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Auf den Bahnsteig des S-Bahnhofs Tutzing zerrten im Februar 2008 zwei junge Männer den Techniker Peter Meding, nachdem sie ihn brutal verprügelt hatten. Meding hatte Jugendliche in Schutz genommen.

Fast Wie in Solln

Tutzinger S-Bahn-Attacke: Auch Peter Meding half – und nun?

Traubing - Auch Peter Meding hat Zivilcourage gezeigt, im Februar 2008. Anderthalb Jahre vor der tödlichen Attacke von Solln schützte er in der S-Bahn Jugendliche – und wurde brutal verprügelt, von zwei jungen Männern.

Sein Leben ist dadurch aus den Fugen geraten. Und er würde trotzdem wieder helfen, sagt er.

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Er hat nie weggeschaut

Als Peter Meding am Sonntagmorgen das Radio anmacht, hört er von der brutalen Attacke in Solln – und denkt an damals. Im Radio sprechen sie vom mutigen Mann aus Ergoldsbach, der am Samstag tot am Bahnsteig lag. Da spult sich in Peter Medings Kopf der Film wieder ab von jenem 11. Februar 2008. Vom Tag, an dem er selbst auf dem Bahnsteig lag, am S-Bahnhof Tutzing, schwer verletzt.

Auch Peter Meding hatte eingegriffen. Wie Dominik Brunner, der am Samstag am Bahnhof von Solln starb, stellte er sich in der S-Bahn schützend vor Kinder, die von zwei Jugendlichen bedroht wurden. Wie Brunner zeigte er Mut, als andere wegsahen. Aber Peter Meding, der 2008 in der S-Bahn Richtung Tutzing zusammengeschlagen wurde, lebt. Noch heute leidet er unter den Folgen der Verletzungen. Sein Leben ist aus den Fugen geraten. Aber er will reden nach diesem neuen Angriff. „Das war nicht das letzte Opfer“, sagt Meding bestimmt.

Seine Geschichte hat er oft erzählt. Damals, in der S-Bahn, beobachtet der Veranstaltungstechniker die jungen Männer Jürgen F. (22) und Daniel H. (18). Sie pöbeln herum. Sie provozieren eine Gruppe Jüngerer. Sie reißen einem Jungen die Baseballkappe vom Kopf, schlagen sie ihm um die Ohren, packen ihn am Hals. Da greift Peter Meding ein. „Lasst den Kleinen in Ruh, der hat eh schon die Hosen voll, sucht euch Gleichgroße.“ Das ist der Satz, der alles im Leben von Peter Meding verändert.

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„Ich habe damals an den Rentner vom Arabellapark gedacht“, sagt Meding,. „Dem hat niemand geholfen.“ Auch in der S-Bahn nach Tutzing fuhren weitere Fahrgäste, sogar ein mit einer Warnweste bekleideter Bahnmitarbeiter. „Ich habe ihn direkt angesprochen und gesagt, das sei ja eigentlich seine Aufgabe. Aber er hat nur mit der Schulter gezuckt.“ Keiner tut etwas. Also spricht Meding selbst die Pöbelnden an. Dann geht es sehr schnell.

Jürgen F. und Daniel H. treten zu. Eine volle Bierflasche trifft Meding auf dem Kopf, fünf Mal, dann bricht er bewusstlos zusammen. Schwere Gehirnerschütterung, Schulter ausgekugelt, Schulterdach und Oberarmkopf gebrochen. Das stellen später die Ärzte fest.

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Das Entsetzen am Bahnsteig

Damals splitterten Peter Medings Knochen, später zerbricht sein Leben. Heute kann Meding, 50, nicht mehr arbeiten, er hat Schulden, ihm droht der Verlust seiner Wohnung in Traubing bei Tutzing – und er sagt: „Bei mir geht es gerade ans Eingemachte, um die Existenzfrage.“ Die Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung hat ihm das Arbeitslosengeld gestrichen. Er soll Belege nicht eingereicht haben. „Mangelnde Mitwirkung, heißt das“, sagt Meding. „Heute muss ich mir die 30 Cent für einen Anruf von Freunden leihen.“ Der couragierte Mann, den die Medien zum Helden hochjubelten, ist ein Fall für die Sozialbehörden.

