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Angst vor der Kentucky-Wurst

TTIP: Bayrische Spezialitäten aus den USA?

München - Kommen Spezialitäten wie die Nürnberger Rostbratwurst bald aus den USA? Über die Äußerung von Bundesagrarminister Schmidt (CSU) wird auch in Bayern heftig diskutiert. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Einige sehen den Vorstoß positiv.

Die Bayerische Brezn. Das Münchner Bier. Die Nürnberger Rostbratwurst. Alles von der Europäischen Union (EU) geschützte Produkte, deren Namen wie Monolithe in der Landschaft der bayerischen Essenskultur stehen. Und ihnen soll es nun an den Kragen gehen?

So waren in den vergangenen Tagen zumindest Äußerungen von Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) verstanden worden. Im Spiegel gibt er zu verstehen, dass im Zuge der Verhandlungen über das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen TTIP der Schutz regionaler Spezialitäten teilweise fallen könnte. Wenn man die Chancen eines freien Handels nutzen wolle, könne man „nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“, heißt es dort. In der Konsequenz könnten Nürnberger Rostbratwürste oder Schwarzwälder Schinken bald auch aus den USA kommen.

Im Freistaat lösen diese Sätze Verunsicherung aus. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) sagte, hier gebe es „rote Linien“, die man nicht überschreiten dürfe. Die Spezialitäten schafften regionale Identität und sicherten Arbeitsplätze. „In Bayern macht der Umsatz mit herkunftsgeschützten Produkten mehr als zehn Prozent der Gesamtumsätze der Ernährungswirtschaft aus.“ Die verbraucherpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Rosi Steinberger, sprach von einem „unnötigen Kniefall vor den USA“.

Auch Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl äußerte sich mit Blick auf die Verbraucher kritisch. Regionalität spiele eine immer größere Rolle. Grundsätzlich dürfe an Schutzstandards nicht gerüttelt werden. „Ich bin nicht bereit, das in Zusammenhang mit TTIP in Frage zu stellen“, sagte er unserer Zeitung. Allerdings müsse die EU unabhängig von TTIP darüber nachdenken, die Kennzeichnung transparenter zu machen, im Sinne der Ehrlichkeit den Verbrauchern gegenüber. Mit Blick auf die Nürnberger Bratwurst sagte er etwa: „Es kann doch nicht sein, dass es egal ist, wo das Fleisch dafür herkommt.“

79 Produkte aus Deutschland sind derzeit per EU-Siegel geschützt. Tatsächlich sagt das nichts über die Herkunft der Zutaten aus. Um die „geschützte Ursprungsbezeichnung“ zu erhalten, muss ein Lebensmittel lediglich in einem Gebiet nach einem bestimmten Verfahren erzeugt, verarbeitet und hergestellt werden. Beim Label „geschützte geografische Angabe“, das etwa die Bayerische Breze oder die Nürnberger Rostbratwurst tragen, muss nur eine dieser Produktionsstufen in der Region stattfinden. Stufe drei, die „garantiert traditionelle Spezialität“, braucht nur eine traditionelle Zusammensetzung oder ein traditionelles Herstellungsverfahren.

Verbraucher haben es schwer, hier durchzublicken, zumal in der EU mehr als 1000 Produkte ein Schutzsiegel tragen. Hier klarere Regeln zu finden, dafür plädiert auch Wolfgang Filter, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Bäckerinnung. Für die Bayerische Breze sieht er so oder so keine Gefahr – die komme „zu 100 Prozent aus Bayern“, Zutaten eingeschlossen.

Auch Bundesagrarminister Schmidt hat seine Aussagen in diese Richtung präzisiert. Ihm gehe es nicht darum, Schutzsiegel in den Verhandlungen zu opfern. Es sei den Amerikanern einfach schwer zu vermitteln, dass sie keinen Schwarzwälder Schinken in die EU exportieren dürften, wenn selbst die Europäer in der Herstellung nicht konsequent seien. Laut Foodwatch kommen zum Beispiel 90 Prozent des Schweinefleisches für den Schinken nicht aus dem Schwarzwald. Die Organisation hatte dagegen schon einmal geklagt – und verloren.

Unklare Regelungen sind auch aus anderen Gründen problematisch. Sie könnten US-amerikanischen Unternehmen nämlich Angriffsfläche bieten, um sich über die gefürchteten Schiedsgerichte in den europäischen Markt hineinzuklagen.

Diese Produkte setzen auf Natur statt Aromastoffe

Agrarminister Schmidt hat inzwischen über einen Sprecher verlauten lassen, mit ihm werde es keine Bratwürste aus Kentucky geben. Die Herkunftsbezeichnungen müssten bleiben. Die EU-Kommission erklärt die Wahrung der Siegel zu einer ihrer Hauptprioritäten. Ein Sprecher sagte: „Wir haben nicht vereinbart und wir werden nicht vereinbaren, dass der Schutz unserer geografischen Angaben in Europa vermindert wird.“

Marcus Mäckler

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