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Kolumne einer Geflüchteten: „Wir Ukrainer lernen viele neue Wörter - Saboteure, Stromausfall, Bunker, Beschuss“

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Von: Natalia Aleksieieva

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Natalia Aleksieieva ist am 7. März aus Odessa nach München geflüchtet. Sie steht vor einer Europakarte.
Natalia Aleksieieva ist am 7. März aus Odessa nach München geflüchtet. Hier berichtet sie ihre Erfahrungen. © Marcus Schlaf/IMAGO (Montage)

Natalia Aleksieieva flüchtete aus dem Ukraine-Krieg von Odessa nach München: In ihrer Kolumne berichtet sie in unregelmäßigen Abständen über ihr neues Leben in Bayern und Nachrichten aus der Heimat.

Ich bin jetzt seit elf Tagen in München – und so froh, dass ich endlich sicher bin. Jeden Morgen im Familienchat erfahre ich, wie es meinen Eltern geht. Meine Heimatstadt Odessa wurde noch nicht von Massenangriffen heimgesucht und gilt als von den Besatzern nahezu unberührte Stadt der Ukraine. Gleichzeitig kommt der Feind von Land und Meer immer näher und versucht, die Stadt einzukreisen und eine Blockade zu errichten. Jeden Tag heulen mehrmals Luftschutzsirenen auf und Explosionen sind oft aus der Ferne zu hören. Jeder ist inzwischen daran gewöhnt, die ukrainische Luftverteidigung funktioniert.

Geflüchtet aus der Ukraine: Wie Natalia Aleksieieva ihre ersten Tage in München erlebt

Über die Autorin Natalia Aleksieieva

Natalia Aleksieieva (27) ist am 7. März aus Odessa nach München geflüchtet. Sie hat viel Hilfe bekommen und wohnt aktuell bei einer Gastfamilie. Ihr Ziel ist es, so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen zu können. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihr neues Leben in Bayern – und über die Nachrichten, die Situation in ihrer ukrainischen Heimat. Ihre Texte schreibt sie auf Deutsch. Die Geschichte von Natalia Aleksieievas Flucht vor dem Ukraine-Krieg lesen Sie hier. Alle Informationen und Artikel zur Lage der Geflüchteten in der Ukraine in Bayern finden Sie auf unserer Themenseite.

Leben im Ukraine-Krieg: Wir lernen viele neue Wörter - Saboteure, Bunker, Mehrfachraketensysteme

Seit Beginn des Krieges tauchen im Leben von uns Ukrainern viele neue Wörter auf, die wir zuvor nicht benötigt haben: Saboteure, Stromausfall, Ausgangssperre, Deserteure, Bunker, Beschuss, grüner Korridor, Mehrfachraketensysteme... Jetzt ist das unsere Realität. Wir erfahren Nachrichten durch lokale Telegram-Gruppen.

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Wir Ukrainer geben nicht auf

Dort gibt es offizielle Aufrufe der Behörden und Militärberichte, Informationen über Ausgangssperren und Anordnungen in Städten, Nachrichten über Verhöre von Gefangenen, Videos von Zerstörungen, zurückgelassener Ausrüstung oder den Toten. Die Szenen vom Beschuss ziviler Objekte sind erschreckend: Wohngebäude, Kindergärten, Schulen, Internate, Tankstellen, Kirchen, Zoos – alles wird zerstört. Besonders zu Herzen gehen die Nachrichten über verlassene Tiere, die von studentischen Freiwilligen in die Tschechische Republik gebracht wurden. Ich habe ein Foto mit dieser Bildunterschrift gesehen: „Großmutter rettet ein Kätzchen. Die Soldaten retten die Großmutter. Im Hintergrund: Irpin brennt“. Wir Ukrainer geben nicht auf.

All diese Szenen bekomme ich nun nur noch durch Nachrichten und Gespräche mit meinen Eltern mit. In meinen ersten Tagen in München habe ich bereits viele Menschen kennengelernt. Mein WhatsApp-Postfach ist voll mit Nachrichten von Menschen, die mir ihre Hilfe anbieten, obwohl sie mich kaum kennen. Dafür kann ich mich gar nicht oft genug bedanken.

Mir haben Menschen geholfen, von der ukrainischen Grenze nach Deutschland zu kommen, andere lassen mich in ihrem Haus wohnen, helfen mir mit Ratschlägen und der Anerkennung meiner Unterlagen. Die Menschen hier haben so große, gütige Herzen. Ich werde ihnen das nie vergessen und nie aufhören, dankbar zu sein. Obwohl ich in Deutschland bin, fühle ich mich meiner Heimat Ukraine viel näher, als wenn ich zum Beispiel bei meinen Verwandten in Russland wäre. Und das hat nichts mit Geografie zu tun.

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