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Ohne Holz geht nichts: Der Rohstoff dient beim Überlebenstraining im Bayerischen Wald nicht nur als Regenschutz. Thorsten und Tim Schlechtweg (v.l) versuchen, unter der Anleitung von Trainer Armin Hock, Feuer zu machen.

Überlebenstraining in Niederbayern

Das Camp für Kampfgeister

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Hebertsfelden - Eichenrinde gegen Schweißfüße, Asche als Zahnpasta – und Feuer wird mit dem Tampon gemacht. Bei einem Survival-Camp in einem niederbayerischen Wald lernen die Teilnehmer, wie sie in der Wildnis überleben. Es sind zwei unbequeme Tage – Tage, in denen der Wald zur Insel wird.

Dass die Sache mit dem Tampon so kompliziert ist, hätte Tim Schlechtweg, 14, nicht gedacht. Auch nicht, dass das Ding überlebenswichtig sein kann – sogar für Männer. Der Tampon, mit dem Tim gerade irgendwo mitten im niederbayerischen Wald hantiert, sieht aus wie eine lange, graue Wurst. Er ist heiß und klemmt zwischen zwei Holzbrettern. Schub und Druck. Vor und zurück. Schub und Druck. Immer wieder rollt Tim den Tampon hin und her. Er ist mit Asche gefüllt, durch die Reibung soll eine Glut entstehen. Feuermachen ohne Streichholz und Feuerzeug – in der Not kann das überlebenswichtig sein. Auf solche Situationen bereiten sich Tim und sein Vater Thorsten Schlechtweg in einem Überlebenscamp mit Survivaltrainer Armin Hock, 56, vor.

Damit liegen sie im Trend: Überlebenstrainings boomen. Immer mehr Menschen aus allen sozialen Schichten, allen Altersgruppen und von Stadt und Land machen mit. Bei Armin Hock aus Oberschneiding (Kreis Straubing-Bogen) gibt es Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene, Führungskräfte und Kinder. Langeweile, Abenteuerlust, Techniküberdrüssigkeit, Vorbereitung auf Rucksackreisen oder Angst: Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihr bequemes Leben hinter sich lassen, um sich im Wald durchzuschlagen.

Heute lernen Tim und Thorsten Schlechtweg, die aus Würzburg angereist sind, wie man Feuer macht, ein Lager baut, sich abseilt und Nahrung beschafft. Ein Leben mit der Natur, ein Ausbrechen aus dem Alltag. Zwei Tage wird der Wald zu einer Insel fernab aller Probleme. „Es ist das natürliche Leben. Einfach, rustikal und vor allem ehrlich“, sagt Armin Hock. Früher war er Soldat bei den Fernspähern, einer Eliteeinheit der Bundeswehr. Heute lebt er seinen Kindertraum. Zwischen 50 und 60 Nächte ist er im Jahr im Wald. Hock trägt einen Zehn-Tage-Bart, die schulterlangen Haare sind mit einem khakifarbenen Dreieckstuch zurück gebunden. Seine Schuhe sind dreckig, sein lila-lachsfarbenes Fleece-Shirt hat ein paar Löcher. Mit Schickimicki kommt man im Wald nicht weit.

Wer keinen Unterschlupf baut, muss im Freien schlafen, wer kein Feuerholz sucht, friert und kann kein Essen kochen. So einfach ist das. Thorsten Schlechtweg war es wichtig, dass sein Sohn Tim diese Erfahrung macht. „Damit er das Butterbrot wieder zu schätzen weiß“, sagt er. Mit seinen kurz rasierten Haaren, Bundeswehrrucksack und Militärkleidung würde er noch heute als Soldat durchgehen. Wie Armin Hock war Thorsten Schlechtweg bei den Fernspähern. Einmal fand ein mehrwöchiges Übungsszenario statt: „Es gab keinen Nachschub, keine Verpflegung, wir wussten nicht, wie lange das noch anhält“, erzählt Schlechtweg. So etwas prägt, solche Männer sind ein eigener Menschenschlag. Auch, wenn sie in zivilen Berufen arbeiten. Thorsten Schlechtweg arbeitet als Sachbearbeiter im Jobcenter. Doch manchmal überkommt ihn die Abenteuerlust.

Mit der möchte er Tim anstecken. Der konnte sich nicht vorstellen, was ihn beim Überlebenstraining erwarten würde, war aber trotzdem sofort dabei. „Ich fand es interessant, meine Freunde finden es auch cool“, sagt er. Jetzt suchen Vater und Sohn Naturmateralien für ein Lager. Äste werden zu Haussäulen, Rinden zu Dachplatten und Reisig zu einer Matratze. Zwischendurch zeigt Trainer Armin Hock immer die Verwendungsmöglichkeiten von Sträuchern, Pilzen und Bäumen. Als würde er Waren aus einem Supermarkt anpreisen. Eichenrinde gegen Schweißfüße, Brennesselfasern als Seil, Asche als Zahnpasta. Und wer in der Natur einen Longdrink mit Pfefferminzblättern genießen möchte, hat mit einem Holunderzweig den Strohhalm dazu.

Für das Abendessen schummelt Kursleiter Armin trotzdem: Es gibt nicht nur gesammelte Pilze, sondern auch Nudeln und Speck. „Sonst wären wir nur mit dem Sammeln beschäftigt gewesen“, sagt Armin Hock. Es dämmert, langsam wird es dunkel. Ein Pilzsammler, der am Nachmittag unterwegs war, ist längst wieder zu Hause. Die Gruppe sitzt nach getaner Arbeit am Lagerfeuer und wärmt die Finger auf. Jeder hat Hunger, das Mittagessen war mit Haferflocken, Milch und Bananen nicht üppig. Umso verlockender ist der Duft nach gebratenem Fleisch aus der Pfanne über dem Feuer. „Es ist so eine schöne Stimmung“, sagt Tim. Sein Handy vermisst er nicht mehr.

