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Ein Löwe für die Löwin: Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, überreicht Charlotte Knobloch den „Tutzinger Löwen“ als Würdigung für ihren Einsatz für Toleranz und Weltoffenheit.

Ehrung

Tutzinger Löwe für Charlotte Knobloch

München - Sie ist die Stimme gegen Antisemitismus in Deutschland: Nun wurde Charlotte Knobloch mit dem Tutzinger Löwen geehrt. In der traditionelle Kanzelrede in der Münchner Erlöserkirche mahnte sie, aus der Geschichte zu lernen.

Nie wieder. Sie hätte gedacht, dass sich solche Bilder nie wiederholen würden: Hetze, Plakate gegen „feige Judenschweine“, Aufrufe zum Mord. Charlotte Knobloch, die selbst als junges Mädchen den Holocaust überlebt hat, kann nicht fassen, welche Szenen sich in diesem Sommer in Deutschland abgespielt haben. „Das ist unerträglich und hat tiefe Wunden auf meiner Seele hinterlassen.“ Mit ernster Stimme sagt die 82-Jährige das, schaut von der Kanzel hinab in die Erlöserkirche und hält inne. Offen zur Schau getragener Judenhass in ihrem Heimatland, das sie vor 65 Jahren trotz der erlebten Gräueltaten nicht für immer verlassen hat, sondern bewusst als ihr Zuhause wählte. Als „Geschenk“ an die junge Bundesrepublik, im festen Glauben, dass die nächsten Generationen es besser machen würden, es ein „Nie Wieder“ geben wird. „Wenn in diesem Land nun sogar KZ-Gedenkstätten rund um die Uhr bewacht werden müssen“, sagt sie, dann laufe etwas schief. „Dann ist es nicht fünf vor 12, sondern fünf nach halb eins.“

Es sind deutliche Worte, die die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern wählt. Ihr sind die Enttäuschung und Fassungslosigkeit anzumerken. Doch statt zu resignieren, geht Knobloch in die verbale Offensive. Erhebt ihre Stimme gegen das, was da so arg schief läuft in dieser Welt, die „in keinem guten Zustand ist“. So hat sie es immer schon getan – und wurde dafür nun von der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem „Tutzinger Löwen“ ausgezeichnet. „Wir würdigen damit Ihren Maßstäbe setzenden Einsatz für Toleranz und Weltoffenheit und Ihr unbeugsames Eintreten gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus“, lobt Akademie-Direktor Udo Hahn.

Es passt: Ihr ganzes Leben lang hat Knobloch selbst wie eine Löwin gekämpft. Immer in der Hoffnung, vor allem den jungen Menschen vorzuleben, sich mit Leidenschaft zu ihrem Land und dessen Werten zu bekennen. In einem „aufgeklärten Patriotismus“. Denn nur wer stolz sei auf sein Land und dessen Werte, sei auch bereit, diese Werte zu schützen und zu verteidigen.

Es ist ein geschichtsträchtiger Tag, dieser 9. November, an dem Knobloch ihre mittlerweile zweite Kanzelrede in der Schwabinger Erlöserkirche halten darf. Und während in Berlin 25 Jahre Mauerfall gefeiert wird, zitiert die Münchnerin den in diesem Jahr verstorbenen Schriftsteller Siegfried Lenz: „Vergangenheit hört nicht auf, sie überprüft uns in der Gegenwart.“ Heutige Generationen hätten die Pflicht, die Geschichte zu analysieren, um es besser zu machen. Aber auch: sich ein Beispiel an dem zu nehmen, was Eltern und Großeltern gut gemacht hätten. Die bundesdeutsche Einheit etwa. Ein historischer Moment, der mit dem Wort „Wir“ begonnen habe: „Wir sind das Volk. Damit begann ein wunderbares Kapitel. Doch wo ist dieses Wir? Ich wünsche mir, es wieder zu spüren“, appeliert sie und bietet sich an, weiter wie eine Löwin darum zu kämpfen. Damit das schlimmste Verbrechen des 20. Jahrhunderts sich nicht wiederholt. Nie wieder.

Von Katja Kraft

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