Pfarrer Sinha Roy aus Tuntenhausen schilderte vor Gericht die Tatnacht. Foto: kd

Nachts eine fremde Hand im Gesicht

Überfallener Pfarrer schildert sein Trauma

Traunstein - Der Prozess um die Raubüberfälle auf zwei oberbayerische Pfarrhäuser zieht sich. Gestern sollte eigentlich das Urteil gegen die beiden Angeklagten fallen. Doch die Urteilsverkündung wurde verschoben.

„Ich bin nachts gegen drei Uhr wach geworden, weil eine Hand in mein Gesicht gefasst hat.“ Mit dieser schaurigen Erinnerung begann gestern der 44 Jahre alte Pfarrer Amit Martin Sinha Roy seine Zeugenaussage. Er müsse heute noch wegen eines Traumas behandelt werden, sagte der Pfarrer aus Tuntenhausen (Kreis Rosenheim) gestern vor dem Landgericht Traunstein im Prozess um Raubüberfälle auf Pfarrhäuser. Die Männer hätten ihn mit einer Brechstange bedroht und später mit Kabeln gefesselt.

Das Duo im Alter von 25 und 26 Jahren hatte zuvor gestanden, im Sommer 2012 in Pfarrhäuser in Tuntenhausen und Böbing (Kreis Weilheim-Schongau) eingedrungen zu sein. Sie erbeuteten mehr als 6000 Euro. Sie gaben an, dabei kaum Gewalt angewendet und vorsorglich mehrmals geklingelt zu haben. Das zweite Opfer, der 74-jährige frühere Wiespfarrer Georg Kirchmeir aus Böbing (Kreis Weilheim-Schongau), sagte aus, er und seine Haushälterin seien geschlagen und brutal gefesselt worden. Die Anklage gegen die beiden jungen Männer lautet auf schweren Raub und Freiheitsberaubung. Die für gestern geplante Urteilsverkündung wurde auf den 27. August verschoben.

Der Prozess verzögerte sich, weil die Anwälte versuchten, eine juristische Einstufung für ihre Mandanten zu erreichen, die zum Beispiel eine Unterbringung in einer Entzugsanstalt statt im Gefängnis rechtfertigen würde. Ein Gutachter hatte dies zuvor nicht empfohlen, woraufhin einer der Anwälte spontan im Gerichtssaal anwesende Freunde seines Mandanten in den Zeugenstand rief. Diese versuchten in ihren Aussagen die Schwere der Drogensucht ihres Freundes darzulegen.

Vorher allerdings hatte der Tuntenhausener Pfarrer das Schock-Erlebnis weiter ausführlich geschildert. Wie es war, als die Hand in sein Gesicht fasst: „Der Handschuh hat unangenehm gestunken. An den Geruch werde ich mich ein Leben lang erinnern.“ Im Licht der Taschenlampe habe er in jener Nacht zum 17. Juni 2012 zwei Gestalten mit einem Brecheisen gesehen. Die vermummten Täter zwangen den Pfarrer, ins Büro zu gehen und den Tresorschlüssel auszuhändigen. Der Zeuge schilderte: „Sie waren enttäuscht, dass nicht viel drin war.“

Einer der beiden Täter habe ihn mit Kabelbindern an ein Stuhlbein gefesselt. „Ich habe mich eher schweigsam verhalten wegen des Brecheisens“, fuhr der Pfarrer fort. Bei der Durchsuchung hätten die Maskierten zwei EC-Karten, 450 Euro Haushaltsgeld und weiteres Bargeld erbeutet. Einer der Männer schob den 44-Jährigen mitsamt Stuhl in den Hausgang, knebelte ihn mit dem Jackenärmel der Sekretärin und fesselte ihn, auf dem Bauch liegend, an einen Heizkörper. Bevor die Räuber verschwanden, hätten sie gedroht, wiederzukommen, falls die Geheimnummern der EC-Karten nicht stimmten. Langsam sei es draußen hell geworden: „Ich hatte Angst, sie kommen wirklich wieder. Ich war fast von Todesangst beherrscht. Es ist entwürdigend, wenn man solchen Leuten komplett ausgeliefert ist.“

Der Pfarrer konnte sich damals von Fesseln und Knebel befreien. Nachdem die Telefonkabel aus der Wand gerissen waren und er kein Handy hatte, lief er ins Pfarrheim und rief von dort aus die Polizei.

Zu den Folgen des Überfalls betonte der Pfarrer: „Ich muss immer wieder befürchten, umzukippen. Seit März absolviere ich eine Traumatherapie. Meine Therapeutin meint, die Belastung bahnt sich nach und nach den Weg.“ Im Pfarrhof Tuntenhausen fühle er sich „wieder etwas besser“.

Neue Sicherheitsvorkehrungen trügen inzwischen dazu bei, dass „nach einem Dreivierteljahr das Angstgefühl nicht mehr da ist“. Der 44-Jährige akzeptierte gestern die Entschuldigungen der Angeklagten. Ein von dem 25-jährigen Täter offeriertes Schmerzensgeld von 2000 Euro lehnte der Pfarrer ab, behielt sich jedoch zivilrechtliche Schadenersatzansprüche vor.

Von M. Kretzmer-Diepold

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