Beim Überlebenstraining gibt es Lagerfeuerromantik und Harmonie statt Zickenterror und Ekelprüfungen. Heuschrecken, Würmer oder Insekten wie im Billigfernsehen muss niemand essen. „Das ist totaler Blödsinn“, sagt Armin Hock. „Wenn es ums Überleben geht, kann man die Tiere so zubereiten, dass man gar nicht mehr merkt, was man isst.“ Würmer in Brot einbacken zum Beispiel. Oder Heuschrecken grillen. Überlebensshows im Fernsehen steht Hock skeptisch gegenüber. Einige „Fernsehfreaks“ sind bei einem Kurs mitten in der Nacht abgehauen – sie wollten lieber im Warmen schlafen. Einmal hat Hock für eine Überlebensshow selbst Kandidaten gecoacht. Sein Fazit: Zu gestellt, zu unrealistisch.

Ihn ärgert, dass sich in Deutschland jeder Überlebenstrainer nennen darf. Einmal war ein Kollege bei ihm in einem Aufbaukurs. Er war der einzige Teilnehmer, der sich mit dem Kompass verirrt hat. „Und er wäre mir fast abgesoffen“, erzählt Armin Hock. Sein Hund musste ihn aus dem Wasser retten. In der Wildnis wäre er verloren.

„Das Leben bevorzugt den, der vorbereitet ist“, schreibt Armin Hock auf seiner Internetseite. Als Soldat war er gefährlichen Situationen ausgesetzt, später war er als Wirtschaftsinformatiker für Risikoabschätzungen verantwortlich. Vielleicht sieht er deshalb die Zukunft skeptisch: „Vor 30 Jahren waren die Überlebenscamps ein Hobby. Heute gibt es so viele Unruhen auf der Welt. Ich glaube, dass man die Sachen irgendwann braucht“, sagt er. Ob die Angst nicht übertrieben ist? Hock findet nicht: „Man muss sich ja nur die Nachrichten anschauen. Auch bei uns kann mal was passieren. Und dann sind sicher nicht mehr alle Leute friedfertig“, sagt er. Manche Survivalfans bauen Bunker, besorgen Waffen und horten Unmengen von Vorräten – und vergessen dabei im Jetzt zu leben. Das findet Hock nicht gut – und dazu rät er auch seinen Teilnehmern nicht. Auch für Tim und Thorsten Schlechtweg kommt das nicht in Frage.

Die beiden haben Glück, es regnet nicht. Der Waldboden unter den Isomatten ist hart, aber trocken. Sie wachen erst auf, als am Morgen die Vögel zwitschern. „Die Nacht war ganz in Ordnung, es war nicht kalt“, sagt Tim, während er Holz für das Lagerfeuer sammelt. Er reibt sich die Augen und gähnt, ein bisschen müde ist er noch. Trotzdem packt er beim Frühstück mit an. „Ich hab mich besonders aufs Brotbacken gefreut“, sagt er. Mehl, Salz und Wasser in einer Pfanne mit Butter braten und fertig ist das Brot. Dass es außen ein bisschen verbrannt ist, stört niemanden.

Die Stärkung ist wichtig. Der zweite Tag wird anstrengend. „Jeder sollte seine Grenzen kennen“, sagt Armin Hock. Er hat seine bei der Bundeswehr ausgelotet. Er hat Fallschirmsprünge aus einer Höhe von bis zu 9600 Metern gewagt und sich bei den Übungen bis zum Zusammenbruch gequält. Einmal ist er so weit gelaufen, dass seine Kameraden ihm die Haut von den Füßen abziehen mussten. Sie war übersät mit Blasen. „Wenn man nichts mehr spürt, wird es gefährlich“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Ganz so hart ist das Überlebenscamp nicht, eine körperliche Herausforderung sind manche Übungen schon. Wie Tarzan hängt Tim auf einem in der Luft gespannten Seil, vier Meter unter ihm ist ein Fluss. Er ist sportlich und war schon in den Bergen beim Klettern. Mit dem Bauch hievt er sich auf die Leine. Ein Bein zeigt nach unten, das andere umklammert das Seil. In dieser Position muss Tim das Wasser überqueren. Er beißt die Zähne zusammen, sein Gesichtsausdruck ist verbissen, sein Körper angespannt. Vor Anstrengung atmet er schwer und stöhnt immer wieder auf. Zentimeter für Zentimeter zieht er sich mit dem Armen vorwärts. Er kämpft tapfer, bis er aus Erschöpfung vom Seil in die Sicherung kippt. „Das ist ganz schön schwer und tut auch echt weh“, sagt er. Über den Fluss hat Tim es nicht geschafft. Die Strecke, die er zurückgelegt hat, war trotzdem ein Erfolg. Überwindung, Kampfgeist, Geduld – auch darum geht es beim Überlebenstraining. Vielleicht ist das sogar wichtiger, als die vielen Tricks, die Armin den Teilnehmern zeigt.

Beim Feuermachen jedenfalls ist es so. Nach vielen, vielen weiteren Vor- und Zurück-Stößen hat Tim zwar noch immer keine Glut. Aber immerhin raucht der Tampon.

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