebungen klar zurückzuweisen.

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Wie erklären Sie sich die jetzige Situation?

Durch Konzernmacht und Lobbyismus in Brüssel. Wenn man sieht, durch wen sich der EU-Binnenmarktkommissar Michael Barnier beraten ließ, weiß man, woran man ist. Konzerne, die jetzt weltweit Wasserreservoirs kaufen, wissen um die weltweite Verknappung von Wasser. In Mexiko-Stadt muss die Bevölkerung Flaschenwasser kaufen. In Bolivien gab es sogar Aufstände mit Toten, in Portugal rebelliert die Bevölkerung.

Sie fordern mehr Aktionen gegen die EU-Richtlinie. Welche?

Es gibt die Online-Petition www.right2water.eu/de – dort habe ich schon unterschrieben, klar. Mein Traum wäre es, wenn ein beliebter Prominenter, etwa Sebastian Schweinsteiger, aus einem Wasserhahn trinkt – das wäre eine tolle Werbung. Und man muss den EU-Abgeordneten auf die Finger schauen und Grenzen aufzuzeigen.

Das Gespräch führte Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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