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Ein Salatkopf von der Ministerin: Ilse Aigner mit einem Familienvater, der auf die Hilfe der Tafel angewiesen ist.

Aigner will ran an die Reste

Überflüssige Lebensmittel der Tafel spenden

München - Jeder Bürger kauft jährlich 82 Kilo Lebensmittel zu viel; der Großteil landet auf dem Müll. Verbraucherministerin Aigner will das ändern. Überflüssige Lebensmittel sollen an die Tafeln für die Armenspeisung gehen.

Es ist eine schier unfassbare Zahl. Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen, das sind nur grobe Schätzungen. Obst landet in der Tonne, weil es ein paar Dellen hat. Butter kommt in den Müll, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum naht. Nudeln werden aussortiert, weil die Verpackung Macken hat. Essen ist plötzlich Abfall. Das will Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner ändern. Sie ruft zu mehr Lebensmittelspenden an soziale Einrichtungen auf.

Die CSU-Politikerin stellte am Freitag auf dem Münchner Großmarkt die Kampagne „Zu gut für die Tonne“ vor. Jeder Bürger werfe im Durchschnitt pro Jahr 82 Kilo Lebensmittel weg, sagte Aigner – das sei zuviel. Die Werbekampagne soll die Lebensmittelspenden bei Supermärkten, Großhändlern, großen Konzernen mit Kantinen und anderen Firmen bekannter machen, damit diese mehr spenden. Und Aigners Initiative geht noch weiter: Auch Verbraucher sollen ermutigt werden, Lebensmittel, die zum Beispiel zu viel eingekauft wurden, abzugeben.

Die Tafeln können es brauchen. Beispiel München: „Wir verteilen nur in München jede Woche 100 000 Kilogramm an 18 000 Menschen“, sagte Hannelore Kiethe, Vereinsvorsitzende und Mitbegründerin der Münchner Tafel. Verteilt werden nur einwandfreie Lebensmittel. Doch die Spenden reichen zur Versorgung der Tafelgäste nicht aus. Der Münchner Verein kauft jede Woche Produkte zu. So geht es vielen der sozialen Einrichtungen in Bayern. Reiner Haupka aus Olching (Kreis Fürstenfeldbruck) ist bayerischer Ländervertreter der Deutschen Tafel e.V. Von den 160 Tafeln im Freistaat werden laut Haupka etwa 160 000 Menschen versorgt – Tendenz steigend. Neben zahlreichen Senioren, die unter Altersarmut leiden, kommen immer mehr junge Bedürftige: „Wir haben viele Niedriglohnarbeiter“, sagt Haupka. Menschen, die einen Job haben, aber mit dem Geld trotzdem nicht über die Runden kommen. „Das ist ein ganz neues Phänomen“, sagt Haupka.

Edeltraud Drittenpreis aus Karlsfeld organisiert die Dachauer Tafel. Sie selbst hat einen guten Kontakt zu den Supermärkten in der Region: In der Regel reichen die Lebensmittel für die 370 Familien, die zu ihr kommen. Aber sie kennt andere Fälle, zum Beispiel in Schrobenhausen. „Die Kollegin hat mir erzählt, dass sie bis auf ein paar Süßigkeiten kaum mehr etwas bekommt“, sagt die 64-Jährige. Edeltraud Drittenpreis findet, an der Einstellung der Menschen zu Lebensmitteln müsse sich dringend etwas ändern. Sie macht zuhause Tests: Einen Joghurt hat sie einmal neun Monate im Kühlschrank aufbewahrt – und ihn danach gegessen. „Der hat gerochen wie ein frischer.“ Wenn er nicht genießbar sei, merke man das.

Dass Aigner auch Privathaushalte zum Spenden auffordert, findet die Karlsfelderin gut. Schon jetzt kommen Einzelne vorbei: Vor einem Urlaub machen sie den Kühlschrank leer, wenn die Oma stirbt, räumen sie die Speis aus – oder sie kaufen extra ein bisschen mehr ein, um der Tafel etwas Gutes zu tun.

Auch Haupke von der Deutschen Tafel e.V. lobt Aigners Initiative – allerdings mit Einschränkungen. Er befürchtet einen großen bürokratischen Aufwand für die Mitarbeiter der Tafel, wenn die Lebensmittel in Kleinstmengen abgegeben werden. Schließlich haftet die Tafel dafür, dass sie nicht gesundheitsschädigend sind – zum Beispiel, dass bei Molkereiprodukten die Kühlkette nicht unterbrochen worden ist. Er schlägt eine Nachbesserung vor: Nur unkomplizierte Lebensmittel, die lange haltbar sind, sollen von Privatpersonen abgegeben werden: Nudeln, Reis und Mehl statt Joghurt, Eier und Milch.

Edeltraud Drittenpreis wäre die zusätzliche Bürokratie egal: „Überprüfen muss ich alles – auch wenn es von einem Supermarkt kommt.“ Je mehr Lebensmittel sie bekomme, desto besser: „Wenn ich nur einen Bedürftigen mehr versorgen kann, ist das doch super.“

Carina Lechner

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