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Dieses Mädchen hat das Angebot genutzt, die türkische Sprache zu erlernen. „Ich hatte Türkisch-Unterricht in München“, schreibt sie in Großbuchstaben an die Tafel.

„Türkisch bahnt den Weg in die Gesellschaft“

München - Die Sprache ist eine Brücke zwischen Menschen und Kulturen. Nun sollen Bayerns Gymnasien diesen Verbindungsweg ausbauen: Das Kultusministerium will Türkisch als Fremdsprache fördern.

Mit seiner Forderung nach türkischen Schulen in Deutschland hat der türkische Ministerpräsident Erdogan kürzlich Empörung ausgelöst. „Das wäre der Weg in die Parallelgesellschaften“, warnte Bayerns Kultusminister gestern erneut. Doch von Erdogans Anregung zu türkischsprachigem Schulunterricht hält Ludwig Spaenle (CSU) viel. „Die Kompetenz, seine Muttersprache zu beherrschen, bietet Chancen“, betonte Spaenle. „Und die wollen wir nutzen.“

Türkisch als Wahlfach ist an bayerischen Schulen nicht neu. So wird etwa in Gymnasien in München, Bad Oberdorf (Landkreis Oberallgäu), Weiden in der Oberpfalz und Elsenfeld (Kreis Miltenberg) das Unterrichtsfach Türkisch als Fremdsprache ab der zehnten Klasse angeboten. Spaenle kündigt an: „Ich möchte das Angebot an bayerischen Gymnasien ausbauen, aber auch allen Schulen, die Türkisch als Fremdsprache anbieten können und wollen, die Möglichkeit dazu geben.“ Der Bedarf ist laut Spaenle gegeben. Zumal rund 400 000 Menschen türkischer Herkunft im Freistaat leben. Den Anteil an Hauptschülern mit Migrationshintergrund schätzt er auf 50 Prozent.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle will vor allem Schüler mit Migrationshintergrund dafür begeistern, Kompetenzen in ihrer Muttersprache zu erwerben. Dadurch ließe sich das Sprachgefühl für Deutsch verbessern. Nun wirbt der Politiker um Lehrer, die an Gymnasien einsetzbar sind.

Durch die Vermittlung von Sprachkompetenz und Landeskunde verspricht sich das Kultusministerium positive Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie für zwischenmenschlichen Beziehungen und die Persönlichkeit junger Menschen. „Wenn ich weiß, woher ich komme, weiß ich, wohin ich gehe“, zitierte Spaenle Bayerns ehemaligen Ministerpräsidenten Strauß. „Wer Türkisch kann, findet den Weg in die Gesellschaft.“ Das Beherrschen der Muttersprache stifte nicht nur Selbstbewusstsein und Identität, sondern trage dazu bei, besser Deutsch zu sprechen.

Die Umsetzung des Vorhabens braucht Zeit: Zunächst müssen Lehrer gefunden werden. „Wir haben Ressourcen an jungen Menschen, die schon im Lehramt sind“, weiß der Kultusminister. Allerdings sei eine Zusatzqualifikation notwendig. Darum sucht das Ministerium Lehrkräfte, die bereit sind, an der Lehrerakademie in Dillingen die Prüfungskompetenz zu erwerben. Dafür würden sie von der Schule freigestellt.

Vertreter türkischer Mitbürger begrüßen die Planungen des Ministeriums. „Der Vorstoß entspricht den Forderungen der Ausländerbeiräte in ganz Deutschland“, sagt Cumali Naz, Vorsitzender des Ausländerbeirats in München. „An den Gymnasien brauchen wir dringend Türkischkurse.“ Das Erlernen der Muttersprache sei ein Menschenrecht. „Wer die Muttersprache gut beherrscht, lernt viel leichter Deutsch.“ Außerdem fördere Wertschätzung von Sprache und Kultur die Lernmotivation und den Lernerfolg. Trotz aller Euphorie ist Naz skeptisch. „Es fehlt an Lehrern“, gibt er zu bedenken. Bis Zusatzqualifikationen erworben seien, brauche es eine Übergangslösung – beispielsweise in der Türkei ausgebildete Pädagogen. Gerade Lehrer mit Migrationshintergrund seien Kulturdolmetscher und könnten als Vorbilder dienen.

Corinna Erhard

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