Vor der Prügelattacke in der S-Bahn arbeitete Meding als Bühnentechniker, 27 Jahre lang, selbständig. Bei großen Konzerten und Benefizveranstaltungen schleppte er Lautsprecherboxen und Scheinwerfer auf die Bühne, für Gruppen wie „Genesis“ und „The Police“. Das geht heute nicht mehr. Seine Schulter ist nur sehr eingeschränkt beweglich, sie schmerzt, wenn es draußen nasskalt ist. „Mit Schleppen ist da nichts mehr“, sagt Meding, der nicht verheiratet ist, aber einen Sohn hat. Die Versicherung muss nun darüber befinden, ob Meding berufsunfähig ist. Seit Monaten zieht sich das hin.

Gerechtigkeit. Auf dieses Wort reagiert Peter Meding mit einem Seufzen. Die beiden Jugendlichen, die ihn verprügelt haben, wurden im Blitzverfahren wenige Wochen nach der Tat im März 2008 vom Jugendschöffengericht verurteilt. Bewährungsstrafen. 22 Monate und 24 Monate. Dazu bekamen Jürgen F. und Daniel H. Auflage, eine Alkohol- und Drogentherapie zu machen.

„Was muss eigentlich passieren, dass das Strafmaß ohne Rücksicht auf die Jugendlichen ausgeschöpft wird“, fragt Meding. Abschreckung, sagt er, sei das Einzige, was hier helfe. Nach dem Urteil kündigte die Staatsanwaltschaft an, in Berufung zu gehen. Neu aufgerollt wurde das Verfahren bislang nicht. Auch Medings Schmerzensgeldklage über 160 000 Euro ist noch anhängig.

Darüber, dass nun wieder diskutiert wird, wie man mit gewalttätigen Jugendlichen umgehen muss, kann Peter Meding nur lachen: „Das ist jetzt vielleicht wieder bis zur Bundestagswahl Thema, und danach redet keiner mehr darüber.“ Mehr Wachpersonal in den öffentlichen Verkehrsmitteln, was nun zum Teil gefordert wird, sei keine Lösung.

„Die dürfen ja gar nicht eingreifen, sondern auch nur den Notrufknopf drücken.“ Ein höherer Strafrahmen sei unnötig, „solange der derzeitige nicht ausgeschöpft wird“. Und dass alle über 18-Jährigen nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt würden, wie es Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) fordert, sei nur angemessen. „Ein 18-Jähriger hat doch sonst auch alle Rechte, die ein Erwachsener hat“, findet Meding.

Was helfen könne, sei umfassende Prävention: „Anti-Aggressions-Training als Pflichtfach, nicht nur einmal in der Woche.“ Nach der brutalen Attacke auf ihn lud die Polizei Meding mehrfach ein, in Schulen mitzugehen, um dort über das zu reden, was passiert war. „Solche Einzelaktionen reichen aber nicht aus.“ Regierung, Polizei, Bildungseinrichtungen: Alle müssten an einem Strang ziehen. „Sonst war der Mann in Solln nicht der letzte Tote.“

Die Heftigkeit, mit der Jugendliche in den vergangenen Jahren bei Gewaltdelikten im Nahverkehr zugeschlagen haben, entsetzt Meding. „Diese Brutalität, die beschäftigt mich bis heute.“ Meding glaubt, dass Killerspiele und gewaltverherrlichende Filme sicher dazu beigetragen haben, die Hemmschwelle zu senken. Und die Perspektivlosigkeit, mit der viele Jugendliche heute aufwachsen. „Aber Resignation muss nicht in Gewalt umschlagen.“

Über seine Situation will Meding nicht klagen. „Einen Rock’n’Roller wie mich haut nichts so schnell um“, sagt er und lacht. Doch er habe beobachtet, dass die Opfer von Straftaten allzu oft alleine gelassen würden. Nicht nur er. „Wenn die Täter verurteilt sind, interessiert sich niemand mehr für die Opfer.“ Die Medien nicht. Politiker nicht. „Es interessiert niemanden, ob ich morgen etwas zu essen habe. Da kann ich auf das Heldentum pfeifen.“ Peter Medings Leben hat sich radikal verändert. Seine Einstellung zu Gewalt und Zivilcourage nicht. „Wenn morgen dasselbe in der S-Bahn vorfallen würde, würde ich wieder genauso handeln“, sagt er. „Schließlich könnte der, der bedroht wird, mein Sohn sein.“

Caroline Wörmann

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