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Die Helden der Nordwand nach der Erstbesteigung: (v.l.) Heinrich Harrer, Ludwig „Wiggerl“ Vörg, Anderl Heckmair und Fritz Kasparek.

Eiger Nordwand

Der Triumph über die Menschenfresserwand

Sie schauen dem Tod ins Auge. Sie überleben Lawinen, Steinschläge und schlimme Verletzungen. Zwei Bayern und zwei Österreicher schreiben vor 75 Jahren Alpingeschichte: Sie besteigen zum ersten Mal die berüchtigte Eiger Nordwand. So werden sie über Nacht Volkshelden.

Ende Juli 1938, ein junger Bursche steht plötzlich vor den vier abgekämpften Bergsteigern, nicht weit weg von der Bahnstation Eigergletscher auf 2320 Metern. Ehrfürchtig fragt er: „Kommt ihr aus der Wand?“

Begehrter Blick auf die Erstbesteiger – von der Kleinen Scheidegg aus. Aber man musste Platzkarten fürs Fernrohr kaufen.

Die Münchner Anderl Heckmair (32) und Ludwig Vörg (27) sowie die beiden Österreicher Heinrich Harrer (26) und Fritz Kasparek (28) nicken. Ja, wir kommen aus der Eiger Nordwand, dieser Menschenfresserwand in den Berner Alpen. „Mordwand“ sagen die Menschen zu ihr. Acht Menschen haben hier in den letzten drei Jahren ihr Leben verloren. Die meisten durch qualvolle Stürze in die Tiefe. Auch der Totengräber von Grindelwald sagte zu Harrer vor dessen Aufbruch zur Nordwand: Du bist ein Fall für meinen Berufszweig. Spätestens in ein paar Tagen. Er sollte Unrecht behalten. Harrer lebt, alle leben.

Vorbereitung im Hotelzimmer: Der 26-jährige Heinrich Harrer zeigt seine Route für die Erstbesteigung der Eiger Nordwand.

Der Bursche schaut die Männer an, als wären sie Gespenster. Dann rennt er das Tal runter und brüllt. „Sie kommen! Sie kommen!“ Die Erstbesteiger der Nordwand kommen. Ankunft am Gipfel auf 3970 Metern Höhe: vor 75 Jahren, am 24. Juli 1938. Ein Datum für die Ewigkeit. Ein Tag, an dem vier Männer Alpingeschichte schreiben. Ein Tag, an dem das „letzte Problem“ der Alpen, so nannte man die Nordwand damals, gelöst wird.

Unten warten sie schon auf die Bergheroen. Manche hatten sie schon für tot erklärt. Sie werden sofort von Freunden umringt, von Journalisten, Bergführern, Einheimischen. Einer hält Heckmair eine Cognacflasche hin. Heckmair trinkt sie auf Ex aus. So schreibt es Harrer in „Die weiße Spinne – Das große Buch vom Eiger“.

Was für ein Tag. Der Tag ihres Lebens. Sie haben in den Abgrund geschaut. Lawinen fegten über sie hinweg, Steinschläge. Auf dem Gipfel war es so kalt, dass sich eine dicke Eiskruste um Augen, Mund und Nase legte. Die zwei Deutschen und die zwei Österreicher haben einen Ritt am Rande des Menschenmöglichen hingelegt. Aus Abenteurern, aus Teufelskerlen werden über Nacht Volkshelden.

In der Wand: Das Foto vom 24. Juli 1938 zeigt den Österreicher Harrer, wie er sich Richtung Eiger-Gipfel hochkämpft.

Am nächsten Morgen titelt der Völkische Beobachter: „Eiger-Nordwand gefallen. Vier deutschen Bergsteigern gelingt das Wagnis.“ Das Nazi-Kampfblatt schreibt, dass auf dem Gipfel die Hakenkreuzfahne gehisst wurde. Heckmair bestreitet dies später. Harrer, Kasparek, Heckmair und Vörg werden auf der Stelle in die Propaganda des NS-Staates eingespannt. Sie treffen den Führer höchstpersönlich. Eine Zusammenkunft, die den vier Erstbesteigern zeitlebens nachhängen wird. Kurz nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich ist die Bezwingung der Nordwand durch eine österreichisch-deutsche Seilschaft natürlich ein Weltereignis, das die Nazi-Propaganda ausschlachtet. In einem Spiegel-Interview von 1997 erklärt Harrer: „Es ist absoluter Unsinn, dass wir die Eiger-Nordwand für die Nazis bestiegen haben. Wir haben das gemacht, weil das eine Herausforderung war.“ Dennoch: Das Abenteuer hatte seine Unschuld verloren. Harrer verschwieg zudem lange, dass er in Österreich Mitglied der illegalen SA sowie später der SS und NSDAP gewesen war. Auch Heckmair, ein arbeitsloser Gärtner und ruheloser Bergsteiger, war zeitweise bei der SS angestellt – als bergsteigerischer Ausbilder.

Heckmair sagt über seine Zeit in der Sonthofener Ordensburg, wo er den SS-Nachwuchs schulen sollte: „Ich war eigentlich ein unpolitischer Mensch. Wenn schon war ich eher links eingestellt, was mit meinem Herkommen aus einfachen Verhältnissen leicht erklärbar ist. (...) Um die nationalsozialistische Idee kümmerten wir uns eigentlich gar nicht. So kam es vor, dass wir statt mit ,Heil Hitler‘ mit ,Heil Schicklgruber‘ grüßten.“ Alles nachzulesen in „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 – 1945“, einem opulenten Standardwerk zur Geschichte des Bergsteigens.

