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Dieses Heim in Inzell muss geschlossen werden.

Trotz massiver Mängel: Kampf um Pflegeheim

Inzell - In knapp zwei Wochen muss das Seniorenheim in Inzell dicht machen – Kontrolleure hatten massive Pflegemängel festgestellt. Trotzdem kämpfen Angehörige von Heimbewohnern gegen die Schließung.

Gegen die Schließung eines Seniorenheims in Inzell (Kreis Traunstein) formiert sich Widerstand: Angehörige von Bewohnern haben eine Initative gegründet, die Klage einreichen wird. Wie berichtet, hatte die zuständige Heimaufsicht im Landratsamt Mitte Juli die Schließung bis spätestens 22. August angeordnet.

Trotz behördlich festgestellter Mängel will eine Gruppe um Eckart Klenner aus Unterwössen gegen die Schließung des Heimes, das zur „H & R Senioren Heimbetriebsgesellschaft mbH“ gehört, kämpfen – oder zumindest die Frist verlängern. Klenners 88-jährige Mutter lebt seit 2008 in dem Seniorenheim. Seiner Auskunft nach fühlt sie sich dort „pudelwohl“. In jeder Einrichtung dieser Art käme es zu pflegerischen Mängeln. Die vierwöchige Frist, in der für die Senioren ein neuer Betreuungsplatz gefunden werden müsse, sei viel zu knapp und „eine Frechheit“. Zudem seien andere Heime in der Region deutlich teurer: In Inzell müsse er jetzt 1024 Euro in Eigenleistung erbringen, anderswo bis zu 1900 Euro. Weil das Heim günstiger sei als andere, sei es manchen ein Dorn im Auge. Klenner spricht für die Angehörigen von 31 Heimbewohnern. Zwei pensionierte Volljuristen aus ihren Reihen werden rechtlich gegen die Schließung vorgehen. Laut Landratsamt sind bereits 24 von ehemals 74 Heimbewohnern umgezogen. Die Rückmeldung von deren Angehörigen seien positiv und erleichtert.

Zum Hintergrund: Bei mehreren Kontrollen hatten Heimaufsicht und der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) „gravierende Mängel u.a. bei der Pflege und Betreuung“ festgestellt, so hieß es in einem Schreiben. Die Kontrolleure berichteten von „Liegen in Exkrementen von morgens bis abends“ sowie von nicht dokumentierter Medikamentenverabreichung. Patienten waren wundgelegen, die Flüssigkeitsversorgung war mangelhaft, es fehlten Schutzvorkehrungen gegen Stürze. Pflegekräfte, die aufgrund der Missstände gekündigt hatten, sprachen gegenüber unserer Zeitung von unfachlicher Wundversorgung, die Bewohner seien nur oberflächlich gewaschen worden. Mitarbeiter, aber auch Ärzte, Bewohner und Angehörige hatten sich immer wieder beschwert. Bereits zwischen Februar und Oktober 2010 verordnete die Heimaufsicht gegenüber dem Träger „H & R“ einen Aufnahmestopp – dies ist eine der Kontroll-Stufen, die das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz vorsieht. Weil sich laut Landratsamt auch nach mehreren Mahnungen keine Verbesserung ergeben hatten, griff die Heimaufsicht zum letzten Mittel und ordnete die Schließung an. Dies kommt in Bayern äußerst selten vor.

Dass Angehörige gegen die Schließung protestieren, stößt beim MDK auf Kritik. „Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass man seine Angehörigen lieber schlecht versorgt lässt, bevor man Sozialhilfe in Anspruch nimmt“, sagte Dr. Ottilie Randzio, die beim MDK Bayern für den Bereich Pflege verantwortlich ist. Sollten sich die Angehörigen den Aufpreis, den sie bezahlen müssen, nicht leisten können, gebe es die Möglichkeit, Antrag bei der Sozialhilfe zu stellen. Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek zeigte sich „fassungslos“: „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ In dem Heim sei gegen sämtliche pflegeethischen Grundsätze verstoßen worden.

Nachdem „H & R“ zuvor eine Einspruchsfrist hatte verstreichen lassen, reichte die Gesellschaft gestern einen Eilantrag beim Bayerischen Verwaltungsgericht ein, um die Schließung abzuwenden. Laut Bettina Clos, Pressesprecherin des Gerichts, soll möglichst noch vor dem Schließungstermin über den Antrag entschieden werden. „H&R“ mit Sitz in Berlin war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Heimleitung in Inzell gab keine Auskunft.

Die Pflegekassen als Kostenträger haben auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt, den Versorgungsvertrag mit dem Heimträger zu kündigen. Dann darf „H&R“ keine Kosten mehr für das Heim in Inzell abrechnen.

Carina Lechner

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