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Am Elsa-Brandström-Gymnasium München gibt es Türkisch-Unterricht. Die Gymnasiastin Buket Babacan legte 2007 sogar ihr Abitur darin ab. "Ich hatte Türkisch-Unterricht in München", heißt es auf der Tafel.

Vorstoss von Grünen-Chef Özdemir

Türkisch - in Bayern ein Exotenfach

München - Mehr Türkisch an Schulen - die Forderung des neuen Grünen-Chefs Cem Özdemir findet auch in Bayern Anhängern. Theoretisch. In der Praxis ist es ein reines Exotenfach.

Cem Özdemir fordert mehr Türkisch an den Schulen.

"Warum soll an deutschen Schulen neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch nicht auch mehr Türkisch angeboten werden", hatte Özdemir in einem Interview gefragt. Susanna Happ kennt den Hinderungsgrund auch nicht. Die inzwischen pensionierte Lehrerin am Elsa-Brändström-Gymnasium München-Pasing kann aber viel über die praktischen Schwierigkeiten erzählen, wenigstens einigen Schülern Türkisch als Wahl- oder Grundkurs anzubieten. In München gibt es nach jahrelangen Vorläufen inzwischen drei Gymnasien, an denen das geschieht. Insgesamt rund 50 Schüler lernen am Elsa-Brändström, am Werner-von-Siemens-Gymnasium Neuperlach sowie am Klenze-Gymnasium in Sendling Türkisch. "Eine Schwierigkeit ist, Stunden zu bekommen", sagt Happ.

Die Stadt München etwa gewährt für einen Grundkurs Türkisch nur zwei Lehrstunden. Ein Grundkurs hat aber drei Stunden wöchentlich.

Also wird die dritte Stunde in der Freizeit oder in den Ferien angeboten. Ein zweite Schwierigkeit ist es, Lehrer zu finden. "Wir haben keine Lehrkräfte" - diese Einschätzung von Max Schmidt, Chef des Bayerischen Philologenverband, stimmt nicht ganz, aber fast. Bayerische Unis bieten Turkologie kaum als Lehrfach an. "Das muss sich ändern", fordert Susanna Happ. Einstweilen hat sie eine Lehrerin aus Essen rekrutiert, damit der Unterricht in München zustande kommt.

Emilia Müller warnt vor "Parallelgesellschaften"

Auch die Reaktion des neuen Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU) auf Özdemirs Vorstoß fällt eher zurückhaltend aus. "Der Schlüssel zur Integration ist Deutsch", sagte Spaenle gegenüber "Antenne Bayern". Türkisch in den Regelunterricht einzubauen sei relativ schwer, in der Güterabwägung sollte dabei Deutsch der Vorzug gegeben werden. Europaminister Emilia Müller (CSU) warnte aber davor, "Parallelgesellschaften" entstehen zu lassen.

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands BLLV, Klaus Wenzel, hält die von Özdemir aufgeworfene Frage trotzdem für "berechtigt". Es freue ihn aber, dass Özdemir Deutsch als Hauptsprache anerkenne. Kinder sollten eine Grundsprache - in aller Regel Deutsch - gut beherrschen, bevor der Sprachunterricht Sinn mache. Bei vielen Eltern seien falsche Ansichten in Umlauf. Schon Kleinkinder würden mit zwei Sprachen konfrontiert - in der Hoffnung, dass sie beides quasi ganz natürlich erlernen würden. "Diese Ansichten habe ich auch in manchen Seminaren vermittelt", sagt Wenzel selbstkritisch, "ich bin aber eines Besseren belehrt worden." Neue Erkenntnisse aus der Sprach- und Hirnforschung zeigten, dass ein Kind in einer Sprache gut zu Hause sein müsse, ehe es die zweite erlerne. "Die Kinder brauchen ein Sprachgerüst."

Das gelte auch bei zweisprachigen Eltern - sie müssten sich entscheiden, ob sie als Hauptsprache zum Beispiel Englisch oder Deutsch anwenden. Bei vielen türkischen Kinder gebe es ein ganz ähnliches Problem. "Im Elternhaus wird oft schlecht Türkisch und schlecht Deutsch gesprochen, das ist unsere Hauptsorge." Daher sei es richtig, wenn im Kindergarten und der Grundschule auf das Erlernen von Deutsch Wert gelegt werde.

Türkisch in der Grundschule - darum geht es Lehrerin Susanna Happ gar nicht. Sie will mehr Angebote für Gymnasiasten. Da hört sich die Aussage des Münchners Spaenle, gegen ein zusätzliches Türkisch-Angebot etwa als spät beginnende Fremdsprache am Gymnasium sei nichts einzuwenden, eigentlich ganz gut an. Gerade in Ballungsräumen könne dies aufgegriffen werden, sagt Spaenle. Aber den Worten, fordert Happ, sollten auch Taten folgen. In der Vergangenheit habe das Ministerium allenfalls in internen Lehrer-Rundschreiben auf die Möglichkeit von Türkisch hingewiesen, nicht aber die Schüler informiert. "Noch geht alles über Mundpropaganda."

Dirk Walter

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