Auch Ludwig Vörg ist auf der Ordensburg angestellt. Von hier aus nimmt das Groß-Abenteuer seinen Lauf. Heckmair und Vörg fahren am 10. Juli 1938 mit der Eisenbahn in die Schweiz. Ihre gewaltige Kletterausrüstung verstecken sie in Reisekoffern, damit neugierige Journalisten nicht Wind von ihrem Unterfangen bekommen. Am Anfang ist das Wetter schlecht, Heckmair und Vörg warten, tagelang. Dann geht es doch los. Als die Münchner am 22. Juli ihren Biwakplatz verlassen, sind Kasparek und Harrer schon längst in der Wand. Aber die Österreicher sind bald eingeholt. Die Deutschen haben sich an ihre Steigeisen neuartige Frontalzacken schweißen lassen. Harrer ist perplex, als er die beiden den Berg hochfegen sieht. Plötzlich kommen „da zwei heraufgelaufen, wirklich heraufgelaufen, nicht gestiegen“, heißt es in seinem Eiger-Buch. Die Münchner hätten die beiden anderen wohl überholen können, aber Vörg soll gesagt haben: „Schließen wir uns zusammen und bilden eine Seilschaft.“ Und so passiert es auch. Aus zwei Tandems wird ein Quartett.

Rückkehr: Heckmair (l.) und Harrer im Juli 1998 vor der Gedenktafel nahe der Bahnstation Eigerwand in Grindelwald.

Von der Kleinen Scheidegg, einer Passhöhe zwischen Eiger und Lauberhorn, ist das Nordwand-Abenteuer perfekt einsehbar. Schaulustige, Journalisten, Angehörige drängeln sich dort Ende Juli 1938 um die Fernrohre. Wer eine Platzkarte kauft, darf drei Minuten auf den Eiger schauen. Alle Dramen – wenn sich nicht grad eine Wolke davor schiebt – passieren vor den Augen der Öffentlichkeit. Die vier Bergsteiger bekommen davon natürlich nichts mit. Sie kämpfen mit der „Mutter aller Wände“, allein und auf sich gestellt. Einmal wird es Heckmair furchtbar schlecht – wahrscheinlich von den Ölsardinen, die er am Abend gegessen hat. Ludwig „Wiggerl“ Vörg macht ihm einen Tee. Schon bald geht’s dem Kameraden besser.

Einmal werden sie von mehreren Lawinen hintereinander heimgesucht. Jetzt kommt der Tod, denkt Harrer. Ein Eishaken droht sich zu lösen. Aber Kasparek hält seinen Arm schützend darüber. Steine knallen auf seine Hand und reißen die Haut auf. Kasparek erträgt den Schmerz und rettet den Haken. Die vier klammern sich an der Wand fest – und überleben. Einmal stürzt Heckmair ein paar Meter ab, Vörg hält erst das Seil fest, dann lässt er los und fängt Heckmair mit den Händen auf. Dabei, so schreibt es Heckmair in seinen Erinnerungen, dringen seine Steigeisenzacken in Vörgs Handballen. Blut spritzt, Vörg wird leichenblass. Aber mit einem Fläschchen Herztropfen päppelt Heckmair seinen Freund wieder auf. Der Aufstieg ist die ultimative Qual. Aber die vier Unbeugsamen geben nicht auf, nie. „Die wahre Geschichte der Eiger-Nordwand ist furchtbarer und großartiger, als Menschen sie je erfinden könnten“, schreibt Harrer später. Am 24. Juli um 15.30 Uhr endet die Geschichte. Sie sind da, ganz oben. Kasparek und Harrer sind 85 Stunden in der Wand, Heckmair und Vörg 61 Stunden, als sie den Gipfel erreichen. Eine Großtat. Die Tat ihres Lebens.

Und was ist aus den Helden geworden? Ludwig Vörgs Schicksal ist tragisch. Er fällt mit 29 Jahren – am 22. Juni 1941 als Gefreiter der Wehrmacht, es ist der erste Tag des Überfalls auf die Sowjetunion.

Anderl Heckmair überlebt die Ostfront. Er unternimmt Expeditionen nach Afrika, in die Anden und zum Himalaya. Der Verband der Deutschen Berg- und Skiführer wird 1969 auf sein Betreiben hin gegründet. Er stirbt 2005 mit 98.

Fritz Kasparek bleibt den Bergen treu. Er macht sie zu seinem Beruf. 1954 leitet er die „Österreichische Andenexpedition“ nach Peru. Beim Versuch, den 6271 Meter hohen Salcantay zu besteigen, stürzt er 1500 Meter tief und stirbt.

Helmut Harrer führt das schillerndste und bizarrste Leben aller Nordwand-Helden. Er ist Mitglied der Nanga-Parbat-Expedition der Himalaya-Stiftung München. Eine Erstbesteigung klappt nicht, auf dem Rückweg wird Harrer 1939 vom Kriegsausbruch überrascht. Die Engländer nehmen ihn gefangen. Im April 1944 gelingt ihm die Flucht. Er schlägt sich bis in die tibetische Hauptstadt Lhasa durch. Dort trifft er den jungen Dalai Lama und wird ein väterlicher Freund für ihn. 1952 kehrt er zurück nach Europa, wo er sein Buch „Sieben Jahre in Tibet“ veröffentlicht. Ein Welterfolg, der später verfilmt werden sollte. Mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Harrer stirbt 2006 in Kärnten.

Und was macht der Eiger heute? Er thront noch immer in den Berner Alpen. Aber ein ultimatives Abenteuer, nein, das ist die Nordwand keins mehr. Sie ist „für die besten Kletterer heute fast ein Frühlingsspaziergang“, sagte Reinhold Messner kürzlich in einem Merkur-Interview. Der Extrem-Kletterer Daniel Arnold schafft die Heckmair-Route im Jahr 2011 in zwei Stunden und 28 Minuten. Wahnsinn, schon wieder.

Stefan Sessler

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